BASTARD ASS(I) FROM HELL
B.A.f.H-Handbuch von Florian Schiel
SECURED
DOCUMENT
Hoellische Lebenserleichterungen zu meiner
Biographie
Mit- und Gegenspieler:
* BAfH Bastard AssI from
Hell
* mein Schutzschild Aufschrift 'Versuch laeuft - Bitte nicht
eintreten'
* BSFH Bastard Sekretary from Hell die
Lieblingssekretaerin des BAfH Frau Bezelmann
* BafH-Sessel mit
integriertem Feuerloescher
* SCHWAFEL-Projekt Self Constructing
Hyper Wavelet Algorithms For Extrapolating Linguistics
* NERO der
hoellisch kluge Rabe von Frau Bezelmann
* Star Wars die
Lieblingsvideos vom BAfH
* Doro die Dogge vom Hausmeister ein
wirklich gut erzogenes Tier
* RkfH Reisekostenstelle from Heaven
ist ein erklaerter Feind des BAFH
* BBFH Bastard Banker from Hell
auch ein BAfH braucht ab und an einen Helfer
Bastard Ass(i) from Hell 1
Ich werfe meinen Monitor an und
schmeisse gleichzeitig die
triefende Jacke in Richtung Regal. Die
Jacke verfehlt wie immer
den Pfosten und gleitet wie ein nasser
Putzlumpen zu Boden, wo
sich sofort eine Pfuetze bildet. Ich lasse
sie dort liegen.
Sch...wetter! Weil es so kalt in meinem Buero ist
und weil die
Uni-Leitung offensichtlich zu geizig ist, mein Buero
anstaendig
zu heizen, schalte ich alle elektrischen Geraete an,
die ich
finden kann - auch die, die nirgends angeschlossen sind,
auch
die, bei denen nur noch das Netzteil und der
Luefter
funktionieren. Hauptsache, es kommt warme Luft heraus. Es
wird
sich hoffentlich auf die Stromrechnung auswirken. Geschieht
ihnen
recht!
Ich schaue im Kalender nach, was heute
ansteht: Zwei Studenten
haben sich fuer die Studienberatung
angemeldet. Hm, na gut, was
soll's! Es ist Freitag morgen und ich
bin gut gelaunt. Ich
schicke also ausnahmsweise nur dem am
Vormittag per mail eine
Absage. Das gibt mir Zeit zum
Fruehstuecken in der Kantine. Der
Chef kommt erst in einer
Stunde.Als ich zurueckkomme, haengt ein
Zettel an meiner
verschlossenen Tuere.
Sowas kann ich schon gar nicht
ausstehen! Der Handschrift nach
ist es der Chef. Jemand anders
wuerde es auch nicht wagen. Ich
klebe den Zettel, ohne ihn zu
lesen, eine Tuer weiter wieder an.
Der Chef hat schon oefters
bemerkt, dass er unsere
gleichfoermigen Tueren in unserem
Betonbunker nicht
auseinanderhalten kann. Also bitte!
Dann fahre ich die Schutzschilde aus,
mein bewaehrtes Pappschild
mit der Aufschrift 'Versuch laeuft -
Bitte nicht eintreten', und
schliesse die Tuere hinter mir.
Frueher war ich noch so naiv,
einen Schild rauszuhaengen mit
'Bitte nicht stoeren' drauf. Das
Resultat war, dass die
Sekretaerinnen - wir haben zwei, eine
junge Huebsche und ... aber
lassen wir das - also die
Sekretaerinnen konnten dann erst recht
nicht die Finger von der
Klinke lassen. Wer weiss, was die sich in
ihrer ueberhitzten
Phantasie ausgemalt haben.
Jetzt bin ich schlauer geworden. JEDER,
der hier schon laenger
als 7 Tage arbeitet, hat schon einmal einen
wichtigen Versuch
versaut, weil er einfach durch eine geschlossene
Tuere
hereingeplatzt ist - und wurde daraufhin vom
aufgebrachten
Versuchsleiter fast umgebracht. Ohne Psychologie
kann man hier
nicht ueberleben. Zumindest kann man nicht ANGENEHM
ueberleben.
Ich bin gerade in
alt.startrek.gossip.sexual.embarrasment, als
das Telefon laeutet.
Meiner Meinung nach gehoeren Telefone
sowieso abgeschafft. Wo
bleiben meine Grundrechte? 'BIG BROTHER
IS WATCHING YOU', das ist
mein Telefon! Nichts anderes! Email
kann man wenigstens
zurueckschicken, mit der Angabe: 'cannot
deliver mail - user got
killed'.
Ich lasse es viermal laeuten,
dann
hebe ich ab."Vermittlung", sage ich gelangweilt.
Etwas
schweigt verbluefft am anderen Ende. Ich lege auf.
Zwoelfeinhalb
Sekunden spaeter versuchen sie's nochmal. Das ist
immer so. In
ihrer grenzenlosen Dummheit glauben sie, dass sie
sich vertippt
haben. Um sie in ihrem Glauben zu bestaerken, melde
ich mich
diesmal mit: "Fakultaet 16, Dekanat." "AEh...""Ja?"
Ganz
zuckersuess. "Ich glaube, ich bin falsch verbunden...."
"Was
Sie nicht sagen! So frueh am morgen schon? Vielleicht
probieren
Sie es einfach noch einmal?" schlug ich vor, durch
und durch
hilfsbereit."Ah, ja", sagt sie erleichtert.
Dann besinnt sie sich
auf ihre gute Kinderstube. "Entschuldigen
Sie bitte die
Stoerung." "Aber das macht doch nichts..."
Ich ueberlege, ob die
Stimme fuer eine Einladung auf eine Tasse
Kaffee sexy genug
klingt. Aber dann lege ich doch auf. Keine
Verabredungen mehr
ohne vorheriges X-Picture, das habe ich mir
geschworen.
Ich warte. Die Hand am Hoerer. Als es
laeutet, reisse ich den
Hoerer von der Gabel und bruelle, so laut
und agressiv ich
kann:"JA?!!!" Es lt gar nicht so
unwahrscheinlich, linke ich
unter den Key 'Aktuelle Informationen
zum Lehrangebot' in unsere
Home Page, und schicke eine Mitteilung
an alle User, dass es
wichtige neue Mitteilungen in der Home Page
gibt.Auf diese Weise
wird der langweilige Inhalt etwas aufgepeppt.
Nach dem
Mittagessen checke ich den Zugriffszaehler auf unsere
Home Page.
Gar nicht schlecht. Eine Zunahme um 16000 % in den
letzten zwei
Stunden. Gut fuer unsere Netz-Statistik.
Der Chef wird sich freuen! In der
Workstation piept es zweimal
und ich entferne meinen Schutzschild
von der Tuere. 14 Uhr, da
macht der Chef immer seine Runde. Ich
aktiviere das 'Working
Window' an meiner Workstation, ein
Dummy-Schirm mit mindestens 40
verschiedenen bunten Fenstern, die
chaotisch uebereinanderliegen.
Die einfachste Methode,
blutschwitzenden Hyperstress zu
demonstrieren. Puenktlich um 14
Uhr, 7 Minuten und 25 Sekunden
reisst der Chef, wie ueblich ohne
anzuklopfen, die Tuere auf.
Obwohl ich damit gerechnet hatte,
zucke ich zusammen. Das
passiert mir jeden Tag und es kotzt mich
an! Gequaelt laechelnd,
die Finger noch auf der Tastatur, drehe
ich mich um und wische
mir nicht vorhandenen Schweiss von der
Stirn. "AEh, guten Morgen,
Herr Leisch...hrrrm. AEh, ich
wollte nur fragen...hrrrm: muessen
wir heute noch etwas
erledigen?"
Sein Blick irrt unsicher und
beeindruckt ueber die vielen
farbigen Windows auf meinem Schirm.
Ich seufze ergeben, hole den
TOPORDNER hervor, in dem unsere
wichtigsten Termine und Aufgaben
nach Dringlichkeit geordnet
abgeheftet sind, blase die
Staubschicht weg und ueberfliege
schnell mit gefurchter Stirne
die verblichene Liste. Gott sei
Dank! Nichts, was einen ruhigen
fruehen Freitagnachmittag
gefaehrden koennte. Bis auf den
Beschwerdebrief der Univerwaltung
vielleicht. Sie schreiben, dass
der Bundesrechnungshof meine
Gehaltsabrechnungen kritisiert hat.
Sie seien zu hoch.
Das muss man sich mal vorstellen! Der
Brief datiert allerdings
vom letzten Jahr. Ich ordne ihn
unauffaellig weiter hinten wieder
ein. Vielleicht faellt er mal
aus Versehen mal in den
Reisswolf.Der Chef schaut mir kurzsichtig
ueber die Schulter und
atmet mir in den Nacken. Ich schuettele den
Kopf. "Nichts.
Absolut nichts, was nicht auch bis Montag
warten koennte."Man
beachte das Woertchen 'koennte'. Ich habe
nicht gesagt 'kann'!
Dass zwei Projektberichte bereits
ueberfaellig sind, drei Briefe
eigentlich schon Anfang der Woche
haetten rausgehen muessen und
dass seine Sekretaerin - zum Glueck
die haessliche - gedroht hat
zu kuendigen, wenn er ihr nicht
endlich eine Gehaltsaufbesserung
besorge, wuerde dem Chef nur das
Wochenende verderben.
"Ah. Das ist aber schoen!"
freut sich der Chef, und ich freue
mich als loyaler Untergebener,
dass der Chef sich freut, und
fletsche pflichtbewusst die Zaehne.
"Dann...aeh...kann ich ja
zuhause noch an dem FGD-Gutachten
arbeiten. "Ich denke, dass er
denkt: "Dann kann ich ja
heute nachmittag doch zum Tennisspielen
gehen."Und ich denke
fuer mich ganz alleine: "Sobald du weg bist,
bin ich auch
weg!" Schwierig, wenn man in seinem Job fuer andere
mitdenken
muss.
Ich will gerade gehen, als es zaghaft
klopft. An meiner Tuere.
Freitag Mittag. Ich rufe unglaeubig:
"Herein!" und es erscheint
ein blasses Juengelchen mit
verpickeltem Gesicht und straehnigem
langen Haar in der
Tueroeffnung. "AEh", sagte es zoegernd, "ich
hatte
mich angemeldet, zur Studienberatung... "Natuerlich! Die
mail,
die ich mir aus falschen Grossmut heute morgen verkniffen
hatte.
Jetzt habe ich den Salat!
Ich bitte das Juengelchen herein und zu
platzen. Es setzt sich
ganz vorne auf die Kante und blickt
beeindruckt auf die vielen
Messgeraete und Rechner. Dann sage ich:
"Habt Ihr Euch sonst
schon umgetan?" "Haeh?
Umgetan?" Ich beugen lassen. Gebraucht der
Zeit, sie geht so
schnell von hinnen. Ach!" Ich schliesse die
Augen, werfe den
Kopf in den Nacken und fuehre den Handruecken
theatralisch an die
Stirne. Als ich die Augen wieder oeffne, hat
das Juengelchen
bereits die Hand an der Tuerklinke. "Err. Ich...
mir gefaellt
gerade ein... ich habe noch einen dringenden...
Entschuldigen Sie
bitte..." Und draussen ist er. Wir wollen doch
keine
Studentenschwemme ausloesen, oder?
Bastard Ass(i) from Hell 2
Ich ueberarbeite gerade die Fragen fuer
die diesjaehrige
Zwischenpruefung - ein paar unloesbare
Aufgabenstellungen zeigen
doch erst, was in den Studenten WIRKLICH
steckt - als ploetzlich ein
ungewohntes Verlangen in mir
aufsteigt. Ich nehme die Finger von der
Tastatur und ueberlege.
Wieso moechte ich auf einmal aus heiterem
Himmel den verschollen
geglaubten Schluessel zum Kaffeeraum
zurueckgeben?
Als
Wissenschaftler bin ich es gewohnt, meinen spontanen Regungen
nicht
sofort nachzugeben, sondern diese zunaechst gruendlichst
zu
analysieren. Also gehe ich stracks in die Bibliothek und
bewaffne mich
mit einschlaegiger Literatur. Zwei Stunden spaeter
steht die Sache fest:
Ganz zweifellos leide ich an einem akuten
Anfall von galoppierenden
Altruismus in Verbindung mit beginnender
Saulus-Paulus-Neurose.
Die meisten Autoren warnen vor der
Moeglichkeit, dass die Sache
chronisch bzw. irreparabel wird!
Bedauerlicherweise wird kein
Gegenmittel genannt. Ich muss also
improvisieren.
Kurz darauf verlaesst die
Bibliothekarin den Raum, um mit ihren
Kolleginnen im Sekretariat
zu ratschen. Ich schnappe mir die fuenf
sorgfaeltig sortierten
Karteikartenstapel auf ihren Schreibtisch und hebe
jeweils die
obersten zehn Karten ab. Den Rest mische ich gruendlich
durch -
ich haette als Croupier Karriere machen sollen! - und verteile
sie
wieder auf die fuenf Stapel. Oberflaechlich betrachtet, schaut
noch
alles ganz in Ordnung aus. Ich raeume noch in zwei Regalen
die
Buecher um, so dass die 'Reden Platons' jetzt
unter
'Tensormathematik' zu finden sind, und verteile meinen
ausgelutschten
Kaugummi gleichmaessig ueber die Lesesessel.
Jetzt fuehle ich mich etwas besser. Ich
kann sogar am Sekretariat
vorbeigehen, ohne an den
Kaffeeraum-Schluessel zu denken. Um ganz
sicher zu gehen, drehe
ich auf dem Rueckweg in mein Buero jede dritte
Leuchtstoffroehre
in ihrem Sockel um 90 Grad, so dass sie erlischt. Es
ist immer
wieder ein Vergnuegen, unseren kleinen dicken Hausmeister
zu beobachten, wenn er schwitzend wie
ein Affe auf seiner Aluleiter
hockt und einen Wutanfall nach dem
anderen bekommt.
Zurueck in meinem Buero rufe ich die
Haustechnik an und mache den
Leuten Dampf. Ich weiss sowieso, dass
die um diese Zeit nichts tun als
Kaffee zu trinken und die
Abendzeitung von vorne bis hinten
durchzulesen. Es sei ein
Skandal, sage ich empoert, hier oben muesse
man sich im Dunkeln
seinen Weg suchen. Ich knalle den Hoerer auf die
Gabel und wende
mich wieder meiner eigentlichen Aufgabe heute zu.
Die
Pruefungsaufgaben brauchen noch den entscheidenden Touch. Ich
fuege
noch folgenden Absatz ein:
"Wichtiger Hinweis:
Da sich
einige Aufgaben auf die Loesung anderer Teile der Pruefung
beziehen,
empfehlen wir folgendes Vorgehen bei der Bearbeitung.
Loesen Sie
zunaechst Aufgabe 1 a und d, anschliessend 4 e, f und a.
Durch
geschickte Kombination der Ergebnisse aus 4 a und 1 d sowie
von 1
a und 4 f koennen Sie bei der anschliessenden Loesung von
Aufgabe
2 sofort mit Teil c beginnen. Vorteilhaft ist dann vor
der
Bearbeitung von 3 a, b und f die Aufgabe 1 b und c zu loesen.
Die
Ergebnisse letzterer werden zwar erst in 5 c benoetigt, aber
wegen der
recht knapp bemessenen Pruefungszeit sollten Sie nicht
unnoetig oft
die Aufgabenstellung wechseln. Loesen Sie nun die
restlichen
Aufgaben in beliebiger Reihenfolge. Beachten Sie aber,
dass 3 c auf
keinen Fall vor 6 a und 6 c idealerweise vor 4 a
geloest werden sollte.
Viel Erfolg!"
Ich drucke die Pruefungsblaetter aus
und schicke sie gleich in den
Kopierladen, damit der Chef sie vor
der Pruefung nicht mehr zu
Gesicht bekommt. Der Chef ist da viel
zu lasch; nur geforderte
Studenten koennen zeigen, was sie
koennen!
Inzwischen ist es spaet geworden und
ich schlendere hinueber in den
Hoersaal. Dort warten bereits 30
Studenten seit einer halben Stunde auf
mein Hauptseminar.
Ueberlebensregel Nummer 14: Niemals
puenktlich zu seinen
Lehrveranstaltungen erscheinen. Dozenten, die
puenktlich kommen,
sind nicht WIRKLICH wichtige Leute. Das lernt
jeder Student schon
im ersten Semester. Waehrend ich nach vorne zur
Tafel gehe, spuere
ich negative Schwingungen im Raum und hoere
gemurmelte Worte wie
'Zeitverschwendung' und 'immer zu spaet'.
Ich drehe mich mit
sorgenvoll gefurchter Stirne um und erklaere, dass
ich gerade an
den Aufgaben fuer die Zwischenpruefung arbeite. Die
negativen
Schwingungen loesen sich schlagartig in Wolken von
Angstschweiss
auf. 30 Augenpaare starren mich an, 30 Paar Ohren
klappen sichtbar
nach vorne, 30 zitternde Gestalten haengen an meinen
Lippen.
"Ja,
aeh also... ich kann nur sagen ... ", sage ich leise.
30
studentische Oberkoerper beugen sich so weit nach vorne
wie
moeglich.
"AEh...Sie sollten auf jeden Fall ...ach
nein, ich sage jetzt lieber
nichts. Das wuerde Sie nur bei Ihrer
Vorbereitung stoeren. Ausserdem
ist dann die ganze Spannung
weg."
Allgemeines Stoehnen. In der zweiten Reihe sinkt eine
Studentin
entseelt auf die Bank. Ich merke mir rasch die
Studenten, die am
lautesten stoehnen, um sie nachher rigoros
aufzurufen.
Da ich keine Lust hatte mich
vorzubereiten, werfe ich rasch einige
Formeln auf die Tafel und
murmele kaum hoerbar etwas von "...
trigonometrisches
Konvergenzkriterium unter Annahme der
Retrokontraktibilitaet der
angegliederten Tensormatrix mit Pi hoch
Theta gegen Null..."
Die
Studenten pinseln eifrig mit, ohne ein Wort zu verstehen, weil es
da
gar nix zu verstehen gibt.
Als die Tafel halb voll ist drehe ich
mich um und frage mit scharfer
Stimme, ob noch jemand zu diesem
trivialen Thema Fragen hat.
Natuerlich hat niemand. Dann rufe ich
der Reihe nach die Stoerenfriede
von vorhin auf. Keiner kann etwas
dazu sagen. Als ich das Ende der
Veranstaltung verkuende, ist die
Hoffnungslosigkeit im Raum mit
beiden Haenden zu greifen.
Es ist drei Uhr. Beschwingt schliesse
ich mein Buero heute etwas
frueher ab als sonst.
Auf dem Weg nach draussen begegnet mir
der Chef. Er schaut mich an;
ich schaue ihn an. Statt zu sagen, es
sei noch etwas frueh am Tage,
wuenscht er mir ein schoenes
Wochenende. Der Kurs in angewandter
Hypnosetechnik letztes
Semester hat sich DOCH gelohnt!
Bastard Ass(i) from Hell 3
Im Uni-Parkdeck schnappt mir ein
kleiner weisser Fiat frech den letzten
freien Platz auf dem
unteren Parkdeck weg. Fluchend merke ich mir die
Nummer und fahre
zwei Ebenen weiter hinauf aufs Dach, bis ich
endlich einen freien
Platz fuer meinen Schlitten finde. Mit jeder Treppe,
die ich
hinuntersteigen muss, steigt meine Wut um 100 Grad Kelvin.
In meinem Buero logge ich mich sofort
bei der Datenzentrale der
deutschen Autoversicherer ein und suche
nach dem weissen Fiat.
Aha, der Name kommt mir irgendwie bekannt
vor. Ich suche in
unseren Verwaltungsdateien danach, und siehe da:
es ist eine
Angestellte in der Reisekostenstelle! Und noch dazu
die Bearbeiterin
meiner Reisekostenabrechnungen!
Die RKFH
('Reisekostenstelle from Heaven') ist sowieso ein erklaerter
Feind
des BAFH; daher fasse ich das Manoever des weissen Fiat von
heute
morgen als das auf, was es ist: eine gezielte Provokation des
BAFH
durch die RKFH!
Ich suche die Reisekostenabrechnungen
der letzten fuenf Jahre heraus
und bruete eine Stunde angestrengt
ueber Bescheiden, Verordnungen
und Abrechnungslisten. Dann waehle
ich die Nummer der
Sachbearbeiterin mit dem weissen Fiat. Zuerst
geht niemand ran. Mit
jedem Laeuten steigert sich mein Blutdruck
um 10 Millimeter
Quecksilbersaeule. Kurz bevor das
UEberdruckventil anspricht, nimmt
jemand den Hoerer
ab.
"Reisekostenstelle, Muehlstein-Obergauer."
Die
uebliche Mischung aus vorgetaeuschtem Stress und Empoerung
darueber,
schon wieder gestoert zu werden. Mit anderen Worten, sie
hat sich
gerade einen Kaffee geholt und sich zu einem gemuetlichen
Schwatz
mit der Kollegin von der Amtskasse (die ich auch schon seit
der
unseligen Spesenabrechnung von 1989 auf dem Kieker
habe!)
niedergelassen.
"Hier spricht Dr. Hannibald Kohl
vom Institut fuer angewandte
Idiosynkrasienforschung", sage
ich mit empoerter Stimme.
"Ja?" fragt sie
vorsichtig.
Sie kennt den Namen natuerlich nicht, weil es ihn gar
nicht gibt. Aber
weil sie so viele Antraege zu bearbeiten hat, ist
sie sich nicht ganz
sicher, ob sie den Namen nicht vielleicht
kennen muesste. Ausserdem
zweifelt man besser nicht an einem
Namen, wenn er so aehnlich wie
Hannelore Kohl klingt - jedenfalls
nicht in diesem unseren Lande.
"Ich habe hier seit sieben
Monaten einen Reisekostenbescheid ueber
4000 Mark von Ihnen
herumliegen", sage ich wuetend, "in dem Sie mir
endlich
meine Dienstreise nach USA erstatten wollten. Seitdem ist
keine
muede Mark auf meinem Konto eingegangen!"
"AEh, wie war
nochmal Ihr Name? Ich hole dann sofort den
Vorgang..."
Ich buchstabiere ihr Hannibald Kohl.
Sie schluckt den Namen, ohne
mit der Wimper zu zucken. Naja, wenn
man selber Muehlstein-
Obergauer heisst...
Drei Minuten spaeter
ist sie wieder am Telefon.
"Hoeren Sie bitte? Es tut mir
leid. Ich kann keinen Vorgang unter
Ihrem Namen finden..."
"Das
ist ja unglaublich!!!" Ich simuliere einen Erstickungsanfall.
"Jetzt
hoeren Sie mir mal gut zu: IHRE Unterschrift ist unter
dem Bescheid
und IHR Telefon ist hier angegeben. Und jetzt sagen
SIE...
womoeglich haben Sie auch noch alle Belege
verschlampt?!"
"Koennten Sie mir den Bescheid und eine
Kopie des Antrags
herueberfaxen?" schlaegt Frau
Muehlstein-Obergauer verzweifelt als
Ausweg vor.
"Faxen?
Den Bescheid? Natuerlich. Den Bescheid schon. Den Antrag
habe ich
doch schon vor Jahren an die Reisekostenstelle geschickt.
Glauben
Sie, ich hebe mir Kopien von jedem Kinkerlitzchen auf?!"
Natuerlich
glaubt Frau Muehlstein-Obergauer das nicht. Wir einigen
uns
darauf, dass ich nur den Bescheid faxe und sie verspricht mir
dafuer
schnellstmoegliche Bearbeitung der UEberweisung.
Ich scanne einen
alten Bescheid ueber 134 Mark ein und aendere mit
Photoshop Namen
und Reisedaten, und natuerlich die Summe. Dann
faxe ich das Ganze
an die RKFH, zu Haenden Frau Muehlstein-
Obergauer.
Ich wiederhole die ganze Prozedur im
Laufe der naechsten Tage noch
viermal unter den Namen Alois
Stoiber, Hans Waigel und Ludwig
Gauweiler.
Zwei Wochen spaeter ruft mich mein BBFH
an.
"Die Amtskasse der Uni versuchte heute, eine ziemlich
hohe Summe
auf Ihr Konto zu ueberweisen - allerdings unter vier
verschiedenen
Namen, die wir nicht kennen. Wir muessen die
UEberweisungen
zurueckschicken."
Der
'Bastard Banker from Hell' schweigt erwartungsvoll.
"Acht
Prozent?" frage ich.
"Zehn."
"Gebongt. Sie
koennen die noetigen Ueberweiser gleich zu mir
schicken..."
Am
anderen Ende der Leitung klickert es heftig auf dem
Tischrechner.
"Gratuliere. Sie sind soeben um 15.124,- Mark
reicher geworden",
sagt er und legt auf.
Viel spaeter erfahre ich aus
verschiedenen Kanaelen, dass in der RKFH
seit langem mal wieder
eine Beamtenstelle zu besetzen sei. Ich leite
diese Information
sofort anonym an den Bayerischen Rechnungshof
weiter, mit dem
Erfolg, dass die Planstelle im Zuge der allgemeinen
Sparmassnahmen
bis auf weiteres nicht mehr besetzt werden darf.
Ein weiterer Punkt fuer den BAFH.
Bastard Ass(i) from Hell 4
Ich frisiere gerade die Ergebnisse der
Zwischenpruefung, damit die
Punkteverteilung exakt einer
Gaussglocke gleicht, als das Telefon laeutet.
Ich sitze ausser
Reichweite, also ueberdenke ich zuerst gruendlich, ob es sich
lohnt
aufzustehen und abzuheben.
Wahrscheinlich nicht.
Nach meiner
privaten Statistik bedeutet ein laeutendes Telefon in den
seltensten
Faellen etwas Gutes. Genauer gesagt, handelt es sich in 93%
aller
Faelle um Jemanden, der irgendetwas von einem will. 5% haben
sich
verwaehlt, 1.93% wollen nur wissen, ob man noch lebt und bei
der Arbeit
ist, und nur laeppische 0.07% sind WIRKLICH gute
Nachrichten -
Lottogewinne zum Beispiel.
Extrapoliert man diese
Statistik, fuehrt das zur zwingenden
Schlussfolgerung, dass es
sich nur alle 1420mal WIRKLICH lohnt, ans
Telefon zu gehen.
Wissenschaft ist doch etwas Wundervolles, nicht?
Es bleibt nur
noch das Problem herauszufinden, wann die statistischen
Ausreisser
passieren, wann man also WIRKLICH rangehen sollte. Bis jetzt
konnte
ich keinerlei Korrelationen feststellen. Leider.
Inzwischen hat der Anrufer aufgegeben
und die schwierige Entscheidung
hat sich erledigt.
Fuenf Minuten spaeter laeutet es
wieder. Ich stehe seufzend auf und hebe ab.
"Hallo",
sage ich.
Niemand antwortet. Das habe ich gern! Ich will gerade
auflegen, als ein
kreischendes Quietschen mein Trommelfell
zerreisst. Ein Faxgeraet! Schon
wieder!
Ich lege den Hoerer auf
den Tisch und renne rueber ins Sekretariat. Die
Sekretaerinnen
sind, wie ueblich, nicht da. Ich reisse die Stecker des
Faxgeraets
heraus - dabei werden zwar alle gespeicherten Daten geloescht,
aber
ist es vielleicht meine Schuld, dass wir so ein veraltetes Geraet
haben? -
und renne mit dem Geraet unterm Arm zurueck in mein
Buero. Dort tausche
ich rasch mein Telefon gegen das Fax und warte
gespannt.
Seit ein paar Wochen schon terrorisiert
irgendjemand den BAFH mit
sinnlosen periodischen Faxanrufen.
Wahrscheinlich hat der hirnlose Typ
sein Faxgeraet mit falschen
Nummern gefuettert und ist zu bloed zu merken,
dass sich das Fax
nicht senden laesst. Und sein ebenso bloedes Faxgeraet
versucht es
alle fuenf Minuten aufs Neue - bis ich vor Wut die Waende
hochgehe.
Jetzt! Es laeutet wieder. Mein Fax
spuckt das erste Blatt aus. Oben in der
Kopfzeile ist die
Faxnummer des Absenders angegeben. Perfekt!
Ich besorge mir vier dunkelblaue
Tonpapiere und klebe sie zu einem
langen Band zusammen. Dann
fuettere ich das dunkle Papierband in mein
Fax und waehle die
Faxnummer des Hirnlosen. Als das Papier auf der
anderen Seite
herauskommt, klebe ich es mit Tesaband am Ende fest, so
dass eine
geschlossene Schleife entsteht. Dann hole ich mir einen Kaffee,
setze
mich gemuetlich hin und beobachte zufrieden, wie nach und
nach
mehrere Kilometer schwarzes Papier uebertragen werden. Das
wird ihnen
eine Lehre sein!
Waehrend die Telekom und
Faxpapierindustrie noch glaenzende Geschaefte
machen, wende ich
wieder meiner eigentlichen Aufgabe heute zu. Die
Notenverteilung
schaut immer noch nicht nach Gauss aus. Besonders bei
1.0 und 1.3
sind noch zwei statistische Ausreisser. Ich vervollstaendige
die
Korrekturen meiner Kollegen mit einigen weiteren schwungvollen
roten
Haken und Strichen und korrigiere die Punktzahlen nach
unten. Auf diese
Weise verlagern sich die statistischen Ausreisser
irgendwo in die Naehe des
Mittelwerts bei 3.7. Zufrieden betrachte
ich den Plot. Saubere Arbeit. Der
Chef wird sich freuen. Der Chef
freut sich immer ueber huebsche
Graphiken. Um die Sache ganz
deutlich zu machen, plotte ich in roter
Frabe eine echte
Gaussglocke ueber die Verteilung und mit dunkelblau die
Grenze
zwischen 'Durchgefallen' und 'Bestanden'. Seeeehr schoen!
Inzwischen wurde die Faxverbindung
dreimal unterbrochen -
wahrscheinlich hat der Empfaenger aus
Verzweiflung den Strom
ausgeschaltet - und ich habe ihn dreimal
erneut angewaehlt. Nach meiner
Rechnung ist mindestens eine Rolle
Faxpapier bereits schwarz. Also lasse
ich Gnade vor Recht ergehen
und bringe das Faxgeraet zurueck ins
Sekretariat.
Die Sekretaerinnen sind mittlererweile
wieder zurueck und bejammern
lauthals den Verlust ihres
Faxgeraets. Als ich es nonchalant auf den Tisch
fallen lasse,
starren mich beide fassungslos an. Ich starre ohne zu
blinzeln
zurueck, bis beide wegschauen muessen. Die Ausgabe fuer
die gelb gefaerbten
Kontaktlinsen mit den senkrechten
Pupillenschlitzen hat sich gelohnt.
Keine wagt etwas zu sagen. Sie
wissen, dass sie gegen den BAFH keine
Chance haben!
Beschwingt schlendere ich in mein Buero
zurueck. Unterwegs begegnet mir
eine reichlich aufgedonnerte Lady
mit Schosshund, Typ indische
Strandratte, auf dem Arm und
geschwungener, mit Glitzersteinen besetzter
Schmetterlingsbrille.
Sie reckt sich immer kurzsichtig zu dem
Namensschild neben einer
Buerotuer, bevor sie kopfschuettelnd zum
naechsten trippelt.
"Ach,
entschuldigen Sie", sagt sie schmeichelnd zu mir, als ich sie
hoeflich
vorbeilassen will. Die Strandratte wittert in meine
Richtung, dann knurrt
sie leise und drohend. Hunde haben eben
einen guten Instinkt, das muss
man ihnen lassen - auch wenn ich
persoenlich aus irgendwelchen Gruenden
Katzen vorziehe. Besonders
schwarze.
"Ja?" sage ich, ganz Gentleman, und deute eine
leichte Verbeugung an.
"Koennen Sie mir wohl sagen, wo ich
das Zimmer von Herrn Dr.
Oberschlau finde?" fragt sie und
laechelt mich mit zwei Pfund Lippenstift
vertrauensvoll an.
Ich
gucke auf die Strandratte in ihrem Arm. Die versucht, sich in
der
Armbeuge zu verstecken, und beginnt leise zu winseln.
"Aber
natuerlich", sage ich. "Herr Dr. Oberschlau. Sie sind schon
auf dem
richtigen Wege. Sie gehen noch bis zum Ende dieses Flurs,
dann rechts
ein paar Stufen hinunter und durch die erste linke
Tuere. Klopfen Sie lieber
nicht an. Herr Dr. Oberschlau ist leider
schon etwas schwerhoerig. Haha.
Er ist gewohnt, dass jeder einfach
zu ihm hereinkommt."
Die Lady bedankt sich strahlend und
stoeckelt in der angegebenen Richtung
davon.
Ich warte und ueberlege. Habe ich jetzt
'linke' oder 'rechte' Tuere gesagt?
Man kann sich so leicht
vertun! Links, gegenueber von Oberschlau,
residiert naemlich der
Hausmeister und der besitzt eine ziemlich
unangenehme...
Aufruhr am Ende des Flures! Das tiefe
kehlige Bellen der bissigen
Hausmeisterdogge erschuettert die
umliegenden Flure. Dazwischen hoert
man schwach die verzweifelten
Hilferufe der aufgedonnerten Tussi und
das quietschende Jaulen der
Strandratte.
Was bin ich nur fuer ein Schussel!
Bastard Ass(i) from Hell 5
Es ist 14 Uhr vorbei und ich sitze wie
jedermann um diese Zeit bei
geoeffneter Tuere in meinem Buero und
warte, dass der Chef seine Runde
macht.
"Wir sind ein
OFFENES Institut", pflegt er auslaendischen Gaesten
gegenueber
immer stolz zu betonen. Besonders Russen und
Chinesen
gegenueber.
"Bei uns gibt es keine Geheimnisse.
Deshalb stehen unsere Buerotueren
immer OFFEN."
Die
auslaendischen Gaeste bewundern dann hoeflich laechelnd
(die
Chinesen) oder auch weniger hoeflich laechelnd (die Russen)
unsere
OFFENEN Tueren und fragen sich, hinter welcher
verdammten
OFFENEN Tuere es jetzt endlich was zu trinken gibt.
Sobald der Chef sich nach seinem
Rundgang wieder in seinem Buero
verzogen hat, schliesst jeder
schleunigst seine OFFENE Tuere hinter
sich, damit er nicht
andauernd die Studenten sehen muss, die muessig in
den Gaengen
herumlungern und rauchen, haschen oder was Studenten
halt sonst
noch so den ganzen Tag machen.
Heute hat sich der Chef verspaetet.
Oder....
Ich schaue gerade zur offenen Tuere, als ein Traum von
einem absolut
scharfem Maedchen vorueberschwebt. Eine Wolke
teueren Parfuems
erreicht meine bebenden Nuestern.
Mit einem Satz bin ich an der Tuere und
ziehe an der roten Schnur, die
dort fuer solche Faelle
bereithaengt. Der Stapel leerer
Computerkartonagen, den ich
kunstvoll auf einem der Aktenschraenke
im Gang installiert habe,
stuerzt ein wie ein gesprengtes Hochhaus.
Genau dem schwebendem
Traum vor die hochhackig bewehrten Fuesse.
Von hinten schaut sie
in ihren Hotpants fast noch besser aus als von
vorne. Sie
quietscht erwartungsgemaess und macht erschrocken einen
Satz nach
hinten - genau in meine starken (sic!) Arme!
Leider faellt sie nicht auch noch in
Ohnmacht - diesmal also keine
Wiederbelebungsmassnahmen.
"Himmel,
muessen Sie sich erschreckt haben", sage ich entsetzt. "Ich
habe
schon immer gesagt, diese Abfallstapel da werden nochmal
jemanden
unter sich begraben."
Sie ist vor Schreck ganz
bleich unter ihrem Makeup und ihr ... aeh ...
Dekollete (sic!)
wogt aufgeregt auf und nieder. Ich fuehre sie behutsam
in mein
Buero, setze sie auf meinen Stuhl und bringe ihr ein Glas
Wasser.
Bevor sie sich noch von dem Schrecken erholt hat, ueberrede
ich
sie, mir ihre Telefonnummer zu ueberlassen, damit ich mich
morgen
erkundigen kann, ob der Unfall auch keine Folgeschaeden
bewirkt hat.
Dann werden wir weitersehen....
Als wir uns
verabschieden, ist sie ganz von Dankbarkeit erfuellt.
Kaum ist sie weg, reisst mich das
Telefon aus meinen angenehmen
Tagtraeumen. Ich bin so guter Laune;
also hebe ich ab.
"HABEN SIE EIN FAXGERAeT?!"
bruellt es durch die Leitung.
Ich lege auf. Schlechte Manieren
sind mir ein Greul. Nicht mal 'Guten
Tag' hat er gesagt.
Das Telefon klingelt wieder. Da sich
meine gute Laune hartnaeckig haelt -
ich wundere mich selber! -
hebe ich noch einmal ab.
"SIE HABEN MIR 150 METER SCHWARZES
PAPIER GEFAXT!
LEUGNEN IST ZWECKLOS! GEBEN SIE ES ZU!"
"Sie
sind mit dem Anschluss 897-5674 verbunden", sage ich
mit
monotoner Stimme. "Leider bin ich im Moment nicht
erreichbar. Bitte
hinterlassen Sie eine Nachricht nach dem
Piepston. Ich rufe dann
sobald als moeglich zurueck."
Ich
druecke die Null fuer den Piepston und warte.
"Aeh...Hier
spricht Leitner... aeh... 897-2132. Hrrrm. Hoeren Sie gut zu!
Diese
Faxgeschichte von gestern wird noch ein Nachspiel haben!
Das
garantiere ich Ihnen!!" Der Hoerer kracht auf die
Gabel.
Leitner? Der Name kommt mir bekannt vor. Ich schaue in den
Web-
Server der Uni und suche nach Leitner.
Aha: Leitner, Prof.
Dr. F., Kanzler. Sogar mit fortschrittlicher Email-
Adresse.
Der
neue Kanzler also. Klar, der alte haette sich so einen Anruf
dreimal
ueberlegt...
Als kleinen Vorgeschmack schicke ich
den Kernel meiner Workstation
- immerhin 8 MB - 199mal ueber den
anonymen Email-Server in
Finnland an die Emailadresse des
Kanzlers. Ausserdem starte ich einen
Cronjob, der diese Prozedur
in unregelmaessigen Abstaenden
wiederholt.
Als naechstes suche ich in der
illegalen Autokennzeichen-Datenbasis im
Internet nach 'Leitner
F.'.
Der gute Mann hat drei (sic!!) Wagen angemeldet. Der Mercedes
600
ist wahrscheinlich sein Dienstwagen. Ich rufe bei der
Abschleppfirma
an, die regelmaessig die illegalen Dauerparker in
unserer Tiefgarage
entsorgt, und gebe denen die Autonummer durch.
Der Mann am anderen
Ende entschuldigt sich, dass sie erst in einer
Stunde kommen koennen
Ich versichere ihm, dass das noch dicke
reicht.
Als naechstes schicke ich ein huebsches
kleines Skript per rsh auf die
Reise, das den altersschwachen
Verwaltungsrechner der RKFH
('ReiseKostenstelle From Heaven' - das
war aber jetzt das letzte Mal.
In Zukunft wisst ihr Bescheid, ok?)
zuverlaessig in die Knie zwingt.
Waehrend die PRIME schnaufend
wieder hochfaehrt, logge ich mich
ueber einen Service-Account dort
ein und gehe stracks in die
Reisekostenabrechnungen von unserem
neuen Kanzler. In den letzten
sechs Abrechnungen, die alle noch
nicht angewiesen sind (der RKFH
sei Dank!), korrigiere ich die
Spesenabrechnungen jeweils um zwei
Groessenordnungen nach oben.
Sodann schreibe ich einen knappen, aber
aussagekraeftigen anonymen
Brief an den bayerischen Rechnungshof,
mit genauen Angaben, wo sie
die Abrechnungen eines bestimmten
Spitzenbeamten mal etwas genauer
unter die Lupe nehmen sollten.
Zu guter Letzt vertausche ich im
Telefoncomputer der Uni meine
Nummer mit der des Sekretariats vom
Rektor. Es war sowieso mal
wieder an der Zeit, meine Nummer zu
aendern. Viel zu viele Anrufe in
der letzten Zeit...
Bastard Ass(i) from Hell 6
Ich sitze mit meinem neuen, absolut
unfaehigen Hiwi Xaver in der
Cafeteria und wir versuchen
erfolglos, die Zeit bis zum Mittagessen
totzuschlagen. Es ist
Montagmorgen, der Dreizehnte, draussen nieselt es
und hier drinnen
ist absolut nichts los, was mein Laune verbessern
koennte. Falls
sich jemand wundern sollte, warum ich mit einem absolut
unfaehigen
Hiwi in der Cafete herumsitze: es ist immer noch besser,
sein
hirnloses Gebrabbel ueber mich ergehen zu lassen, als zu
beobachten,
wie er mein sorgfaeltig verschachteltes Filesystem
im
Workstation-Cluster ruiniert. Der Chef hat ihn mir aufs Auge
gedrueckt.
Mit der Begruendung, mich 'zu entlasten'. In
Wirklichkeit hofft er
immer noch, dass jemand es schafft, die
ganzen Bugs aus dem
Betriebssystem herauszubekommen, die ich in
muehsamer Kleinarbeit
hineinprogrammiert habe.
Ploetzlich fahren die Lider ueber
Xavers gelangweilten
Schlafzimmerblick um mindestens zwei Etagen
nach oben und seine
Augen leuchten auf wie in der Osram-Werbung.
Ich drehe mich
erwartungsvoll um - jede Abwechslung an einem
totlangweiligen
Montagmorgen ist ein Geschenk der Hoelle - aber es
ist lediglich Franky
am Eingang der Cafeteria.
Ich sehe an Xavers Augen, dass er
Franky noch nie zu Gesicht
bekommen hat. Ihm bleibt buchstaeblich
die Spucke weg. Es ist
allerdings auch ein einigermassen
atemberaubender Anblick fuer
jemanden, der Franky noch nie zu
Gesicht bekommen hat. Noch dazu
fuer einen, der von der TU kommt.
Wo man sich die paar
Ingenieursstudentinnen mit 500 anderen
Ingenieursstudenten teilen
muss. Franky zeigt heute die absolute
Topfigur in einem mehr als
grosszuegig ausgeschnittenen,
schulterfreien Top und bis zu dem Hueften
geschlitztem Maxi-Rock.
Alle Klamotten sind schneeweiss und
allerbeste Sahne, inklusive
die weissen Cowboystiefel, in denen die
schlanken tiefbraunen
Beine enden. Dazu die wallende goldene Maehne
und der typisch
leicht entrueckte Blick, passend zu den sinnlich halb
geoeffneten
kirschroten Lippen.
Die anderen, erfahreneren maennlichen
Gaeste der Cafeteria reagieren
einigermassen relaxed, wogegen die
anwesenden Maedels giftspruehende
Blicke in Richtung Eingang
verschiessen.
"Mein Gott! Was fuer ein Haeschen",
fluestert Xaver und schluckt
muehsam. "Kennst du die?"
"Aber
klar", sage ich gelangweilt. "Absolut scharfe Nummer.
Soll
ich...?" Ich mache eine auffordernde
Handbewegung.
"Meinst du, du koenntest uns miteinander
bekannt machen?" fragte mein
Hiwi aufgeregt. Man sieht, dass
ihm schon allein der Gedanke den
Mund waessrig macht. Ich
betrachte ihn kritisch. Vielleicht sollte ich ein
Exempel
statuieren. Zumindest wuerde das mein Laune etwas
aufbessern...
Inzwischen hat man sich Kaffee besorgt
und laesst nun den strahlend
blauen Laserblick suchend durch die
Cafeteria schweifen. Ich winke
heftig, und man schwebt strahlend
laechelnd an unseren Tisch.
Ich erspare mir die Darstellung der
absolut entwuerdigenden
Erniedrigung, die mein Hiwi Xaver
innerhalb der naechsten halben
Stunde an den Tag legt.
Schliesslich laesst sich Franky huldvoll (und
erroetend!) dazu
herbei, die Telefon-Nummer herauszuruecken, und die
beiden
verabreden sich fuer heute abend zum Essen.
"Geschieht ihm recht", denke
ich grimmig, waehrend Xaver wie in
Ekstase zurueck an seine Arbeit
eilt. "Mangelnde Menschenkenntnis
muss bestraft werden!"
Zurueck in meinem Buero entwerfe ich
rasch einen Brief an die zentrale
Personalverwaltung der Uni, mit
der Bitte, Xavers Hiwi-Vertrag
fristlos und ausserordentlich zu
kuendigen. Als Begruendung schreibe
ich, dass sein weiteres
Verbleiben an unserem Institut aus moralischen
Gruenden kaum noch
vertretbar sei. Insbesondere sei es als
bedenkliches Vorbild fuer
die juengeren Semester zu werten, dass ein
Hilfswissenschaftler
des Instituts oeffentlich Umgang mit einem
stadtbekannten
Transvestiten pflege.
Den Brief adressiere ich zu Haenden eines
der wenigen Sachbearbeiter,
die noch aus nostalgischen Gruenden
ihr CSU-Parteibuch pflegen.
Ausserdem weiss ich zufaellig, dass er
Mitglied in der Liga 'Fuer ein
sauberes Muenchen' ist und schon
seit 27 Jahren als stellvertretender
dritter Kassenwart im 'Verein
katholischer Maiburschen Untermenzig'
fungiert. Bei ihm ist mein
Brief gewiss an der richtigen Adresse.
<snip!>
WERBUNG (gesungen)
Haben Sie auch manchmal das Gefuehl,
dass ALLES irgendwie
SINNLOS ist? Fuehlen Sie sich SCHLAPP und
ABGESPANNT und
sind immer MUEDE? Geht die ARBEIT nicht mehr leicht
von der Hand?
Es KOeNNTE natuerlich am Wetter liegen.
ODER vielleicht sind Sie
allergisch gegen das neue Haarspray?
ES KOENNTE ABER AUCH SEIN, DASS IHRE
FESTPLATTE
EINE UNWUCHT HAT!
ALARMSIGNAL. Festplatten mit Unwucht
erzeugen beim Rotieren
starke niederfrequente Schwingungen, die
sich unbemerkt ueber den
Tisch oder den Fussboden bis in Ihren
Koerper hin fortpflanzen koennen.
Solche schaedlichen mechanische
Schwingungen beeintraechtigen die
Funktion der vorderen
Hirnlappen, die fuer das logische Denken, das
Treffen von
Entscheidungen und konzentriertes Arbeiten zustaendig
sind.
Die
Folge: Niedergeschlagenheit, Muedigkeit und
Konzentrationsschwaeche.
LASSEN SIE ES NICHT SO WEIT KOMMEN!
Unwuchten auf Festplatten entstehen
durch ungleiche Verteilung der
Bytes auf der Oberflaeche der
Platte. Herkoemmliche Festplatten-
Controler ordnen die Bytes in
moeglichst grossen zusammenhaengenden
Bloecken an. Die logische
Folge: Auf einer Seite der Festplatte entsteht
ein Uebergewicht an
Bytes; die Platte bekommt eine Unwucht!
Helfen Sie dem ab!
Der neue unwuchtsfreie B.A.f.H.
Festplatten-Controler mit
randomisierter FAT und GVBK
('gaussverteilter Blockungskontrolle')
verhindert zuverlaessig
jegliche Unwucht auf Ihren Festplatten.
Geniessen Sie schon wenige
Minuten nach Installation die
schwingungsfreie Atmosphaere in
Ihrem Buero. Ihre Kollegen werden
Sie beneiden.
Besorgen Sie sich noch heute den neuen
unwuchtsfreien B.A.f.H
Festplatten-Controler!
(Fanfare)
<snip>
Kaum bin ich fertig, kommt der Chef
herein und teilt mir mit, dass
unsere Sekretaerin (die haessliche)
endlich gekuendigt hat. Insgeheim
registriere ich erfreut, dass
persistentes Staenkertum und permanente
Quengelei auch heute noch
zuverlaessige Wirkungen zeigen. Man muss
nur am Ball bleiben und
nicht so schnell aufgeben.
"Ich moechte gerne, dass Sie mir
bei der Anstellung einer neuen
Sekretaerin behilflich sind",
sagt der Chef.
"Ich?"
"Nun ja, ich glaube, dass
es keinen Sinn mehr hat, jemanden
einzustellen, mit dem Sie nicht
auskommen koennen", sagt der Chef
ironisch. Sollte ihm etwa
aufgefallen sein, dass wir innerhalb von fuenf
Jahren sieben
verschiedene Sekretaerinnen hatten?
"Wir werden also die
uebliche Ausschreibung machen", faehrt der Chef
fort, "und
Sie schauen sich die Bewerberinnen genau an. Ich verlasse
mich
ganz auf Sie."
Schon eine Woche spaeter sitzt die
erste Kandidatin auf meinem
Besuchersessel. Auf dem ersten Blick
gefaellt sie mir nicht gerade; viel
zu begeistert und
engagiert.
"Sie wuerden also gerne in unserem Sekretariat
arbeiten", eroeffne ich
leutselig das Interview.
Die
Kandidatin nickt begeistert.
Ich registriere den ersten
Minuspunkt: Weiss nicht, wovon sie redet,
stimmt aber dem
Vorgesetzten in spe bedingungslos zu. Kein
vernuenftig denkender
Mensch wuerde gerne bei uns arbeiten. Schon gar
nicht fuer das
mickrige Gehalt, das der Staat zahlt. Es sei denn man hat
andere
Gruende.
Ich frage die Kandidatin nach den Gruenden. Als Antwort
erhalte ich
nur Platitueden. Ich bringe das Interview zu einem
raschen Ende.
"Sie hoeren sehr bald von uns", sage ich
zum Abschied.
Die beiden naechsten Kandidatinnen sind keinen Deut
besser.
"Was machen Sie, wenn der Chef Ihnen einen Auftrag
gibt, der absolut
unsinnig ist, vielleicht sogar eine Katastrophe
heraufbeschwoeren
koennte?" frage ich beide.
Beide
antworten mutig, dass Sie in diesem Falle auf eigene
Verantwortung
das Richtige unternehmen wuerden. Unfassbar!
Resigniert lasse ich eine vierte
Kandidatin hereinkommen. Schon auf
den ersten Blick registriere
ich den Unterschied. Sie ist deutlich aelter als
die bisherigen
Bewerberinnen, hat funkelnde schwarze Augen hinter
blitzenden
Brillenglaesern, die mich mit Roentgenblick taxieren. Fast
habe
ich das Gefuehl, dass sie mit dieser Brille durch meine
Kleider
schauen kann. Meine Nackenhaare stellen sich begeistert
auf. Nicht
schlecht.
Ihr tiefschwarzes Haar traegt sie in einem
strengen Knoten und ihre
duennen blutleeren Lippen biegen sich an
den Mundwinkeln zu einem
hoehnisch-veraechtlichen Zug nach unten.
Absolut unauffaellige graue
Kleidung, schwarze hochhackige Schuhe
mit dolchartigen Absaetzen.
Bewaffnet ist sie mit einer riesigen
schwarzen Arzttasche und einem
verhaengte Vogelkaefig, den sie
sorgfaeltig hinter ihrem Sessel deponiert.
"Frau...aeh...Bezelmann.
Sie wuerden also gerne fuer uns arbeiten.
Haben Sie denn schon
Erfahrung im Umgang mit Studenten?" eroeffne
ich wie ueblich
das Interview.
Sie schaut mich an, als ob ich sie beleidigt
haette.
"Ich tue seit 15 Jahren nichts anderes", raunzt
sie mit knarrender
Stimme, die etwa so angenehm wie eine schlecht
geoelte Kellertuere
klingt. Faszinierend. Ein leises Knistern
liegt in der Luft seit sie mein
Buero betreten hat. Oder geht das
von dem Vogelkaefig aus?
"Was machen Sie, wenn der Chef Ihnen
einen Auftrag gibt, der absolut
unsinnig ist, vielleicht sogar
eine Katastrophe heraufbeschwoeren
koennte?" frage ich sie
erwartungsvoll.
Sie laechelt grausam.
"Bin ich fuer die
Entscheidungen meines Chefs verantwortlich?" fragt
sie
zurueck. Ich sehe an ihren Augen, dass sie am liebsten
hinzugefuegt
haette: "Wenn ungestraft moeglich, giesse ich
noch Oel ins Feuer, damit
sich endlich was ruehrt hier!"
Ich
bekomme immer mehr das Gefuehl, dass ich hier die neue BSFH vor
mir
habe.
"Darf ich fragen, was Sie in dem Kaefig da haben?"
frage ich an Ende
des Interviews.
Sie zieht den Schleier
herunter. In dem altmodischen Kaefig sitzt ein
alter, zerzauster
und tiefschwarzer Rabe und starrt mich mit gelben
Augen an.
"Das
ist Nero", erklaert die neue BSFH streng. "Ich stelle
als
Bedingung, dass ich ihn mit in mein Buero bringen darf. Er
langweilt
sich so zuhause."
Kann ich mir gut vorstellen.
Der Rabe blinzelt mir zu und ich blinzele
zurueck.
"Gratulation",
sage ich. "Sie haben einen neuen Job."
Bastard Ass(i) from Hell 7
Ich erledige die Post auf meine
uebliche Weise: Nach kurzem
Durchblaettern und nachdem ich sicher
bin, dass wirklich kein Scheck
dabei ist, lasse ich den ganzen
Packen locker in den Reisswolf fallen.
WIRKLICH wichtige Post
kommt sowieso nach zwei Wochen noch
einmal, mit dem roten Vermerk
DRINGEND, oder so aehnlich. Wozu
also sich selbst die Muehe machen
herauszufinden, was wichtig ist?
Es ist essentiell, sich immer nur
auf das Wesentliche zu beschraenken,
sage ich immer zu meinen
Studenten. Sic est!
In meiner Mailbox finde ich drei
Beschwerden von Studenten, dass im
PC-Labor ein Virus sein Unwesen
treibe. Zur Abwechslung mal eine
erfreuliche Nachricht aus dem
PC-Labor! Seit Leonardo da Vinci hatten
wir gar keinen Spass mehr
gehabt.
Wahrscheinlich hat die schwarze
Game-Diskette, die letzte Woche
ploetzlich auf meinem Schreibtisch
lag, doch ein Viruslein drauf gehabt.
Ab und zu schicken die
Kollegen aus dem fuenften H-Kreis mir solche
Spielsachen zum
Testen. Komisch nur, dass diesmal kein Kommentar
dabei war.
Ich hatte die Diskette stante pede ins
PC-Labor hinuebergelegt. Eine
todsichere Methode um
herauszufinden, ob ein Virus drauf ist oder
nicht. Besser als
jeder Virenscanner. Irgendein Idiot findet sich immer,
der das
Ding in einen PC steckt...
Mein eigener Rechner ist, da er niemals
unter DOS laeuft (das ueberlasse
ich dem Plebs) und ich
prinzipiell keine keine Disketten verwende (was
kann man schon in
1,4 MB speichern, frage ich?), relativ virensicher.
Trotzdem gehe ich runter, um mir den
Spass anzuschauen. Zu meiner
Ueberraschung verhaelt sich der Virus
aber ganz anders, als die
Studenten es mir beschrieben haben.
Schon waehrend des Virusscans
verschwindet ploetzlich mein
Homedirectory mit allem, was darin war.
Dann passiert erstmal gar
nichts mehr.
Wie langweilig.
Ich frage den Studenten neben mir, ob
er auch Schwierigkeiten habe.
Er zieht die Stirne kraus und
verneint. Aber gestern sei hier die Hoelle
los gewesen, meint er.
An allen PCs seien bloede Meldungen auf dem
Display erschienen.
Ich stehe auf und verkuende mit
autoritaerer Stimme:
"Meine Herren. Mit dem Hacken ist fuer
heute vorbei. Wir haben einen
nicht identifizierten Virus in den
Rechnern. Das PC-Labor wird bis auf
weiteres
geschlossen!"
Allgemeines Aufstoehnen der acht blassen
Studenten, die schon seit
Wochen an ihren geliebten PCs haengen,
statt zu studieren. Ich grinse
sardonisch-genuesslich.
"Beschweren
Sie sich nicht bei mir, sondern bei Ihrem Kollegen, der
den Virus
eingeschleppt hat. Machen Sie das Beste daraus: Gehen Sie
in den
Englischen Garten und lachen Sie sich ein huebsches Maedchen
an.
Cyber-Sex mag ja sehr fortschrittlich sein, aber wir wollen doch
die
Wirklichkeit nicht ganz aus den Augen verlieren."
Muedes
Gegrinse und weiteres Stoehnen. Ich loese dem letzten Studenten
mit
sanfter Gewalt die verkrampften Finger von der Maus und schiebe
ihn
zur Tuere hinaus. Dann verschliesse ich sorgfaeltig das PC-Labor
und
haenge ein Schild an die Tuer: 'Wegen Virenbefall bis auf
Weiteres
geschlossen'
Das duerfte die laestige Betreuungsarbeit
fuers PC-Labor in den
kommenden Monaten auf ein Minimum
reduzieren.
Auf dem Weg zurueck in mein Buero
vernehme ich im Labortrakt ein
gedaempftes Rumpeln. Ich
lokalisiere die Schallquelle nach einigem
Suchen in unserem
Tonstudio, genauer gesagt, im schalltoten Raum
dahinter, dessen
maechtige Schallschutztuere geschlossen ist. Ich stuelpe
mir in
der Regie die Kopfhoerer ueber und schalte den Monitor an -
ein
schwerer Fehler. Denn sofort pustet mir ein schlecht
gehaltener
Kammerton mit 120 dB fast beide Ohren weg. Ich reisse
mir fluchend
die Kopfhoerer runter.
Kein Zweifel: Jemand uebt
im schalltoten Raum waehrend der
Mittagspause auf der Posaune. Ich
daempfe den Monitorkanal um 90 dB
und lausche ein paar Sekunden
den holprigen Tonleitern. Kann sich
eigentlich nur um die Kollegin
Marianne handeln. Wenn ich mich recht
erinnere, war in ihrer
persoenlichen Mailbox in letzter Zeit ziemlich viel
von
Blasinstrumenten die Rede.
Posaunen sind mir schon seit meiner
Kindheit zuwider. Liegt vielleicht
daran, dass gewisse Kollegen
aus den obersten Etagen dauernd damit
herumfuchteln.
Ich schiebe dem Ganzen einen Riegel vor
- nicht den Posaunentoenen
selber, nur der Tuere zum schalltoten
Raum - und schalte als
fuersorglicher Angestellter vor dem
Verlassen des Studios den
Hauptstrom ab. Hat nicht der Chef erst
letzte Woche per
Rundschreiben jeden ermahnt, dass die technischen
Raeume beim
Verlassen immer sorgfaeltig abzuschliessen seien und
dass vor allem
darauf zu achten sei, dass der Strom abgeschaltet
werde?
Na, bitte! Ausserdem ist es im Studio wieder einmal viel zu
kuehl fuer
meinen Geschmack; deshalb drehe ich noch rasch die
Klimaanlage auf
Anschlag.
Kurz nach der Kaffeepause
horche ich noch einmal ins Studio hinein.
Aus dem Kopfhoerer
dringen keine schraegen Posaunentoene mehr. Statt
dessen sind
jetzt an der Tuere langsame Klopfsignale zu hoeren.
Viervierteltakt,
wenn mich nicht alles taeuscht.
Um den monotonen Rhythmus etwas
aufzulockern, morse ich rasch
'Hallo, wie gehts?' gegen die
Studiotuere. Die Reaktion ist prompt und
eindeutig:
"HEE!
ICH BIN HIER EINGESPERRT! MACHT DIE
VERDAMMTE TURE AUF!"
Mariannes
schrille Stimme dringt muehelos durch die 68 dB
schallgedaemmte
Tuere. Ich rechne kurz hoch, dass der Schalldruck im
Inneren der
Kabine bei ca. 115 dB liegen muss - ein durchaus
rekordverdaechtiger
Wert. Wer hat gleich noch geschrieben, dass der
Mensch nur in
extremen Situationen zu Hoechstleistungen faehig sei?
Ich schiebe den Riegel zurueck und
reisse die schwere Tuer auf.
Angenehm heisse Tropenluft schlaegt
mir aus der Dunkelheit entgegen.
Marianne stolpert, rotgluehend
wie in der Sauna, nur mit Hoeschen und
BH bekleidet aus dem
dunklen, ueberheizten Loch und blinzelt mich mit
irrem Blick
an.
"JEMAND HAT MICH HIER EINGESPERRT, DAS
LICHT
AUSGESCHALTET UND DIE HEIZUNG AUFGEDREHT!"
"Tatsaechlich",
antworte ich sachlich und betrachte eingehend ihr Fast-
Evas-Kostuem,
bis sie womoeglich noch um einige Nuancen roeter im
Gesicht wird.
"Aeh... darf man fragen, was Sie da drin
eigentlich...
aeh...?"
Inzwischen haben sich, angelockt
durch das Geschrei, einige
Zaungaeste in der offenen Studiotuere
eingefunden, die die Szene
interessiert verfolgen. Frau Bezelmann
ist wie immer an vorderster
Front dabei.
"Ich
habe...",beginnt Marianne wuetend, bricht dann aber abrupt ab
und
laesst ihren Blick ueber die zahlreichen Zuschauer streifen.
Es wird ihr
gerade klar, dass ihre gegenwaertige Erscheinung eine
hausbackene
Posaunenuebungsstunde nicht sehr glaubwuerdig klingen
laesst.
Wutschnaubend zieht sie sich wieder in das heisse dunkle
Loch zurueck,
um ihre Kleidung zu suchen, waehrend ich den
schwachen Versuch
unternehme, die exponentiell anschwellende
Zuschauerschaft zu
zerstreuen.
Bastard Ass(i) from Hell 8
Nach kurzem Heimaturlaub kehre ich
erholt und voller Tatendrang an
meinen Schreibtisch zurueck. Als
erstes oeffne ich alle Fenster, damit
sich der Schwefelgeruch aus
meinen Kleidern besser verfluechtigt.
Kaum habe ich mich hingesetzt, laeutet
zur Begruessung das Telefon. Es
ist der Chef.
Vorsichtig fragt
er, ob ich an den Abschlussbericht zum HARPO
Projekt gedacht habe.
Er sei leider heute faellig.
"Selbstverstaendlich"
antworte ich, "ich bringe ihn gleich vorbei."
Ich rufe mein huebsches kleines
Programm gen_rep auf, und eine
Maske erscheint am Bildschirm. Ich
trage Titel, Sprache, ungefaehres
Fachgebiet, Anzahl der Seiten
und vor allem die Dateien aller bereits fuer
dieses Projekt
geschriebenen Berichte (natuerlich auch die der
anderen
Projektpartner!) in die Maske ein, klicke noch den Button
'Final
Report' und starte den Generator. Nach nur 30 Sekunden
kommt der
Abschlussbericht fix und fertig aus dem
Laserdrucker.
Natuerlich enthaelt er nur zusammenhangloses Blabla,
aber das tun die
handgeschriebenen Berichte unserer Partner auch,
und ausserdem habe
ich noch nie erlebt, dass so ein Bericht
wirklich von jemandem gelesen
wurde. Also, was solls?
Irgendwann
muss ich das Programm mal patentieren lassen...
Ich bringe den Bericht gleich ins
Sekretariat und gebe ihn der BSFH.
Sie ueberfliegt die erste Seite
und zieht die Mundwinkel anerkennend
nach unten. Sie sagt nichts,
aber Nero kraechzt beifaellig, als ich das
Sekretariat verlasse.
Naja, ich habe auch nicht behauptet, dass
INTELLIGENTE Leute
darauf hereinfallen.
Nach dieser morgendlichen Anstrengung
fahre ich die Schutzschilde
hoch und entspanne ich mich bei einer
halben Stunde DooM, bis
jemand es wagt, trotz des Schutzschilds an
meine Tuer zu klopfen. Ich
wechsle in das 'Working Window',
grabsche mir eine handvoll
Messstrippen und rufe 'Herein!".
Yogi Flop steht in der Tuer. Ich lasse die Messstrippen wieder fallen.
Yogi Flop heisst eigentlich Gustav
Vorderbauer und stammt aus dem
tiefsten Chiemgau. Urspruenglich
sollte er bei uns eine Arbeit ueber die
Auswirkungen des
Tunneleffekts bei sehr kurzen Adressleitungen in
Speicherchips
erstellen. Bei seiner intensiven Beschaeftigung mit
der
Quantenmechanik muss er dann irgendwie in die
Techno-Esoterik
abgeglitten sein - vielleicht standen auch in der
Bibliothek nur ein paar
Buecher an der falschen Stelle.
Wie dem
auch sei. Jedenfalls war er ploetzlich ueberzeugt, das alte
Problem
des Dualismus von Welle und Teilchen geloest zu haben. Dass
ein
Photon bei einem Doppelspaltversuch scheinbar zufallsverteilt
mal
durch den rechten, mal durch den linken Spalt wandere, sei nur
eine
Illusion, verkuendete er. In Wirklichkeit wuerde das Photon
von den
geistigen Kraeften des Beobachters beeinflusst. Weil das
aber keiner
wisse, unsere geistigen Kraefte also voellig
ungesteuert und richtungslos
seien, verhalte sich das Photon eben
scheinbar zufallsverteilt.
Gustav verbrachte Wochen im Labor vor
der Wilsonschen
Nebelkammer und konzentrierte sich auf die
einstroemenden
Elementarteilchen. Er wollte sie dazu bewegen, nur
noch in einer
Richtung zu fliegen. Natuerlich lehnten es die
ungebildeten
Elementarteilchen ab, sich in irgendeiner Weise
beeinflussen zu lassen -
obwohl Gustav nebenher intensiv Yoga und
autogenes Training
studierte, um ihnen mit seinen geistigen
Kraeften auf die Spruenge zu
helfen. Es war der reinste Megaflop,
also gaben wir ihm schliesslich
den Spitznamen Yogi Flop.
Der arme Kerl hatte eben keine Ahnung,
dass die ganze Sch.... mit der
Quantenmechanik nichts anderes ist
als ein perfider uebler Scherz aus
der obersten Etage.
"Wissen Sie, was ich gestern
entdeckt habe?" platzt Yogi Flop heraus
und rueckt mir
dichter auf den Pelz, als meine kritische Distanz es
erlaubt.
"Nein, aber ich bin sicher, dass
ich es gleich wissen werde", sage ich
ueberzeugt.
"Im
fuenften Geheimbuch der Kabbala steht, dass manche Meister
es
vermochten, mittels bestimmter Koerperbewegungen die Materie
selbst
zu beeinflussen!"
Ich nicke beruhigend und weiche
etwas weiter ins Zimmer zurueck, um
seiner feuchten Aussprache
mehr Raum zu geben.
"Sicher", sage ich und gebe dem
Drehstuhl einen Schubs, "so zum
Beispiel."
Ohne
meinen Einwurf zu beachten, faehrt Yogi Flop begeistert
fort:
"Stellen Sie sich das nur vor: Anstatt zu programmieren
werden wir in
Zukunft die Programme nur noch denken und sie
materialisieren in
Form von Bits und Bytes in den
Speicherchips!"
Ich seufze.
"Vielleicht geben Sie mir
mal eine kurze Demonstration, damit ich es
besser verstehe...",
sage ich.
Yogi Flop schaut mich unsicher an, dann blickt er sich
suchend in
meinem Buero um.
"Na, gut. Versuchen kann ich
es ja mal. Ich versuche, den
Briefbeschwerer zu bewegen, ok?"
Ich
nicke zustimmend und weiche noch weiter zurueck; diesmal damit er
mir
bei seinem wilden Schattenboxen nicht aus Versehen ins
Gesicht
langt.
Yogi Flop stellt sich in Positur und beginnt,
konzentriert den
Briefbeschwerer zu umtanzen. Der Briefbeschwerer
bleibt davon voellig
unbeeindruckt und ruehrt sich keinen
Millimeter. Schweissperlen bilden
sich auf Yogi Flops Stirne.
Irgendwie kommt mir sein Gehampel aber
bekannt vor. Woher kenne
ich das bloss?
"Halt", sage ich, einer ploetzlichen
Eingebung folgend. Yogi Flop
verharrt unsicher wackelnd auf einem
Bein und schaut mich ueber die
Schulter fragend an.
"Die
letzte Geste war falsch", sage ich. "Den linken Arm hoeher
ueber
den Kopf und das Bein noch nicht abstellen ... ja, genau.
Jetzt weiter
wie bisher. Machen Sie den letzten Zyklus
nochmal."
Yogi Flop gehorcht anstandslos. Nach der letzten
Figur gibt es
ploetzlich ein lautes saugendes Geraeusch, wie wenn
man eine Packung
Vakuumkaffee oeffnet, und Yogi Flop verschwindet
in einem grellen
Lichtblitz.
Nur ein kleines weisses Woelkchen
verfluechtigt sich langsam in der
ruhigen Luft meines Bueros.
Ich laechele anerkennend. Der alte
babylonische Zugangskode zum
siebten H-Kreis.
'Gleichwie die Froesche, um zu quaken,
kehren
Die Maeuler aus dem Wasser, was geschieht,
Wenn schon
die Baeurin traeumt von reifen Aehren,
So staken blau bis wo die Scham man
sieht,
Die schmerzenreichen Schatten in dem Eise;
Die Zaehne
klapperten das Storchenlied.'
Vielleicht habe ich Yogi Flop doch
unterschaetzt. Ob es ihm da unten
allerdings gefallen wird, ist
eine ganz andere Frage.
<snip!>
Wir unterbrechen hier die aktuelle
Berichterstattung wie jeden Mittwoch
Nachmittag fuer unser
allseits beliebtes B.A.f.H. RATESPIEL.
(Fanfare)
Wie Sie alle wissen, geht es darum, die
Herkunft eines Zitats zu
erraten. Jawohl, des Zitats dort oben,
ganz genau!
Unsere heutige Frage lautet also :
Wer hat diesen
Unsinn wo gesagt/geschrieben/in die Brandung
gebruellt/in Fels
gehauen/auf Papyrus gepinselt/in Schnuere
geknuepft/etc.?
WENN Sie die richtige Antwort zu wissen
meinen, schreiben Sie
unverzueglich eine email mit der richtigen
Antwort an folgende Adresse:
satan@trash.circle10.hell.
Unter den ersten 10.000 richtigen
Antworten (Eile ist also geboten!)
werden 12 alte Oelkannen
(gefuellt) verlost.
(Fanfare)
Ausserdem erhalten die ersten 200
Einsender die einmalige Chance, von
einem unserer reizenden
Telefoninquisitoren/innen mit neuen aktuellen
Angeboten aus den
Bereichen Versicherungswesen,
Boersenspekulation, Immobilien,
Anlageobjekte und Fusspflege belaestigt
zu werden. Vergessen Sie
also keinesfalls, Ihre Telefonnummer anzugeben.
Wir wuenschen
ihnen (ab hier im hoellischen Chor) VIEL PECH!
<snip!>
Bastard Ass(i) from Hell 9
Wenn ich morgens ins Buero komme,
knallt schon die Sonne durch
die Ostfenster und sorgt fuer eine
angenehme Raumtemperatur von
40 Grad. Draussen zwitschern die
Voeglein, die ersten
Studentinnen mit Miniroecken tauchen auf und
die Angestellten der
Cafete stellen die Biertische und -baenke auf
den Hof unter
meinem Fenster. Es ist nicht zu uebersehen: es wird
Fruehling.
Alles strotzt vor Tatendrang und
frischem Mut - mich natuerlich
eingeschlossen.Ich verbringe einen
ruhigen Vormittag damit, die
Klistierspritzen wieder an meinem
Fensterbrett zu befestigen, mit
denen ich auf Knopfdruck kleine
Salven Yoghurt auf die Studenten
an den Biertischen verschiessen
kann.
Der Effekt ist jedesmal wieder
erheiternd - vor allem wenn gerade
Moeven oder sonstiges Federvieh
ueber dem Biergarten kreisen.
Dann leie ich mir aus unserer
Werkstatt den Akkuschrauber und
loese bei allen Baenken die
Halteschrauben der Fuesse. Nichts
lockert einen heissen,
langweiligen Sommernachmittag mehr auf,
als eine unter der Last
von 6 StudentInnen zusammenbrechende
Bank.
Wohl ausgeruestet fuer den Sommer mache
ich wieder an meine
eigentliche Arbeit. Die EPROMs unserer
Telefonanlage waren nicht
leicht zu knacken, aber Beharrlichkeit
fuehrt bekanntlich zum
Ziel. Gerade rechtzeitig fuer einen Test
kommt der Chef ins
Buero. "Herr Leisch...aeh, wir haben ganz
vergessen: wir muessen
...aeh...unbedingt heute noch ..."
Ich druecke unauffaellig auf den
Fussschalter unter meinem
Schreibtisch, den ich gestern in meiner
Sparkasse habe mitgehen
lassen. (Das wird uebrigens auch so ein
Gag, wenn die beim
naechsten Bankueberfall ins Leere treten!)
Augenblicklich laeutet
das Telefon. Mit einem entschuldigenden
Laecheln hebe ich ab.
Natuerlich ist niemand dran, aber ich fuehre
mit der geduldig
schweigenden Telefonanlage eine laengere und
schwierige
Diskussion ueber irgendein technisches Thema, das der
Chef
sowieso nicht versteht. Der Chef wartet geduldig, bis ich
fertig
bin; dann nimmt er den Faden wieder auf:"Aeh... also
wie gesagt,
auf dem Weg hierher ist mir eingefallen...aeh, wir
muessen..."
Das Telefon laeutet wieder. Diesmal ist
es sogar jemand aus USA,
der dringend meine Hilfe braucht. Der
Chef kann nicht erwarten,
dass ich ein wichtiges Ferngespraech
einfach so abwuerge. Also
wartet er wieder - allerdings nicht mehr
ganz so geduldig - bis
ich nach 5 Minuten wieder auflege.
"Errr... wo war ich gleich? Ach
ja...hrrrm... wir haben ganz
vergessen, dass wir noch heute...".
Das Telefon laeutet.
Neuseeland ist dran, mit ganz wichtigen
Informationen fuer uns.
Nachdem auch noch Paris, Washington DC und
der CIA angerufen
haben, gibt es der Chef auf und geht mit seiner
Aufgabe ein Buero
weiter zum Kollegen O. Ich aktiviere uebers Netz
das Mikrophon an
Os Workstation, stuelpe den Kopfhoerer ueber und
hoere mir an,
was der Chef eigentlich Unangenehmes von mir wollte.
"Aeh... gut, dass ich Sie
antreffe, Herr O. Eigentlich hatte ich
ja Leisch versprochen
...aeh, aber ich fuerchte, er wird sowieso
viel zuviel zu tun
haben, um die Sache in ... err...Anspruch
nehmen zu koennen. Es
handelt sich um ...aeh, den
Dingsda-Workshop in Sydney, an dem ich
eigentlich selbst
teilnehmen wollte. Leider habe ich jetzt einen
dringenden anderen
Termin, den ich wahrnehmen muss, und ...
aeh....da habe ich
gedacht...".
Sydney! Mein Wunschtraum! Ich muss
sofort etwas unternehmen! Mit
fliegenden Haenden pipe ich den
Kernel von Os Workstation mit
voller Lautstaerke auf seine
Soundkarte. Gluecklicherweise hat O
kraeftige Aktiv-Boxen an
seiner Maschine angeschlossen. Der Laerm
erreicht sogar hier in
meinem Buero noch locker die
Schmerzgrenze. Ich hoere, wie ein
Basslautsprecher sich heulend
verabschiedet. Macht nix.
Hauptsache, das Gespraech wurde
unterbrochen.
Ich mische mich in den Tum
[...]
hster Befriedigung.Kaum ist der Chef
gegangen, rufe ich mein
Spezialreisebuero an und lasse den fuer
mich gebuchten Linienflug
nach Sydney gegen ein
Pauschal-Arangement mit 1 Woche Luxushotel
am Barrier-Riff
austauschen. Selbstverstaendlich wird dies auf
der offiziellen
Rechnung nicht erwaehnt - ich will ja der RKFH
keine
Gewissenskonflikte bereiten. Nach dieser Transaktion bleibt
sogar
noch eine betraechtliche Summe uebrig, die wir bruederlich
zwischen
mir und dem Reisebuero aufteilen. Die zusaetzliche Woche
in
Australien begruende ich mit wichtigen Laborbesuchen an
verschiedenen
Universitaeten der Ostkueste."Man muss die Dinge
nicht nehmen
wie sie sind", hat unser Bastard Ausbilder immer
betont,
"sondern wie sein sollten."
Bastard Ass(i) from Hell 10
Zu den weniger angenehmen Pflichten,
denen sich auch ein BAFH
nicht ganz entziehen kann, gehoert die
Korrektur von Diplomarbeiten.
Gegenwaertig liegen drei dieser
Dinger in verschieden ausgepraegten
Stadien des natuerlichen
Zerfalls auf meinem ueberlasteten Schreibtisch.
Ich nehme die
unterste zur Hand und blase die Staubschicht weg, so
dass ich den
Titel lesen kann.
'Entwicklung eines Algorithmus zur
phasensynchronisierten Re-
Routing-Function innerhalb des dritten
Layers des Iso-Schichten-
Modells'
Ich verspuere einen
vertrauten, leichten schmerzhaften Druck in der
Stirn, genauer
gesagt, in den kleinen Hoeckern etwas oberhalb der
Schlaefen.
Warum kann ich nicht Diplomarbeiten mit wirklich
WICHTIGEN und
WISSENSCHAFTLICH INTERESSANTEN
Themen betreuen? Zum Beispiel:
'Verfuehrung mit Hilfe eines
Data Gloves' oder 'Die vielfaeltigen
Einsatzmoeglichkeiten von
Kreditkartenlesern'.
Ich quaele mich durch die
Zusammenfassung, die - der Hoelle sei Dank! -
von der
Pruefungsordnung vorgeschrieben und auf eine Seite
beschraenkt
ist. Dann verteile ich quer Beet im ganzen Schinken etwa
100
unleserliche rote Schnoerkel und grabe mich durch die
Zusammenfassung
am Ende. Nach dieser schier unmenschlichen
Leistung schlage ich
die Horoskopseite der Abendzeitung auf und
uebertrage das
Tageshoroskop des Studenten als abschliessende
Beurteilung in
roter Farbe auf die letzte Seite. Ist Ihnen schon mal
aufgefallen,
dass die die Beurteilungen von Lehrern und Dozenten
immer so
unleserlich sind? Das liegt nicht etwa daran, dass diese so viel
zu
tun haben und deshalb schnell schreiben muessen. Nein, vielmehr
soll
der nichtssagende Kommentar durch die Unleserlichkeit in
den
mystischen Rahmen eines Orakelspruchs erhoben und damit
so
unfehlbar werden wie der Papst, wenn er vor der
Kongregation
unverstaendlich ins Mikrophon muemmelt.
Ich hole meinen schwarzen Wuerfel aus
der Schublade und werfe eine 4.
Na, gut, denke ich, geben wir ihm
noch einen Bonus dafuer, dass die
Arbeit unter 100 Seiten hat.
Ich
male sorgfaeltig eine grosse rote 3 auf die erste Seite und lege
den
Schinken seufzend zur Seite. Fuer die anderen beiden habe ich
jetzt
natuerlich keine Energie mehr. Also beschraenke ich mich auf
das
Abschreiben des Horoskops und den Wuerfel. Der letzte bekommt
noch
einen Malus, weil er einen angeberischen, roten Einband fuer
sein
Manuskript gewaehlt hat.
Apropos Einband: ich bemerke, dass ich
keine Bueroklammern mehr
habe, mit denen ich immer die Schloesser
der Bueros im ersten Stock
verstopfe, wenn ich zur Cafete
hinuntergehe. Also gehe ich ins
Sekretariat und, da es wie ueblich
leer steht, bediene ich mich selber aus
dem Bueromaterialschrank
der Sekretaerinnen. Ploetzlich kraechzt es
einmal leise aber
deutlich hinter meinem Ruecken und wie aus dem
Nichts erscheint
die neue Sekretaerin. Sie wirft mir einen vernichtenden
Blick zu
und schliesst, ohne ein Wort zu sagen, betont langsam
den
Materialschrank vor meiner Nase ab. Der Rabe in
seinem
messingfarbenem Kaefig betrachtet mich haemisch, mit halb
geoeffneten
Schnabel.
Ich ueberlege einen Moment. Dann
erklaere ich Frau Bezelmann und
ihrem Raben, der interessiert den
Kopf auf die Seite legt, was man mit
einfachen Bueroklammern alles
machen kann. Die BSFH schaut mich
einen Moment lang stumm an, dann
verziehen sich ihre Mundwinkel
noch eine Idee weiter nach unten
und sie sperrt den Schrank wieder
auf.
Als ich mit den Taschen voller
Bueroklammern zu meinem Buero
zurueckkomme, werde ich bereits
sehnlichst erwartet. Ein Diplomand
tritt vor meiner Tuere
aufgeregt von einem Fuss auf den anderen. Das
umfangreiche Paket
unter seinem Arm laesst mich Boeses ahnen.
"Oh. Herr Leisch.
Ich komme, um Ihnen meine Diplomarbeit zur
Korrektur abzugeben",
sprudelt es aufgeregt aus ihm heraus, noch
bevor ich meine Tuer
aufsperren kann.
"Sind Sie sicher, dass Sie sie jetzt schon
abgeben wollen?" seufze ich.
"Wollen Sie sich 's nicht
nochmal anschauen?"
Der Student schuettelt heftig den Kopf.
Einer von der selbstsicheren
Sorte also. Einer, der vielleicht
schon seine Karriere bis zur
Vorstandsetage geplant hat. Hah!
"Ich
bin mir ganz sicher, dass ich nichts mehr verbessern kann."
Sein
Tonfall laesst keinen Zweifel, dass er es auch sonst keinem
Menschen
zutraut. Dass also mit der besten Note fuer sein
epochemachendes
Werk zu rechnen sei. Dass die Fachwelt aufhorchen
wird, etc. pp.
Ich nehme ihm den dicken Packen Papier
aus den zitternden Haenden
und sage freundlich:
"Dann
kommen Sie doch erst mal herein und nehmen Sie Platz."
Er
folgt mir aufgeregt plappernd in mein Allerheiligstes. Waehrend
er
sich hinsetzt, gelingt es mir unbemerkt, das umfangreiche
Manuskript
gegen einen aehnlich grossen Packen Kopierpapier
auszutauschen.
"Na, dann wollen wir mal sehen", sage ich
und lasse mich in meinen
Sessel fallen.
Ich oeffne die Mappe
und schaue scheinbar verbluefft auf die leeren
Seiten. Ich
blaettere kurz durch den Stapel und meine laechelnd:
"Haben
Sie sich etwa den Nihilismus verschrieben, mein Bester? Oder
glauben
Sie, dass mich diese weissen Seiten dazu inspirieren sollen,
Ihre
tiefgruendigen Gedanken per Telepathie zu
erraten?"
"W-w-w-was?" blubbert er fassungslos.
Ich
reiche ihm den Packen Kopierpapier herueber und er beginnt
mit
flatternden Haenden die Papiere auf der Suche nach der
Schrift
durchzublaettern.
"Aber... aber das verstehe ich
nicht! Ich bin mir ganz sicher, dass ich...
ich meine... das kann
doch nicht sein..."
"Fuer alles gibt es eine
wissenschaftliche Erklaerung", sage ich streng
und lege
konzentriert die Fingerspitzen aufeinander. "Sie haben
das
Manuskript erst heute ausgedruckt?"
"Gestern",
sagt er und schluckt muehsam. "160 Seiten, auf
meinem
Laserdrucker..."
"Aha, gestern sagen Sie? Ja,
hoeren Sie denn kein Radio, mein Bester?
Sagen Sie bloss, Sie
haben nichts von den verlagerten Nordlichtern
gehoert, die letzte
Nacht in Mitteleuropa gesichtet worden sind?"
"Aeh..."
"Aber
dass starke ionisierende Strahlung Pigmente zersetzen kann,
wissen
Sie ja wohl noch aus Ihren physikalischen Praktikum, nicht?"
"Aeh,
ja..."
"So wie eine Zeitung in der Sonne innerhalb
kuerzester Zeit ausbleicht,
nicht wahr? Nur dass letzte Nacht die
ionisierte Korpuskelstrahlung der
Sonne mindesten 6
Groessenordnungen staerker war als normales
Sonnenlicht. Sicher
ist es Ihnen nicht aufgefallen, weil Sie so mit Ihrer
Arbeit
beschaeftigt waren, aber heute morgen sind keine
Zeitungen
ausgeliefert worden, weil sich die Druckerschwaerze bei
so starker
Strahlung nur wenige Stunden halten wuerde. Das
Verschwinden Ihres
Textes ist also leicht erklaerbar."
"Ah,
ja", sagt er erleichtert. Wenn er wuesste, dass er soeben um
zwei
Notenstufen abgesackt ist!
"Aber was viel schlimmer
ist", fahre ich fort, "die Korpuskelstrahlung
wirkt sich
auch negativ auf magnetisch stationaere Felder aus. Daher
auch die
Empfehlungen der Astrophysiker gestern, alle PCs mit
absorbierenden
Stahlplatten zu belegen. Ich hoffe sehr, Sie haben
das
beherzigt."
Ich beobachte, wie diese Information
langsam in seinen vorderen
Kortex einsickert. Schlagartig weicht
alle Farbe aus seinem Gesicht.
"Sie meinen doch nicht..."
fluestert er mit schwacher Stimme. Ploetzlich
springt er auf und
verlaesst Hals ueber Kopf mein Buero.
Ich atme befreit auf. Wer
hat gesagt, morgen ist auch noch ein Tag? Ich
mache fuer heute
Schluss und haenge meinen Schutzschild raus. Auf dem
Weg nach
draussen lasse ich das Manuskript unauffaellig in den
Reisswolf
fallen.
Leider, denke ich melancholisch, leider nur mit
aufschiebender Wirkung.
Bastard Ass(i) from Hell 11
Ich habe mich kaum in meinem
BAFH-Sessel mit integriertem
Feuerloescher (warum ich einen
integrierten Feuerloescher in meinem
Sessel brauche, ueberlasse
ich der Fantasie des geschaetzten Lesers!
Vorschlaege bitte per
email an -4-G1WGLMIP15}}:@nohost.no-country
schicken!)
niedergelassen, als auch schon die BSFH neben mir aus dem
Nichts
materialisiert. Ihre Brillenglaeser blitzen angriffslustig.
Im
Allgemeinen ist in diesem Falle irgendetwas besonders Gemeines
im
Gange.
Sie reicht mir die SZ von heute.
Aufgeschlagen ist die Seite, wo die
uebliche Auswahl literarisch
unbeholfener Erguesse ueberengagierter
Leser abgedruckt ist. Frau
Bezelmann deutet mit ihrem nadelspitz
zugefeilten Zeigefingernagel
diskret auf einen der laengeren Leserbriefe.
"PARANOIDER
ASSISTENT TERRORISIERT STUDENTEN"
lese ich in mittelfetten
Buchstaben. Darunter folgt eine wutschaeumende,
reichlich
tendenzioese Schilderung tatsaechlicher oder erfundener
kuerzlicher
Begebnisse 'an einem der wissenschaftlichen Institute
der
Universitaet'. Wie ueberaus diskret, denke ich missmutig und
ueberspringe
ein paar Zeilen.
Ah! Weiter unten war der
Redakteur nicht so zurueckhaltend (oder er hat
es uebersehen - was
wahrscheinlicher ist!): da steht tatsaechlich meine
Telefonnummer
abgedruckt!
Zufrieden laechelnd reiche ich die Zeitung an die BSFH
zurueck.
"Ausgezeichnet! Gute Arbeit. Sehr lebendig und
provozierend
geschrieben. Bereiten Sie bitte die ueblichen Papiere
vor."
Frau Bezelmann zieht geschmeichelt die Mundwinkel nach
unten; ihre
Brillenglaeser blitzen womoeglich noch 1000 Lux
staerker als sonst.
"50 %", sagt sie.
"30",
erwidere ich kategorisch, "vergessen Sie nicht: die Idee war von
mir!"
Auf ihrer Stirne bildet sich die uebliche senkrechte
Zornsfalte.
"Aber die ganze Papierarbeit bleibt an mir
haengen...", protestiert sie mit
eisiger Stimme.
"...die
Sie auf einem superteuren Macintosh erledigen, den ich fuer
Sie
illegal aus dem SPROUT-Projekt abgezweigt habe", kontere
ich.
"35%. Mehr ist nicht drin. Sonst schreibe ich die
Artikel in Zukunft
selber."
Murrend lenkt die BSFH
ein.
"Uebrigens", sage ich, als sie schon halb zur Tuere
hinaus ist, "Sie haben
Talent. Warum schreiben Sie nicht
oefters?"
Dann warte ich in aller Ruhe. Wie immer
dauert es nicht lange. Das
Telefon klingelt.
"Hallo?",
melde ich mich freundlich.
"SIND SIE DER ASSISTENT?!"
kommt es mit 100 dB durch die Leitung.
"Aber sicher doch",
sage ich in moeglichst arrogantem Tonfall und
schalte den
Cassettenrekorder ein.
Die folgenden 5 Minuten ergiesst sich ein
Schwall von Beleidigungen,
anatomisch interessanten, aber nicht
jugendfreien Bezeichnungen von
diversen Koerperteilen von mir,
zoologische Vergleichsstudien und
weitere Formen der verbalen
Beschimpfung aus dem Telefonhoerer und
ins Mikrophon des
Rekorders.
Ich notiere inzwischen in aller Ruhe die Telefonnummer
des Anrufers
von Display meines Komfort-ISDN-Telefons. Hat sich
doch gelohnt,
den Chef zu ueberzeugen, dass wir modernste Technik
einfach
BRAUCHEN. Wofuer, ist ein ganz anderes Thema...
Waehrend mein erregter Anrufer nach
weiteren Verbalfaekalien ringt,
suche ich auf der Telefon-CDROM
seinen Namen und Adresse heraus
und notiere sie mir. Irgendwann
geht ihm dann doch der Stoff (oder die
Luft) aus und ich sage
freundlich:
"Vielen Dank, Herr... aeh... Dr. Kreutelmaier,
wohnhaft in Strasslach,
Fliederweg 17. Vielen Dank fuer diese
bemerkenswerten Aeusserungen."
Er schnappt hoerbar nach Luft.
Bevor er wieder von vorne beginnen
kann, fahre ich rasch
fort:
"Wie eingangs bereits erwaehnt, war ich so frei, unser
kleines
anregendes Gespraech auf Band aufzuzeichnen. Mein
Rechtsanwalt
wird sich freudig des Materials annehmen und
entsprechende Schritte
unternehmen."
2,3 Sekunden Stille. Ich schalte den
Rekorder ab.
"Aber... aber ich... Sie haben doch gar nichts
gesagt", stammelt Dr.
Kretelmaier mit deutlich reduzierter
Emphase.
"Tja, nun", antworte ich mit sorgenvoller
Stimme. "Wer kann das
heutzutage noch mit Sicherheit
feststellen?" und lege auf.
Ich kopiere rasch die
entsprechende Passage vor die Aufnahme, in der
ich den Anrufer
hoeflich aber bestimmt darauf hinweise, dass dieses
Gespraech
aufgezeichnet wird, und lege Cassette und Personalien zur
weiteren
Bearbeitung durch Frau Bezelmann bereit.
Gewoehnlich zahlen die
Leute bereitwillig, noch bevor mein Anwalt
ueberhaupt Klage
einreicht. Hunde, die am lautesten bellen, sind oft am
leichtesten
zu verschrecken.
Die Ausbeute ist heute recht
erfreulich: Bis zum Mittagessen habe ich 5
Anrufer im Kasten. Ein
sechster hat leider keinen Eintrag im
Telefonbuch, aber mit einer
gewissen Ausfallrate muss man in jeder
Branche rechnen.
"Wissen
Sie eigentlich, dass Sie keinen Eintrag im Telefonbuch
haben?"
unterbreche ich seine methodisch ausgearbeiteten
Schimpftiraden.
Er schweigt verbluefft.
"Aeh... ja,
aber..."
"Ich schlage vor, dass Sie sich den Rest
sparen. Es wiederholt sich
sowieso von Anruf zu Anruf und es
langweilt mich. Wenn Sie meinen
Rat befolgen, gewinnen Sie jetzt 5
Extraminuten, die nicht fuer Sie
eingeplant waren. Die nutzen Sie
am besten, indem Sie jetzt sofort bei
der Telekom anrufen und
veranlassen, dass Ihr Name ordentlich im
Telefonbuch
erscheint!"
"..."
"Wo kommen wir denn
dahin, wenn das alle taeten? Wo bleibt der
glaeserne Buerger, an
dem wir alle so angestrengt arbeiten? Frueher haette
es sowas
nicht gegeben. Hah! Da waren alle ordentlich registriert und
im
Telefonbuch!"
"..."
"Nehmen Sie sich ein
Beispiel an mir: ich bin schon seit meinem dritten
Lebensjahr, als
ich mein erstes Modem zu Weihnachten bekommen
habe, ordentlich als
Telefonteilnehmer registriert! Guten Tag!"
Ich knalle den
Telefonhoerer auf die Gabel. Keine dreieinhalb Sekunden
spaeter
laeutet es wieder. Ich bin die Sache leid. Ausserdem fallen
soviele
Klagen wegen Beleidigung an einem Tag selbst dem
duemmsten
bayerischen Amtsrichter auf. Also spule ich das letzte
Band zurueck und
speise mal zur Abwechslung die letzte Aufnahme in
den Telefonhoerer
zurueck.
Der Anrufer, genauer gesagt die
Anruferin denkt tatsaechlich, dass ich da
vor mich hin schaeume,
und wirft sich mit Feuereifer ins Gefecht. Eine
Weile hoere ich
zu, aber als dann der Cassettenrekorder sich
durchzusetzen
scheint, beginnt mich die Sache zu langweilen. Ich
unterbreche das
Gespraech und leite meinen Telefonanschluss auf die
Beschwerdeannahme
der RKFH um.
Endlich ist es still.
Naja, fast still. Im Buero nebenan
hoert Kollege O. mal wieder diese
graesslichen
Goldbergvariationen. Das Geklimper dringt nur leicht
gedaempft
durch die Pappwaende. Wenn er wenigstens Glen Gould
hoeren wuerde
(die spaete Fassung natuerlich!), aber S. Richter?
Ich gehe nach
vorne zum Sicherungskasten und lasse den Automaten
von O.s Zimmer
'rausschnappen. Dann schliesse ich den
Sicherungskasten ab und
lege den kleinen Schluessel oben drauf.
O. ist nur 1,65 hoch; er
wird eine Weile brauchen, bis er den Schluessel
oder den
Hausmeister findet.
Auf Umwegen gehe ich zurueck zu seinem
verwaisten Buero und krieche
unter den Schreibtisch. Genau wie
ich's mir vorgestellt habe: ein wirres
Durcheinander von
Netzkabeln, Verteilerdosen und Staubmaeusen. Ich
suche mir die am
schlechtesten erreichbare Verteilerdose heraus und
stecke einen
Kurzschlussbuegel aus dem Labor in eine der Schukodosen.
Das wird
hoffentlich eine Weile vorhalten.
Um ganz sicher zu gehen, springe ich
mit der CD schnell hinueber in die
Teekueche und schiebe sie kurz
bei voller Power in die Microwelle. Es
funkt und britzelt etwas in
der Roehre, aber die Microwelle haelt das
locker aus; weiss ich
doch aus Erfahrung.
Zurueck im Buero fahre ich die
Schutzschilde hoch und entspanne mich
in der Haengematte.
Endlich Ruhe.
Der hektische Alltag wird mich noch ins Grab bringen!
Bastard Ass(i) from Hell 12
Ich bruete gerade mal wieder ueber
meinem modifizierten sendmail
Programm. Eigentlich soll es
eintreffende emails nach bestimmten
Schluesselwoertern scannen,
und wenn es welche findet, die mails an
zufaellig ausgewaehlte
User weiterleiten. Was aber immer noch nicht
hinhaut, ist der
Zufallsgenerator. Die Liste der Schluesselwoerter ist
dagegen
schon lange fertig. Unter vielen anderen enthaelt sie die
Woerter
'Liebe', 'Sex' (natuerlich!), 'Domina', 'S&M',
'Leder', 'gruene
Maennchen', 'Kohl' und 'Broccoli'.
Letzteres
geht auf die Anregung eines amerikanischen Kollegen zurueck:
Er
behauptet, dass mails, in denen die Woerter 'Kohl' und
'Broccoli'
vorkommen, signifikant daemlicher sind als andere, in
denen das Wort
nicht vorkommt. Mal sehen...
Nebenbei entfernt
mein sendmail Programm auch noch alle Kommata,
die vor 'dass'
stehen, korrigiert 'naemlich' in 'naehmlich' (frueher hatte ich
da
stehen 'daemlich', aber das war zu direkt!) und vertauscht
paarweise
die Return-Adressen.
Waehrend ich noch mit dem Compiler
ringe, hoere ich, wie sich auf dem
Gang lautes Keuchen und
schleppende Schritte naehern. Bevor ich noch
die Schutzschilde
hochfahren kann, ist es auch schon zu spaet: Kollege
Rinzling
steht... aeh... haengt in meiner Tuer. Resigniert starte ich
das
Aufnahme-Programm in meiner Workstation und drehe mich
um.
Manche Gottespruefungen muss man einfach ueber sich ergehen
lassen;
da hilft gar nichts.
Kollege Rinzling bedenkt mich mit einem
langen tieftraurigen Blick,
der irgendwie gar nicht zu seinem
frischen, rosigen Gesicht passen
will, und schiebt seinen
wohlgenaehrten untersetzten Corpus vollends in
mein Buero.
Erschoepft keuchend lehnt er sich an mein IKEA-Regal, das
bedrohlich
schwankt.
Ich sage nichts, um das Stimmen der Instrumente
nicht
durcheinanderzubringen. Sonst faengt er am Ende noch mal
vorne an.
"Ach, Leisch... Leisch", eroeffnet er mit zitternder Stimme die
Overture: 'Vanitas vanitatum et omnia
vanitas'
(moderato ma non piano)
"Sie koennen sich gar nicht
vorstellen, was ich letzte Nacht wieder
durchgemacht habe.
Wirklich, lange kann ich das nicht mehr ertragen,
wissen Sie. Es
ist einfach zuviel, zuviel fuer mich. Was fuer ein Leben ist
das,
frage ich Sie.
Kollege Rinzling laesst den letzten Ton
dramatisch ein paar Takte
ausschweben und schaut mich
erwartungsvoll an. Wir warten beide
ein, zwei Sekunden, bis der
freundliche Applaus abschwillt. Dann gebe
ich den Einsatz: "Was
fehlt Ihnen denn heute?" zum
1. Satz: 'Auf morschen Saeulen wankt
die Welt!',
(adagio non troppo)
"Ach! Sie koennen sich das gar
nicht vorstellen, Leisch, aber sobald ich
mich hinlege, schwellen
meine Fussgelenke dermassen an, dass ich mich
vor Schmerzen winden
muss. Von dem entzuendeten Nagelbett ganz zu
schweigen. An Schlaf
ist gar nicht mehr zu denken. Und wenn ich die
Beine hochlege, wie
es mein Hausarzt empfiehlt, werden sie mit der
Zeit ganz
dunkelblau und eiskalt. Heute morgen konnte ich beinahe
nicht mehr
aufstehen, so schwach waren meine Fuesse!"
Wieder geben wir dem ergriffenen
Publikum kurz Gelegenheit, seiner
Bewunderung Ausdruck zu geben.
Dann greift Kollege Rinzling das
Thema wieder auf, im
2. Satz: 'Oh Leib, vergehe in
Schmerzen!',
(largo extremo piano)
"Das waere ja noch gar nicht so
schlimm, wenn ich nicht gleichzeitig
immer noch so Schwierigkeiten
mit meinen Nieren haette."
Kollege Rinzling senkt seine
Stimme zu einem fast unhoerbarem
Fluestern.
"Wenn ich die
Beine hochlege, muss ich aber auf dem Ruecken liegen,
und dann
bekomme ich schon nach ein, zwei Stunden
entsetzliche
Nierenschmerzen. Es heisst ja immer, wenn man was mit
den Nieren
hat, solle man viel Tee trinken. Aber koennen Sie sich
vorstellen, was es
bedeutet, dreimal in der Nacht aufgeweckt zu
werden und
abscheulichen Tee trinken zu muessen, obwohl man gar
keinen Durst
hat? Entsetzlich, sage ich Ihnen. Ich weiss bald gar
nicht mehr... Und
dann der dauernde Druck auf der Blase..."
Das Auditorium, obwohl schon etwas
mitgenommen, honoriert auch
diesen Satz mit verhaltenem Beifall.
Allerdings kann man nicht ganz
verhehlen, dass Kollege Rinzling
diesmal den Einsatz der Blase nicht so
ganz gut gebracht hat, wie
sonst. Auch der Uebergang von Thema der
Beine zu den Nieren war
nicht einwandfrei.
Kollege Rinzling bemerkt, dass ich die Stirne
runzele, und wirft sich mit
Impetus in den
3. Satz und Finale: 'Des Odems letzter
Hauch'
(allegro bombastico, fortissimo et furioso)
"Das viele Trinken ist natuerlich
Gift fuer mein Asthma. Wenn ich dann
hilflos auf dem Ruecken
liege, merke ich richtig, wie sich langsam
meine Lungenfluegel
fuellen. Immer mehr Lymphe und immer weniger
Raum zum Atmen.
Manchmal denke ich, dass mir ein zentnerschweres
Gewicht den
Brustkorb zerdrueckt. Da hilft dann nur noch Euphilin, in
hoher
Dosierung. Bloss die Nebenwirkungen, ach schrecklich! Immer
wenn
ich Euphilin schlucke, habe ich genau 13 Minuten spaeter
die
entsetzlichsten Kopfschmerzen, die Sie sich vorstellen
koennen. Und
aus dem Gehoergang des linken Ohres fliesst dann
immer Eiter ab -
meine chronische Entzuendung, Sie wissen ja, dass
ich schon seit Jahren
damit laboriere. Deshalb muss ich immer den
Kopf auf die linke Seite
legen, damit der Eiter ungehindert
abfliessen kann. Stellen Sie sich das
mal vor! Wenn ich es nicht
mache, habe ich am naechsten Morgen die
tollste
Mittelohrentzuendung und muss wieder Penicillin schlucken, wo
mein
Magen das doch gar nicht mehr vertraegt. Aber das Schlimmste ist
und
bleibt die Migraene. Man hat das Gefuehl, die Schaedeldecke
wird
eingedrueckt und gleichzeitig bohren sich gluehende Stangen
durch beide
Schlaefen!"
Nach diesem letzten Paukenschlag ist es
todesstill. Kollege Rinzling
haengt nach Atem ringend am Podium,
sprich meinem IKEA-Regal.
Einen Moment ist es so ruhig, dass man
eine fluechtige Stecknadel hoeren
kann, die es geschafft hat, dem
Nadelkissen zu entkommen.
Dann bricht der frenetische Applaus
los. Kollege Rinzling hat im letzten
Satz alles wieder
wettgemacht.
Mit zitternden Fingern fuehrt er seinen
Dirigentenstab, sprich Zigarillo
zum Mund und inhaliert einen
tiefen befreienden Zug. Aus seiner
linken Jackentasche fischt er
sein Herztonikum - mit 60 % Alkohol -
und staerkt sich nach dieser
kuenstlerischen Leistung mit einem Stamperl.
Dann schlurft er weiter durch die Flure
- ein Kuenstler auf der Suche
nach neuem Publikum...
Ich stoppe die Aufnahme und schicke das
komprimierte Soundfile per
FTP hinueber zu den Kollegen von der
medizinischen Fakultaet,
Abteilung fuer galoppierende
Hypochondrie. Die sind immer ganz
begeistert von Rinzlings
Auffuehrungen. Was sie sonst muehsam aus den
Patienten
herausquetschen muessen, liefert Rinzling fast taeglich frei
Haus.
Im Gegenzug bekomme ich von den Docs
Blanko-Krankschreibungen
und ab und zu Einsicht in die
Personaldateien der
Schwesternschuelerinnen.
Ohne Vorwarnung stuerzt Marianne in
mein Zimmer. Ihre Augen
funkeln wuetend und sie schwingt drohend
ihren Posaunenkasten.
"WIE IST ES MOEGLICH, DASS EINE MAIL
VON MIR IN ALLEN
MOEGLICHEN ANDEREN MAILBOXEN LANDET?!"
"Oh,
aeh... ja richtig: wir hatten heute morgen das komische Problem,
dass
der Sendmail-Daemon sich geweigert hat, deine mails zu
verarbeiten.
Aehm, um den Fehler einzukreisen, habe ich ein paar Tests
gemacht.
Kann sein, dass ich dabei..."
"ICH GLAUBE DIR KEIN WORT
MEHR", kreischt Marianne
hysterisch. Warum muessen sich
Frauen immer so leicht erregen?
Obwohl, andererseits...
"VOR
DREI WOCHEN WARS ANGEBLICH EIN VIRUS IM
SYSTEM! LETZTE WOCHE DIE
KOSMISCHE STRAHLUNG
UND VORGESTERN HAST DU BEHAUPTET, MEINE
MAILS
SEIEN EINFACH ZU LANG ODER ZU EMOTIONAL! DAS WAR
EINE
VERDAMMT KURZE PERSOENLICHE MAIL HEUTE! UND
ICH HAB WAS DAGEGEN,
WENN SIE AN DIE FALSCHEN
ADRESSATEN GELANGT!"
Ich weiche
in letzter Sekunde dem Posaunenkasten aus und manoevriere
mich in
eine strategisch guenstigere Position hinter
meinem
Schreibtisch.
"Marianne! Sei vorsichtig mit deinem
Kasten. Blechinstrumente sind
ziemlich teuer, soweit ich weiss.
Aeh, in welchen Mailboxen ist die mail
denn gelandet?"
"Woher
soll ich das wissen?!" schnauzt sie mich an. "Ich merke es
ja
erst, wenn die Leute mit dem Finger auf mich zeigen..."
"Ich
meinte ja nur, dass wir die mail vielleicht noch entfernen
koennen,
bevor die meisten sie lesen", rufe ich geduckt, in
Erwartung des
ultimativen Posaunenstosses.
Nichts passiert. Ich
luge vorsichtig um die Ecke des Schreibtischs.
Marianne ueberdenkt
mit zusammengezogenen Augenbrauen den
Vorschlag.
"Also
gut", sagt sie und stellt den Posaunenkasten bei Fuss, "aber
keine
Tricks!"
Erleichtert setze ich mich an meine
Workstation. Erstschlag erfolgreich
abgewehrt. Die Schirme haben
gehalten. Photonentorpedos bereit.
Fertigmachen zum
Gegenschlag.
"Ok", sage ich. "Um deine mail sicher
in den Mailboxen zu finden,
brauche ich einen eindeutigen
Textteil. Was hast du denn geschrieben?"
Marianne schaut mich
misstrauisch an und ihr zorniges Gesicht
ueberzieht sich erneut
mit Purpur.
"Aehm... wie waers mit 'dich'?"
"Viel
zu haeufig", schuettele ich den Kopf.
"Dann 'Lieber'",
schlaegt Marianne trotzig vor.
"Auch zu haeufig. Fast alle
Mails beginnen mit 'Lieber Herr
Soundso'..."
"Verdammt!"
tobt Marianne. "Dann nimm 'liebe'!"
"Gross oder
klein geschrieben?"
"Klein!" zischt es zwischen
Mariannes zusammengebissenen Zaehnen.
Ich grepe rasch alle
System-Mailboxen nach 'liebe' und der einzeilige
und eindeutige
Text von Mariannes mail erscheint siebenmal auf dem
Display. Ich
loesche rasch alle gemeldeten mails und sage:
"Na also.
Erledigt. War doch gar nicht so schlimm, oder?"
Einen Moment
lang befuerchte ich, dass ich den Bogen ueberspannt habe.
Aber
Marianne wirft mir nur noch einen langen vernichtenden Blick zu,
der
jeden normalen Sterblichen auf der Stelle in die Psychatrie
gebracht
haette, und verlaesst ohne ein weiteres Wort mein Buero.
Ihre Mordwaffe
nimmt sie mit sich.
Spaeter aendere ich voruebergehend das
sendmail Programm, damit
Marianne in den naechsten paar Wochen
nicht mehr allzu haeufig
drankommt.
Bastard Ass(i) from Hell 13
Ich ueberpruefe gerade meinen
Tricorder, als die Tuer zum Turbolift
aufrauscht. Es ist der
Captain.
"Err...aeh... Leisch, wir haben heute nachmittag
hohen Besuch vom
Wissenschaftsministerium. Ein Herr... aeh...
Butterhaupt und seine
Kollegen. Herr Butterhaupt ist direkter
Referent des... err...
Ministers... aehm..."
Aha, Admiral
Schmalzkopf und sein Stab moechten unsere neuesten
Einrichtungen
auf dem Maschinendeck inspizieren.
"Vielleicht koennen wir
was vorfuehren?" schlaegt der Captain
hoffnungsvoll
vor.
"Aye, Captain", sage ich gelassen.
Der Captain
laesst seinen Blick ueber die Hauptkonsole des
Warpkernelmodulators
gleiten.
"Was machen Sie da gerade, Leisch?"
"Ich
versuche, den isotonischen Tricorder so zu erweitern, dass er
bei
einem Kanalwechsel automatisch den BSE Faktor erfasst",
erklaere ich.
"BSE?" gruebelt der Captain, "ist das
diese Rinderseuche?"
"Nein, Captain. BSE bedeutet
'Besonders Schlechte Einschaltquote'.
Auf diese Weise vermeiden
wir, dass unsere Leute auf den
Ausseneinsaetzen aus Versehen in
den miesen Kanaelen haengenbleiben
und dann von hinten ueberrascht
werden."
Der Captain nickt verwirrt, aber anerkennend.
"Ah...
aeh... gut, gut, Leisch. Wir sehen uns dann am
Nachmittag,
nicht?"
Sternzeit 42345,6.
"Aye,
Captain."
Keine 3 Sekunden spaeter meldet sich
der Computer:
"Notfall auf dem Mannschaftsdeck 5.
Totalausfall der Kommunikation
und Steuerungskontrollen."
Ich
aktiviere meinen Kommunikator und rufe:
"Maschinenraum an
Mannschaftsdeck 5. Was ist passiert?"
"Aeh, es sieht so
aus, als ob die Hausmeister mal wieder einen
Netzknoten geliefert
haben", meldet sich die resignierte Stimme
einer
Wissenschaftsoffizierin. "Koennen Sie kurz mal
vorbeikommen?"
Diese Klingonen! Riesenkoepfe und kein Gramm
Hirn darin!
Wahrscheinlich haben sie wieder mal gerauft.
"Ich
bin unterwegs", rufe ich und schnappe mir den Reparaturkit.
Im
Mannschaftsdeck 5 erwartet mich bereits die
Wissenschaftsoffizierin,
mit der ich gesprochen habe. Sie kniet vor
dem betroffenen
Netzknoten und betrachtet besorgt die Truemmer.
Hinter ihr stehen
die beiden Klingonen, beide in blauen
Hausmeisterkitteln, und
machen trotzig finstere Gesichter.
"Na, meine Herren? Was
haben wir denn heute wieder verbrochen?"
sage ich laechelnd.
Zu Klingonen spreche ich nur noch laechelnd,
seitdem ich einmal
... aber das ist eine andere Geschichte.
"Aeh...", sagt
der eine.
Der andere knurrt nur drohend etwas in seinen Bart.
Mit
einem Blick sehe ich, dass sie nur die Netzverteilerdose
eingedrueckt
haben, und repariere den Schaden mit meinem
Zauberstab.
"Alles in Ordnung", sage ich zur
Wissenschaftsoffizierin, die mir
besorgt ueber die Schulter
geguckt hat, und sie eilt frohlockend zurueck
an ihren
Arbeitsplatz. Die Klingonen stehen noch etwas betreten
herum, dann
verziehen sie sich wieder in ihren Glaskasten.
Ich bin wieder im Maschinenraum und
teste gerade den reparierten
Knoten, als ploetzlich der
Subraum-Ethawellen-Kommunikator aktiv
wird. Eine Subraum-Anomalie
im Warpkernel! Systemparameter
werden kritisch! Waffensysteme
ausgefallen!
Die Warnungen rauschen schneller durch, als ich sie
lesen kann. Ich
loese roten Alarm aus.
Warpkernel auf 30 %
heruntergefahren! Gefahr des
Warpkernelbruchs!
Subraum-Neutrino-Aktivitaet ueberschreitet
kritischen Bereich!
Die Bruecke meldet sich:
"Aeh... Herr
Leisch? Haben wir ein Maschinenproblem? Ich kann
meinen Cursor
nicht mehr bewegen..."
"Wir arbeiten dran",
schnappe ich und schalte den Interkom aus.
Lebenserhaltungssysteme
nur noch auf Notenergie! Kaffeemaschine
nur noch auf halber
Kraft!
Es hilft nichts. Immer mehr Kontrollen sind einfach nicht
mehr
ansprechbar. Ich leite einen totalen Shutdown des Warpkernels
ein. Die
Warnungen flimmern ueber die Anzeigen im ganzen Schiff.
Zum Glueck
schaffe ich es. Es wird still im Maschinenraum.
Ein Wissenschaftsoffizier und ein
Faehnrich tauchen in der Tuer zum
Turbolift auf.
"Ist Ihre
Maschine auch abgestuerzt?" fragte der
Wissenschaftsoffizier.
Ich nicke nur und leite die
Warpspulen-Initialzuendung ein. Keine Zeit
fuer Diskussionen.
Langsam kommt die Energie wieder hoch. Der
Warpkernel wird wieder
stabil. Neutrino-Aktivitaet flacht ab.
Erleichtert atme ich auf.
Wieder einmal wurde das Schiff durch meinen
selbstlosen Einsatz
vor der totalen Vernichtung bewahrt.
Ich schalte den Interkom
wieder ein.
"Aeh... hallo?" quaekt die einsame Stimme
des Captains aus dem
Lautsprecher. "Kann mich jemand hoeren?
Leisch... sind Sie da?"
"Alles in Ordnung, Captain. In
ein paar Sekunden haben Sie wieder die
volle Kontrolle", sage
ich.
"Ah? Ah... ja. Sie haben recht, Leisch. Der Cursor
laesst sich wieder
bewegen. Danke..."
Waehrend ich noch auf die
Schadensmeldungen warte, kommt schon
wieder ein Notruf ueber
Subraum-Etha.
Ich lausche konzentriert der aufgeregten
Stimme.
Aha, auf dem Computerdeck hat ein flagelanischer
Putzdrache mit
seinem gluehenden Schweif eine Energieleitung
durchtrennt. Jetzt ist die
Leistung des Bordcomputers in diesem
Bereich nur noch auf 20 %.
Nicht genug um manoevrierfaehig zu
bleiben. Ich sprinte los.
Der flagelanische Putzdrache ist noch
am Tatort. Wie immer ist er
unverletzt. Flagelanische Putzdrachen
haben einen mehrfach
abgesicherten Schutzengel-Reflex, der sie vor
jeglichem Schaden
bewahrt. Leider bewahrt er sie nicht davor, mit
ihren diversen
gluehenden Schweifen, saugenden Schaufeln und
bepelztem Mops ihre
Umgebung zu verwuesten. Vor gar nicht langer
Zeit hat ein
flagelanischer Putzdrache einen halben Eimer mit
dreckigem
Putzwasser in einen Energieverteiler gekippt. Es gab
eine Explosion
und der Raum wurde durch herumspritzendes Plasma
vollstaendig
zerstoert. Der Putzdrache blieb unverletzt.
Diesem
Putzdrachen ist die Sache ueberaus peinlich; er streicht verlegen
mit
einem Mop ueber die dunklen Computerkonsolen der Umgebung.
Zum
Glueck ist es kein gluehender Schweif.
Ich naehere mich langsam, um den
ohnehin schon nervoesen Putzdrachen
nicht zu erschrecken und mache
beruhigende Laute. Waehrend ich rasch
die durchtrennte Leitung
flicke, jammert er in dem Putzdrachen
eigentuemlichen Dialekt vor
sich hin:
"Jejejej... wenn ich machen sauber und immer soviel
Leitungs auf die
Boden. Das nich gutt. Immer haengen bleibt an
Leitungen und
Schnueren. Jejeje... auch nich gut wenn alles am
Boden. nein, nein.
Viel schneller waere, wenn nur nich soville
Leitungen auf die Boden,
jejejej..."
Ich versichere dem
flagelanischem Putzdrachen langsam, dass wirklich
nichts
Tragisches passiert sei, und er zieht jammernd mit seinen
ganzen
Schweifen, Mops und Schaufeln von dannen.
Auf dem
Rueckweg denke ich, dass sich die Sternenflotte ruhig mal
ein
besseres Putzkommando leisten koennte. Vielleicht die
iridianischen
Schlammsauger?
Als in den Maschinenraum zurueckkomme,
ist die Inspektion der
Sternenflotte bereits vollzaehlig anwesend
und verstopft die
Zwischenraeume um den Warpkernel.
Der Captain
ist auch dabei und redet verzweifelt auf den Admiral ein:
"Ah...
aeh... das ist ja Herr Leisch. Darf ich vorstellen: Herr Leisch,
Herr
Butterhaupt..."
Ich trete vor den Admiral und nehme Haltung
an. Der Admiral zieht die
ausgestreckte Hand zoegernd zurueck und
betrachtet mich unsicher.
Ich weiss genau, wie man mit hohen
Offizieren umgehen muss; bloss
keine Anbiederung, das koennen die
nicht vertragen.
"Ja... aeh... vielleicht erklaeren Sie uns
ganz kurz, woran Sie hier gerade
arbeiten...", sagt der
Captain goennerhaft laechelnd.
Ich hole tief Luft.
"Im
Prinzip ist die Sache ganz einfach", beginne ich.
Der ganze
Stab von Admiral Schmalzkopf, lauter Typen im Rang eines
Commanders,
grinst erleichtert.
"Sie alle wissen, wie ein normaler
Warp-Antrieb funktioniert, und dass
wegen der hohen Neutrinodichte
an der Spitze des Kerns
Geschwindigkeiten oberhalb von 9,6 Warp
unmoeglich sind, weil dann
die retro-perpendikulare Sensorphalanx,
die wir zur Eindaemmung des
Warpkernelfeldes brauchen, unter der
Shannonstrahlung schmelzen
wuerde."
Die ersten laechelnden
Fassaden beginnen einzustuerzen. Wartet nur, es
kommt noch
besser.
"Um die Neutrinoflussdichte zu veringern, plazieren
wir knapp
unterhalb des parabolischen Matrix-Tensors, also dort,wo
sich die
Gravitationskruemmung am staerksten auswirkt, eine
kuenstliche
Subraumanomalie, die den groessten Teil der Neutrinos
in ein anderes
Parallel-Universum ableitet. Natuerlich wissen Sie
alle, dass sich so eine
Subraum-Anomalie nicht aufrecht erhalten
laesst, weil nach dem
Konwalt-Lombard-Gesetz die Halbwertszeit der
Anomalie umgekehrt
proportional dem Cosinus-Hyperbolicus des
Einfallswinkels der
Tachionen ist."
'Der ganze Stab
bemueht sich so auszusehen, als ob ihnen das schon als
Kadetten in
der Akademie der Sternenflotte aufgefallen sei.
"Aber jetzt
kommt unser kleiner Trick: wir unterwerfen den Tachionen-
Strom
einen zirkular instabilen Tensorfeld, welches bewirkt, dass die
Zeit
fuer diese Tachionen schneller verlaeuft als fuer den Rest des
Raums.
Und da jeder weiss, dass Tachionen bei Zeitbeschleunigung
einem
orthogonalen Kraftvektor unterliegen, wird der
Einfallswinkel zu Null
und die Halbwertszeit der Anomalie geht
gegen Unendlich."
Admiral Schmalzkopf starrt mich an, als ob
ich ein ploetzlich im
Maschinenraum materialisierter jamkanischer
Oktesel waere. Der Stab
beobachtet ihn verstohlen und wartet
gespannt auf seine Reaktion. Dem
Captain tropft der Schweiss von
der Stirne.
"Aha", sagt der Admiral schliesslich mit
soviel Verzoegerung, dass jedem
klar wird, wieviel er mitbekommen
hat, naemlich gar nichts.
"Ausgezeichnet. Und der
Gewinn...?"
"Der Gewinn liegt bei circa 250 % mehr
Leistung", springe ich
bereitwillig ein.
"Ah",
freut sich der Admiral, und der Stab entspannt sich sichtlich. 250
%
Leistung, damit kann er was anfangen. Er hat irgendwann mal
gelernt,
dass alles ueber 100 gut und alles darunter schlecht ist.
Zumindest
in den meisten Faellen. Manchmal auch umgekehrt.
"Phantastisch",
sagt er strahlend. "Machen Sie nur weiter so."
Die
Inspektion der Sternenflotte zieht weiter.
Wenig spaeter schaut Kollege O. von der
Waffentechnik herein.
"Wollen wir was Essen gehen?"
fragt er.
"Ok", sage ich, "ins '10 Faune' oder ins
'Kworks'?"
"Wie bitte?"
"Vergiss es. Ich
hab' eh' keine Lust auf Ferengi-Kueche. Holen wir uns
ein
klingonisches Sandwich."
Waehrend wir den Korridor entlang
gehen, fragt O.:
"Und? Was hast du das Wochenende ueber
getrieben?"
"Nur 'n paar Startrek-Videos 'reingezogen."
Bastard Ass(i) from Hell 14
Ich sitze in meinem Buero und warte zur
Abwechslung mal darauf, dass
das Telefon klingelt. Ich wuenschte
zwar, es wuerde das lassen, aber bis
jetzt hat die Erfahrung
gezeigt, dass solche Wuensche in den oberen
Raengen meistens
unberuecksichtigt bleiben.
Vor allem wenn sie von mir kommen.
Also habe ich beschlossen, heute den
Spiess umzudrehen. Nach
Murphy's Law klingelt ein Telefon mit
hoechster Wahrscheinlichkeit
gerade dann, wenn man mitten in einer
wichtigen Arbeit steckt oder
gerade in der Badewanne sitzt. Das
ist wie mit dem bekannten
Milchtopf, der nicht kocht, solange man
ihn bewacht. Folglich werde
ich heute das Telefon bewachen, bis es
wegen Nicht-Klingelns
schwarz wird.
Keine drei Stunden spaeter macht das
Telefon alle meine Hoffnungen
zunichte: Es laeutet.
Ich lasse es dreimal laeuten, dann hebe
ich ab:
"Hallo?" sage ich. " Ich haette gerne ein
grosse Pizza Nummer 5 mit
extra Champignons, eine kleine Salami
und eine kleine Pepperoni."
"W... was?"
"Ist
dort nicht die Pizza-Hotline?" frage ich.
"Nein,
ich..."
"Dann habe ich mich wohl verwaehlt.
Entschuldigen Sie bitte."
"Aber..."
Ich lege
auf.
In diesem Moment trabt das
Doggen-Monstrum vom Hausmeister an
meiner offenen Buerotuere
vorbei. Das ist die Gelegenheit. Mit meinem
Lunch-Sandwich locke
ich das strohdumme Vieh in mein Buero. Gleich
darauf klingelt
wieder das Telefon. Ich hebe ab, schalte auf Mithoeren
und halte
der Dogge den Hoerer hin.
"Hallo?" klingt es aus dem
Lautsprecher. Er ist es wieder.
Die Dogge des Hausmeisters ist bekannt
dafuer, dass sie bei jeder Art
von High Tech grosses Unbehagen
empfindet. Unbehagen aeussert sich
bei ihr in Form von lautem
Winseln und Jaulen.
(Dabei faellt mir gerade auf, dass die Dogge
in dieser Hinsicht grosse
Aehnlichkeit mit unseren oekologisch
angehauchten Studentengruppen
hat. Vielleicht sollte ich sie mal
zu einer Studenten-Hauptversammlung
mitbringen.)
Der Dogge ist die koerperlose Stimme
aus den Telefonhoerer schon High
Tech zuviel. Sie beginnt zu
winseln.
"Wer ist da? Hallo? Ich wollte Herrn Leisch..."
Das
Winseln steigert sich zum herzzereissenden Fiepen.
"Ist da
jemand?... Geht es... ich meine, fuehlen Sie sich nicht
wohl?...
Hallo..."
Die Dogge des Hausmeister wirft den
Kopf in den Nacken und beginnt
laut zu heulen.
"UM GOTTES
WILLEN! WAS PASSIERT DENN DA?! HOERT
MICH DENN KEINER?!"
Ich
lege auf und entlasse die erleichterte Dogge in den Gang. Dann
lenke
ich meinen Anschluss auf die Nebenstelle der RKFH um.
Als ich von einem ausgedehnten Snack in
der Cafete zurueckkomme,
steht der riesige Kuebelstaubsauger der
Putzfrau vor meiner Buerotuer.
Das missfaellt mir.
Erstens kann ich das veraltete Ding
sowieso nicht ausstehen, weil sein
mittelalterliches Geheule mir
regelmaessig Alptraeume waehrend der
Mittagspause verursacht.
Hundertmal habe ich dem Chef schon
vorgeschlagen, ein modernes
schallgedaempftes Modell anzuschaffen,
das dem High Tech Charakter
unseres Lehrstuhls angemessen ist.
Zweitens blockiert es, so wie
es dasteht, den Zugang in mein Buero.
Die Putzfrau selber ist
natuerlich nirgends zu sehen; wahrscheinlich
schwatzt sie mal
wieder ausgiebig mit Frau Bezelmann. Ich schnalle
den verbeulten
Deckel ab und entferne den Staubfilter vor dem
Auslassstutzen.
Dann plaziere ich den Kuebelstaubsauger gegenueber
meiner offenen
Buerotuer, so dass ich ihn noch gut im Blickfeld habe.
Keine Stunde spaeter hoere ich den Chef
seinen 14-Uhr-Rundgang
beginnen. Waehrend er den Gang
herunterschreitet, unterhaelt er sich
vaeterlich mit der Putzfrau.
Der Chef gibt sich gern sozial gegenueber
seinen subalternen
Angestellten.
"Und... aeh... wie befindet sich Ihre werte
Familie?"
"Uh... wann der Klainae nua mal mecht bessa
wean mit sain Aschtma,
necht? Un da Mann nua necht sovill trinken
mecht. Un denn es de
Tantae noch laida gstorm..."
"Gut,
gut, das freut mich aber...", sagt der Chef leutselig laechelnd.
Der
Chef hat trotz ausgepraegten Sozialbewusstseins leichte
Probleme mit der
Sprache der Putzfrau. Das macht aber gar nichts,
weil die Putzfrau die
gleichen Probleme mit dem Chef hat.
Inzwischen sind sie beim Staubsauger
angelangt, und die Putzfrau, die
dem Chef zeigen moechte, wie
ausgesprochen arbeitswuetig sie heute
wieder ist, setzt das
heulende Ungetuem sofort in Gang. Durch den
fehlenden Filter wird
der staubige Inhalt des Kuebels mit betraechtlicher
Geschwindigkeit
herausgepustet. Es entsteht eine Art Mini-Atompilz im
Gang, der
das Haupt des Chefs wie ein Glorienschein umwallt. Der
Chef
schnappt vor Schreck nach Luft und bekommt eine geballte
Ladung
Tschernobyl-Staub in die Lunge.
Die Putzfrau findet vor Aufregung den
Schalter nicht und ruettelt
hektisch an dem heulenden Kuebel
herum. Das erweist sich als Fehler,
weil sich nun auch die
schwereren Teile in Bewegung setzen und ihren
Weg in durch den
Auslassstutzen finden. Es schneit Papierschnitzel
und
Zigarettenstummel ueber den Chef, der sich mitten in
einem
krampfhaftem Hustenanfall befindet. Undefinierbare
Metallstueckchen
schiessen als boesartig surrende Querschlaeger
durch den Gang und
treffen beinahe Kollege O. und Marianne, die
neugierig aus ihren
Bueros spaehen. Endlich schafft es der Chef
geistesgegenwaertig, sich in
das Netzkabel zu verheddern und den
Stecker aus der Wand zu ziehen.
Wie ein auslaufendes
Boing-Triebwerk kommt der antike
Kuebelstaubsauger langsam zur
Ruhe.
Die Putzfrau stottert
unzusammenhaengendes Zeug; der Chef versucht
krampfhaft, sein
Soziallaecheln aufrechtzuerhalten. Allerdings broeckelt
es am
linken Mundwinkel schon etwas.
Frau Bezelmann, die immer zur Stelle
ist, wenn etwas Amuesantes
ausserhalb der ueblichen Routine
passiert, beginnt die Glatze des Chefs
mit einem gelben
Spuellappen abzustauben.
Der Blick des Chefs faellt auf mich.
Einen winzigen Moment lang denke
ich, dass er.. aber nein. Er sagt
lediglich:
"Aeh... Leisch. Ich glaube, wir koennten einen
neuen Staubsauger
gebrauchen, meinen Sie nicht?"
Bastard Ass(i) from Hell 15
Ich mache meine uebliche Runde durch
die Labors und Institutsraeume,
um zu sehen, ob alles seinen
gewohnten Gang geht. In der
Herrentoilette versenke ich in jedem
Pissoir einen Tampon. Das sind
ganz geniale Dinger: die quellen im
Wasser blitzschnell auf und
verstopfen todsicher den Abfluss.
Insgesamt scheinen mir in den Labors
zuviele Rechner am Laufen zu
sein; also lockere ich unauffaellig
zwei CheapWire-Verbindungen im
Werkstudentenzimmer. Das CheapWire
oder ThinWire ist eine
grossartige Erfindung: nicht nur dass die
unzaehligen BNC-
Verbindungsstuecke die Quelle ebenso unzaehliger
Fehlfunktionen sein
koennen, darueber hinaus ist es unmoeglich,
eine Fehlfunktion einfach zu
lokalisieren. Man muss das Netz
Stueck fuer Stueck auftrennen und den
Fehler langsam einkreisen.
In der Praxis bedeutet dies, unter den
Schreibtischen und in den
staubigsten Ecken herumzukriechen und die
Steckverbinder
aufzuschrauben. Ganz unmoeglich wird die
Fehlersuche, wenn das
Netz an ZWEI Stellen unterbrochen ist, weil
man dann praktisch nur
durch Zufall die Fehlerstellen finden kann.
Die Studenten sollten mir dankbar sein.
Schliesslich bekommen die
Dauerhacker wenigstens auf diese Weise
ein bisschen Bewegung.
Im Nichtraucherzimmer der Diplomanden
schnuppere ich pruefend in
die Luft. Nichts. Nicht die Spur eines
Zigarettenrauchs.
Mist!
Das bedeutet, dass mein genialer
GlimmoMat wieder mal ausgefallen
ist. Ich hole die Leiter aus der
Werkstatt und oeffne den
Inspektionsschacht zur Klimaanlage.
Aha!
Der GlimmoMat ist nicht ausgefallen, aber der Vorrat an
Gauloises
ist aufgebraucht. Der GlimmoMat - eine meiner genialsten
Erfindungen
- verkokelt pro Woche etwa ein Paeckchen und laesst den
entstehenden
Gestank ueber die Klimaanlage in den Nichtraucherbereich
stroemen.
Natuerlich nur gerade soviel, dass es nicht auffaellt.
Ich gehe hinunter zur Cafeteria und
stecke 5 Mark in den
Zigarettenautomaten. Als ich auf den Knopf
druecke, kommt statt des
erwarteten Paeckchens und Wechselgeldes
nur ein kleiner rosarot
gefaerbter Zettel aus dem Schacht
geflattert. Ich lese, was darauf steht:
Wir gratulieren! Dieser Automat hat Sie
soeben davor bewahrt, Ihre
Gesundheit noch weiter zu
schaedigen.
Der von Ihnen freundlicherweise eingeworfene
Spendenbetrag wird
dem gemeinnuetzigen 'Verein fuer ein
nikotinfreies Sonnensystem' auf
Omikron 16 gutgeschrieben. Vielen
Dank.
Und darunter, ganz klein:
Spendenbestaetigung
Der 'Verein fuer ein nikotinfreies
Sonnensystem' ist als gemeinnuetzig
anerkannt (Bescheid vom
Finanzamt Beteigeuze 78, St.-Nr.
333545676-9897-AZ).
Wir
bestaetigen, dass wir den uns zugewandten Betrag
satzungsgemaess
verwenden werden.
'Zugewandter Betrag' ist echt gut,
denke ich und betrachte den
Zigarettenautomaten etwas genauer.
Jetzt erst bemerke ich, dass unter
den einzelnen Zigarettenmarken
ganz klein vermerkt ist:
"Das Druecken dieser Taste bewahrt
Sie davor, genau diese Marke zu
rauchen."
Genial. Einfach genial. Warum bin ich
noch nicht selber darauf
gekommen?
Eigentlich, wenn man es
genau ueberdenkt, gibt es an der ganzen Uni
nicht sehr viele
Leute, die sich so etwas Geniales ausdenken koennten.
Auf dem
Rueckweg zum Institut ueberschlage ich im Kopf, wieviele
StudentInnen
(Da wars schon wieder! Habt ihrs bemerkt?) wohl pro
Tag auf den
Trick hereinfallen koennten. Der Endbetrag befluegelt meine
Schritte.
Kurz darauf bin ich im Sekretariat.
Frau Bezelmann ist gerade dabei, ein
neues Schild mit den Sekretariats-
Oeffnungszeiten waehrend der
Semesterferien an der Tuere zu befestigen.
"Oeffnungszeiten
Sekretariat", steht da in grossen Buchstaben
und
darunter:
"Waehrend der Semesterferien 8:00 - 12:30
Uhr, nur an geraden
Wochentagen, Di und Do jedoch kein
Parteiverkehr"
"Aha", sage ich, nachdem ich einen
Moment ueberlegt habe, "zum
Glueck gibt es ja auch noch
Sachen, die immer geoeffnet sind, z.B.
Tankstellen oder
ZIGARETTENAUTOMATEN, nicht wahr?"
Der Rabe Nero hoert auf,
seine ausgefransten Schwanzfedern zu glaetten
und fixiert mich
scharf mit seinen gelben Augen. Frau Bezelmann zieht
missbilligend
die Mundwinkel nach unten, sagt aber nichts.
"Naja",
fahre ich unbekuemmert fort, "die Studenten koennen ja dann
zum
Trost eine RAUCHEN, wenn sie vor verschlossener Tuere stehen.
Hat
der Chef die Oeffnungszeiten eigentlich schon mal nachgerechnet?"
Ich
tippe auf das Schild.
Frau Bezelmann zieht sich hinter ihren
Schreibtisch zurueck, der wie
eine Festung aussieht und links und
rechts mit riesigen Stachelpalmen
bestueckt ist. Sie schaut mich
einen Augenblick lang forschend durch
ihre blitzenden Augenglaeser
an. Ich erwidere den eisigen Blick
gnadenlos.
Dann seufzt sie
und sagt leise:
"Wieviel?"
"Kommt darauf an, was
bei der Sache so erzielt wird", erwidere ich
ebenso leise und
stuetze mich auf ihre Schreibtischflaeche. "Nach meiner
Rechnung
muessten es schon ca. 100 Suechtige pro Tag sein, die..."
"Soviele
sind es nicht", protestiert Frau Bezelmann energisch.
Ich bin
sicher, dass sie luegt, um mich runterzuhandeln.
"Na gut",
sage ich, "30 % und die Sache geht weiter wie bisher."
Frau
Bezelmann ist einverstanden.
Beschwingt gehe ich zurueck in mein
Buero. Ich bin so guter Laune, dass
ich heute ausnahmsweise darauf
verzichte, die gesammelten
Zigarettenkippen aus dem Raucherzimmer
in die CDROM-Laufwerke
im PC-Labor zu verteilen. Obwohl das schon
mal ganz spassige Folgen
hatte: ein Raucher, der zufaellig im Gang
vorbeikam, wurde beinahe
gelyncht, als unser Hardware-Futzi
endlich die Kippen aus den
CDROMs rausgepopelt hatte.
Ist das Leben nicht wunderbar?
Bastard Ass(i) from Hell 16
Missmutig stochere ich mit dem
Mauszeiger zwischen meinen Windows
herum. Frau Bezelmann hat
soeben 'Alarm gelb' ausgeloest.
(Das macht sie uebrigens
folgendermassen: sie schickt ihren Raben Nero,
der nebenbei
bemerkt nicht fliegen kann, zu Fuss mit einer entsprechend
gefaerbten
Karte im Schnabel durch alle Gaenge.
Als ich zu bemerken wage,
dass ein solcher Alarm-Mechanismus
- erstens zu langsam (der Rabe
braucht fast eine Stunde durch alle Gaenge),
- zweitens zu
unzuverlaessig (der Rabe hat keinerlei Orientierungs-
vermoegen
und begeht manche Gaenge fuenfmal, andere gar nicht)
- und
drittens fuer einen Alarm zu unauffaellig sei (wer achtet schon
auf
einen alten zerzausten Raben, der eine rote Karte im
Schnabel
herumschleppt),
zieht Frau Bezelmann zur Antwort nur
hoehnisch die Mundwinkel nach
unten.)
Jedenfalls kam vorhin der verd.....
Vogel mit einer gelben Karte im
Schnabel vorbei. Und das frueh am
morgen!
Gelber Alarm bedeutet: Der Chef hat
wieder mal ein unsinniges
Drittmittel-Projekt an Land gezogen und
ueberlegt jetzt, welchem
Assistenten er es aufs Auge druecken
koennte.
Bald darauf klingelt das Telefon. Auf
dem ISDN-Display erkenne ich
die Nummer des Sekretariats. Ich hebe
ab (sic!).
"Leisch."
"Bezelmann hier. Der Chef
hat einige Leute von der Firma ****** fuer
heute nachmittag um
14:00 Uhr eingeladen und moechte, dass Sie
auch
dazustossen."
Sch....! Das bedeutet, dass der Chef
mich bereits in die naehere Auswahl
genommen hat. Ich durchforste
mein Gehirn nach einer geeigneten
Ausrede, aber wie immer, wenn
ich mit Frau Bezelmann spreche, faellt
mir nichts Gescheites ein.
Kurz vor zwei klopft es energisch an
meine Tuer. Bevor ich noch rufen
kann, dass hier ein wichtiger
Versuch laeuft, wird die Tuer aufgerissen
und wieder
geschlossen.
Ein, gelinde gesagt, ungewoehnliches Individuum steht
mitten in
meinem Buero und ueberschuettet mich mit einem
strahlenden Laecheln,
das schon fast an delirium dementis denken
laesst, waehrend es einen
riesigen Koffer auf meinem Labortisch
wuchtet.
"Katzenschwanz mein Name. Schoenen guten Tag",
sagt, nein, singt er.
Der Mensch ist etwa 1,60 gross,
vollkommen kahl mit einer Glatze, in
der sich die Neonlampen
spiegeln, etwas korpulent. Bekleidet ist er mit
einen
grosskarierten Sherlock-Holmes-Jackett und weissen Hosen, die
auf
kanariengelben, glaenzenden Schuhen mit fuenf Zentimeter
hohen
Plateau-Sohlen aufstehen. Auf die Inhalte und Farben seiner
extrem
breiten Krawatte moechte ich zum Schutze zartbesaiteter
Leser und
Leserinnen lieber nicht naeher eingehen. Locker um den
Hals gelegt
traegt der Mensch mindestens 15 Pappnasen in
verschiedenen Farben
und Formen, waehrend er in der anderen freien
Hand eine silberne
Spielzeugtrompete schwenkt.
Bevor ich auch nur 'Piep' sagen kann,
quaekt er einmal kurz auf der
silbernen Trompete, bruellt:
"HahAAA!", holt eine Faschingspfeife aus
der Tasche, die
er mir auf den Tisch legt und sagt:
"Hatte ich zufaellig bei
mir, hahaha. Koennen Sie ruhig behalten. War
lange nicht mehr
hier, wie? Aber dafuer habe ich diesmal auch ganz
besonders feine
Sachen fuer Sie dabei..."
Flink wie ein Wiesel oeffnet er den
riesigen Koffer und verteilt ein
halbes Dutzend grellbunter
Plastikbaelle in meinem Buero. Danach setzt
er zwei huepfende
Froesche und einen mittelgrossen Panzer aus grauem
Kunststoff in
Gang, der heulend auf mich zusteuert, waehrend kleine
Funken aus
der Muendung der sich wild drehenden Kanone spruehen.
Ich fasse
instinktiv nach dem Panzer, bevor er mir ans Bein faehrt, und
der
drehende Geschuetzturm quetscht mir den Daumen ein. Vor Schreck
mache
ich eine Schritt rueckwaerts und trete auf einen der Gummibaelle,
die
im ganzen Zimmer herumkugeln. Der Ball quietscht wie
ein
eingeklemmtes Ferkel und ich stolpere wild mit den Armen
rudernd
gegen mein IKEA-Regal, das sich aechzend auf meine linke
Schulter
stuetzt.
Herr Katzenschwanz eilt mir sofort zu
Hilfe, und wir schaffen es, das
Regal wieder in eine einigermassen
stabile Position zu biegen. Die ganze
Zeit ueber quasselt der Mann
ununterbrochen.
Als er nach zehn Minuten endlich einmal Luft holen
muss, frage ich ihn
mit beherrschter Stimme, wie in drei Teufels
Namen er auf den
abstrusen Gedanken verfallen sei, dass ICH,
ausgerechnet ICH, ihm
eine ganze Wagenladung Spielzeug abnehmen
wuerde.
Es stellt sich heraus, dass Herr Katzenschwanz die Tour
von einem
Kollegen geerbt hat, der sich letztes Jahr wegen
akuter
Paediatechnophobie in den Ruhestand verabschiedet hat.
Wahrscheinlich
hat der gute Mann wahllos Namen aus dem Telefonbuch
gepickt, um
eine moeglichst umfangreiche Kundenliste zu
hinterlassen. Sehr
geschickt!
Herr Katzenschwanz ist untroestlich und
beteuert ein ums andere Mal ,
wie peinlich ihm das Ganze doch sei,
usw. usw.
"Tja, Sie sind zwar bei mir voellig an der falschen
Adresse", sage ich
bedauernd, "aber andererseits haben
Sie auch wieder Glueck.
Ausgerechnet heute haben wir Besuch von
mehreren Managern, die an
einem Seminar teilnehmen wollen. Und
wissen Sie, was das Thema
des Seminars ist?"
Herr
Katzenschwanz weiss es nicht und ist ganz Ohr, waehrend
er
gleichzeitig versucht, die Froesche einzufangen.
"Das
Thema ist 'Neue Methoden der Kunden-Aquisition'.
Kinderspielzeug
als Werbegeschenke, das waere doch was fuer Sie. Da
koennen Sie
auf einen Schlag ueber 10.000 Panzer abschliessen."
Katzenschwanz
bekommt etwas glasige Augen und stimmt mir eifrig
zu.
"Passen
Sie auf", sage ich, "ich werde Sie mit den Leuten in
Kontakt
bringen, wenn Sie mir versprechen, niemanden ein
Sterbenswort ueber
mich zu sagen, ok?"
Katzenschwanz ist
mit allen Bedingungen einverstanden. Ein duenner
Speichelfaden
zieht sich aus seinem linken Mundwinkel nach unten.
Ich fuehre ihn mitsamt seinem Koffer
ueber den Gang bis zum
Konferenzraum. Kurzes Lauschen an der
Tuerfuellung.Ja, der Chef
monologisiert gerade salbungsvoll zu den
potentiellen
Drittmittelgeldgebern.
"Jetzt", zische
ich und schiebe den fiebernden Katzenschwanz durch
den Tuerspalt.
Dann schliesse ich die Tuere mit meinen
nachgemachten
Generalsschluessel ab, eile zur anderen Tuere und
mache dort das
Gleiche.
Spaeter am nachmittag kommt Frau
Bezelmann in mein Buero. Ihre
Mundwinkel zucken haemisch, als sie
mir wortlos einen Akt auf den
Tisch legt. ERLEDIGT steht in
grossen roten Buchstaben quer ueber die
erste Seite
geschrieben.
Frau Bezelmann und ich, wir wechseln einen Blick und
beinahe,
beinahe haetten wir beide ganz kurz gelaechelt.
Aber
nur beinahe.
Bastard Ass(i) from Hell 17
Heute ist mal wieder Besuch angesagt. Da hilft auch der Schutzschild
nichts
mehr.
Unser noerdlicher Projektpartner im SCHWAFEL-Projekt hat
einen
gewissen Herrn Doktor phil. Vogel zu einen eintaegigen
'Arbeitstreffen'
an unser Institut geschickt. So nennt man es,
wenn jemand auf
Staatskosten Muenchen besuchen will.
SCHWAFEL steht fuer 'Self Constructing
Hyper Wavelet Algorithms
For Extrapolating Linguistics'. Genauso
graesslich wie der Titel ist auch
das ganze Projekt. Uebrigens
weiss bis heute niemand, warum ein von
der Bundesregierung
gefoerdertes Projekt mit ausschliesslich deutschen
Projektpartnern
einen englischen Titel haben muss.
Herr Doktor Vogel ist Hanseate, wie er
mir innerhalb der ersten 20
Sekunden erklaert, und ausserdem mit
einem erstaunlichen
Selbstbewusstsein ausgestattet. Er ist sehr
gross, duenn und hat einen
weit vorgestreckten Hals, auf dem ein
langgezogener Schaedel hin und
herpendelt. Das laengliche Gesicht
mit der hohen Stirn wird noch betont
durch einen schuetteren
Ziegenbart, der sich beim Lachen etwas straeubt.
Herr Doktor Vogel
lacht aber nicht viel, denn das wuerde seinen
Redefluss behindern.
Die erste Stunde unseres
'Arbeitstreffens' lasse ich ausschliesslich
Herrn Vogel reden.
Dann sage ich:
"Aha",
'und hoere ihm die ganze zweite
Stunde lang aufmerksam zu. Als nach
der dritten Stunde noch
keinerlei Anzeichen von Heiserkeit bei Herrn
Doktor Vogel
festzustellen sind, schlage ich vor, dass wir das
Arbeitstreffen
doch bei einem Arbeitsessen fortsetzen koennten. Herr
Doktor Vogel
ist einverstanden und redet weiter. Allerdings nuetzt er
die
Gelegenheit nunmehr dazu, um von fachlichen Themen auf
persoenliche
umzusteigen.
Auf diese Weise erfahre ich auf dem Weg
zum Lift, dass er nicht nur
fachlich brillant ist, sondern auch im
Privaten genau die Persoenlichkeit
darstellt, die ich schon immer
kennenlernen wollte. Er ist natuerlich
ausserordentlich sportlich,
spricht 5 Sprachen fliessend und hat ein
Segelboot an der Elbe. In
der Intimitaet der Liftkabine wechselt Herr
Doktor Vogel zum Thema
Frauen ueber:
"Wissen Sie, ich bin immer wieder ueberrascht,
wie unwiderstehlich ich
auf Frauen wirke", sagt er gerade,
als die Lifttuere sich noch einmal
oeffnet, und Marianne
zusteigt.
Die Tuere schliesst sich und der Lift faehrt wieder
ruckend an. Ebenso
setzt Herr Doktor Vogel unbekuemmert die
Darstellung seiner
libidinoesen Vorzuege fort. Mariannes Augen
werden immer groesser und
sie presst sich immer weiter ihre
Ecke.
"Es scheint nunmal der Fall zu sein, dass ich auf das
weibliche
Geschlecht unwiderstehlich wirke", wiederholt Herr
Doktor Vogel
abschliessend, falls ich den Kernpunkt seiner Aussage
vielleicht verpasst
haben sollte.
Ich gucke Marianne an,
Marianne guckt mich an. Herr Doktor Vogel
guckt von mir zu
Marianne, als ob er ihre Gegenwart erst jetzt zur
Kenntnis nehmen
wuerde.
"Finden Sie nicht auch?" fragt er Marianne
unvermittelt.
Marianne wird erst knallrot, dann blass.
"Oh,
aeh...", stottert sie, dann erloest sie der Aufzug, der im
ersten Stock
die Tuere oeffnet.
"Entschldgnsimushiaraus",
nuschelt sie und schlaengelt sich wie ein Aal
durch den
Tuerspalt.
Herr Doktor Vogel schaut mich triumphierend an.
"Haben
Sie gesehen, wie sie erroetet ist? Und kein vernuenftiges Wort
hat
sie mehr herausgebracht. Ich habe fast immer eine so
drastische
Wirkung bei den Frauen."
Herr Doktor Vogel beginnt mich nun doch
zu interessieren. Es reizt
mich herauszufinden, wie weit sein
Selbstbewusstsein geht.
Als wir aus dem Uni-Gebaeude auf die
belebte Strasse treten, strahlt die
Sonne vom foehnig-blauen
Sommerhimmel.
"Sehen Sie", sage ich, "das reinste
Bilderbuchwetter. Nur fuer Sie
bestellt."
Herr Doktor
Vogel nickt beifaellig laechelnd und segnet mit sanftem Blick
die
ganze Schoepfung, die im zu Fuessen liegt. Erstaunlich!
Vor dem
Hauptportal der Uni deute ich auf die grosse Bayernfahne, die
sich
malerisch im Winde bauscht.
"Extra fuer Ihren Besuch haben
sie die Flaggen gesetzt."
"Tatsaechlich?" sagt Herr
Doktor Vogel erfreut, bleibt fuer einen Moment
stehen und
betrachtet wohlgefaellig das weissblaue Rautenmuster. Es ist
nicht
zu fassen!
In unserem Stammlokal erklaert Herr
Doktor Vogel zunaechst den
gesamten Inhalt der Speisekarte fuer
ungesund und schwer bekoemmlich,
bestellt schliesslich doch die
Schweinshaxe und erklaert, als er sie
schliesslich vor sich auf
dem Teller hat, der genervten Bedienung
detailiert, was seiner
Meinung nach bei der Zubereitung des 'Eisbeins'
alles
schiefgegangen sei.
Waehrend er das 'Eisbein' mit geradezu
atemberaubender
Geschwindigkeit verschlingt, verlangsamt sich sein
Redefluss aus rein
anatomischen Gruenden soweit, dass man schon
fast von einem
geruhsamen Mittagessen sprechen koennte.
Ploetzlich
unterbricht sich Herr Doktor Vogel mitten im Satz und sagt:
"Das
Maedchen da drueben hat mir eben zugezwinkert. Ich habe es
ganz
deutlich gesehen."
Ich drehe mich unauffaellig um,
kann aber beim besten Willen weit und
breit kein Maedchen
entdecken. Bevor ich noch fragen kann, welches
Maedchen er denn
meine, ist er schon aufgesprungen und rueckt sich die
karierte
Fliege vor seinem ueberdeutlichen Adamsapfel zurecht. Gerade
noch
rechtzeitig merke ich, dass er Frankie ansteuert, der wie immer
um
diese Zeit seine Berliner Weisse an der Bar sueffelt.
Nur
unter lautstarkem Protest gelingt es mir, Herrn Doktor Vogel aus
der
Kneipe zu lotsen.
"Aber ich verstehe Sie nicht", sagt er
ungehalten und befreit sich aus
meinem Polizeigriff, als wir
gluecklich wieder auf der Strasse stehen.
"Was koennen diese
armen Geschoepfe denn schon dafuer, dass sie bei
meinem Anblick
alle Hemmungen verlieren. Deshalb muss man sie doch
nicht
enttaeuschen!"
Einen Augenblick ueberlege ich, ob ich
ihn zurueck zu Frankie an die Bar
lassen soll, dann kommt mir eine
bessere Idee.
"Wir haben aber jetzt keine Zeit mehr",
erklaere ich. "Der Empfang
beginnt gleich."
"Was
fuer ein Empfang?" will Herr Doktor Vogel ungnaedig
wissen.
"Aber... aber wieso wissen Sie das nicht?"
wundere ich mich. "Die
Institutsleitung misst Ihrem
offiziellen Besuch hier in Muenchen so hohe
Bedeutung bei, dass
sie dem Rektor empfohlen hat, heute Nachmittag
einen offiziellen
Empfang zu Ihren Ehren zu veranstalten."
Die Miene von Herrn
Doktor Vogel hellt sich zusehends auf.
"Der Empfang findet im
Senatssaal statt", fahre ich fort und ziehe ihn
sanft am
Aermel weiter. "Der ganze Senat wird anwesend sein;
vielleicht
verleiht man Ihnen sogar eine Ehrenurkunde. Oh, Gott!
Jetzt sind Sie
natuerlich gar nicht vorbereitet. Sicher erwartet
man auch von Ihnen ein
paar Worte."
"Natuerlich", meint Herr
Doktor Vogel selbstbewusst, "das ist ueberhaupt
kein Problem.
Ich werde einfach improvisieren."
"Bravo", rufe ich
erleichtert, "da faellt mir aber ein Stein vom Herzen."
Aber
Herr Doktor Vogel winkt bescheiden ab.
"Das ist doch fuer
mich ueberhaupt kein Problem."
"Aber eines muss ich
Ihnen noch sagen", fahre ich ernst fort, "ich muss
Sie
gewissermassen vorwarnen: Es gibt im Senat immer noch einen -
nun
sagen wir - etwas exotischen Professor, der immer wieder
versucht,
dem Redner ins Wort zu fallen. Unter uns gesagt, es sind halt
nicht
mehr die allerjuengsten, unsere Ordinarien."
"Total
verkalkt, eh?" meint Herr Doktor Vogel beifaellig
laechelnd.
"Nun ja, das will ich nicht gesagt haben",
sage ich, "aber er ist eben
bekannt dafuer, dass er jeden
Redner bei allen Gelegenheiten zu
unterbrechen versucht. Dieser
besagte Professor sitzt normalerweise
am Kopfende des Tisches;
auch so eine Marotte von ihm: er will nur
dort sitzen."
Inzwischen
sind wir im Uni-Hauptgebaeude angelangt und stehen vor
den hohen
Fluegeltueren mit dem goldenen Schild 'Senatssaal'. Herr
Doktor
Vogel zupft sich die Fliege zurecht.
"Also", sage ich,
"gehen Sie hinein und beginnen Sie mit ihrer Rede.
Lassen Sie
sich durch ihn nicht ablenken, auch wenn er schreit oder
droht.
Das ist ganz normal."
Ich oeffne die Tuere eine Spalt und
schiebe den Herrn Doktor Vogel in
die gemaechlich vor sich
hinduempelnde 467. Sitzung der
Haushaltskommission. Ich sehe noch
wie Prof. Kuerfass, der
Vorsitzende, ein ganz scharfer Hund,
ueberrascht ob der Stoerung von
seinen Papieren aufblickt. Dann
schliesst sich die Tuere mit
schicksalhaftem Knall hinter Herrn
Doktor Vogel.
Spaeter, in meinem Buero, ruft mich ein
Arzt aus der psychatrischen
Universitaetsklinik an.
Ja, Also,
sie haben da heute Nachmittag einen ungewoehnlichen
Fall
reinbekommen, meint er. Der Patient sei offensichtlich in
einer
manischen Phase und verlange zwischen seine Anfaellen immer
diese
Nummer anzurufen.
Ich versichere ihm, dass ich keinen
manischen Bekannten habe, was
nicht mal gelogen ist, und frage, ob
sie so einen Irren doch hoffentlich
nicht freilassen wuerden.
"Ich
meine, dann kommt er am Ende noch zu mir nach Hause", fuege
ich
besorgt hinzu.
Der freundliche Arzt beruhigt mich:
"Unter
drei Monaten kommt der sicher nicht aus der Beobachtung. So
einen
interessanten Fall hatten wir hier schon lange nicht mehr."
Bastard Ass(i) from Hell 18
Es ist heiss heute.
Es wird eben Sommer.
Fuer die
geplagten Angestellten der Uni bedeutet dies, dass
die
Tagestemperaturen in den Bueros auf saunaverdaechtige Werte
ansteigen.
Glaenzende Aluminiumverkleidungen reflektieren
unerbittlich die
Sonnenglut, grosszuegige Glasfassaden und
Plattenbau erledigen den
Rest.
Gemessen an der Zahl der
Flueche, die Studenten und
Hochschulangestellte auf das Haupt des
unseligen Architekten haeufen,
muesste der gute Mann eigentlich in
der untersten Ebene schmoren.
Gluecklicherweise bin ich infolge
meiner zweiten Natur gegen grosse
Hitze weitgehend gefeit; laestig
wird es nur, wenn einem beim DooM-
Spielen dauernd der Schweiss in
die Augen laeuft.
Zuuupf - jetzt ist mein PC schon zu
dritten Mal abgeschmiert.
Anscheinend bekommt ihm die Hitze auch
nicht besonders.
Es ist richtig heiss heute.
Andererseits erleichtert die Hitze auch
vieles. Ich mache meine Runde
durch die Labors und breche bei
einigen noch laufenden Workstations
auf der Rueckseite ein paar
Sichtblenden heraus. Bei anderen ruecke ich
passende Kartons vor
die Lueftungsschlitze oder drapiere herumliegende
Kleidungsstuecke
so, dass sie direkt vor den wuergenden Lueftern haengen.
Durch die
gestoerte Konvektion erhitzen sich die Prozessoren und
schmieren
reihenweise ab.
Wieder im Buero rufe ich bei drei
verschiedenen Hotlines an und heize
den ohnehin schon schwitzenden
Dispatchern noch mehr ein. Daher der
Name 'Hotline'. Ich drohe mit
Vertragskuendigung und Regress, wenn
sie nicht sofort einen
Techniker schicken.
Dann schaue ich aufs Thermometer: 43
Grad, nicht schlecht, drei Grad
mehr als gestern. Seitdem ich die
Anweisungen des Hausmeisters, dass
alle Fenster nachts geschlossen
sein muessen, aufs Wort befolge, steigt
die Temperatur seit Tagen
kontinuierlich an. Die Anweisung stammt
allerdings noch vom 13.
Januar.
Ich schnappe mir die Giesskanne von Frau Bezelmann
und
ueberschwemme noch einmal alle Pflanzen im Institut. Dabei
verspritze
ich grosszuegig Wasser auf die Teppiche und
Polstermoebel.
Eine halbe Stunde spaeter zeigt das Hygrometer 92 %
relative
Luftfeuchtigkeit. Perfekt!
Draussen, im Biergarten der Cafeteria,
beginnen sich die ersten
StudentInnen zu entblaettern. Ich gehe
hinueber ins Optik-Labor und
'leihe' mir eine Digitalkamera aus.
In meinem Buero richte ich die
Kamera auf die 'Blondinen-Bank'.
Diese Bank, eine an sich
unscheinbare Leichtmetallkonstruktion,
etwa 20 Meter schraeg unter
unseren Institutsfenstern, muss durch
irgendwelche uralten
Geheimnisse der Inkas oder Aegypter genau die
kosmische Position zur
Sonne einnehmen, die braungebrannte,
wasserstoffgebleichte
Blondinen unwiderstehlich anzieht. Laut
meiner bisherigen Statistik
ueber die Benutzer dieser Bank sind
die Ereignisse 'blond', 'weiblich'
und 'braungebrannt' stark
signifikant, wogegen das Ereignis
'weitgehend entblaettert'
immerhin noch signifikant auf dem 0.005
Level ist.
Statistisch
am unwahrscheinlichsten ist uebrigens die Kombination
'maennlich',
'bleichsuechtig', 'dunkel-fettige Haare' und 'schwarzer
Skianzug'.
Was taeten wir ohne die Statistik!
Ich verbinde die Kamera mit unserem
WWW-Server, so dass alle fuenf
Sekunden ein aktualisiertes Bild
der Blondinen-Bank in der Home-
Page unseres Chefs erscheint. Das
ist weitgehend risikolos, da der
Chef es noch nie geschafft hat,
seinen Net-Browser richtig zu
konfigurieren. Um genau zu sein,
liegt dies nicht am Chef allein,
sondern an einem kleinen
nuetzlichen Cron-Job, der alle zehn Sekunden
die
Konfigurationsdateien des Browsers im Home-Directory des Chefs
wieder
durcheinanderbringt.
Der erste Techniker taucht auf, um den
kollabierenden Server B wieder
aufzupaeppeln. Als ich ihm die
Tuere zum Rechnerraum aufschliesse,
wabbert uns eine feuchtwarme
Welle abgestandener Luft entgegen. Es
stinkt nach zu heiss
gewordenem Gummi und Plastikteilen.
Der Techniker stoehnt und
schaut mich verzweifelt an. Ungeruehrt
verweise ich auf das
Thermometer an der Wand; es zeigt 44 Grad an.
In den
Spezifikationen des Servers steht, dass er bis 45 Grad
im
'zulaessigen Betriebsbereich' arbeitet.
Von Luftfeuchtigkeit steht nichts in den Spezifikationen.
Was der Techniker nicht weiss: Die
Skala des Thermometers hat sich
infolge des Zusammentreffens
mehrerer merkwuerdiger Zufaelle vor ein
paar Jahren einmal
abgeloest und wurde von mir mit Superkleber wieder
'repariert'.
Eigenartigerweise zeigt das Thermometer seitdem etwa 10
Grad zu
wenig an.
Es ist heiss heute, richtig heiss.
Auf dem Weg zurueck ins Buero werfe ich
einen Blick ins Sekretariat.
Frau Bezelmann ist gerade dabei,
kiloweise Eiswuerfel auf Untertassen
im Raum zu verteilen. Als ich
sie frage, ob das 'Holiday on Ice'
werden solle, erlaeutert sie
mir mit zusammengekniffenen Lippen, dass
sie durch das schmelzende
Eis die Raumtemperatur zu senken hoffe.
"Nero mag keine
solche Hitze", fuegt sie hinzu und deutet auf den
kahlen
Raben, der geduckt auf seiner goldenen Stange hockt. "Er
bekommt
nur schlechte Laune davon."
Ich erwidere vorsichtig den
starren giftig-gelben Blick des schwarzen
Ungluecksboten und
ueberlege, ob die notorisch schlechte Laune Neros
denn ueberhaupt
noch steigerungsfaehig sei.
Dann erklaere ich Frau Bezelmann und
Nero, der ploetzlich den Kopf
streckt und aufmerksam zuhoert, dass
das Schmelzen von Eiswuerfeln aus
dem Kuehlschrank voellig sinnlos
sei, weil die dabei gebundene Energie
beim Erzeugen der Eiswuerfel
im Eisschrank in Form von Waerme sofort
wieder frei werde.
Frau
Bezelmann betrachtet unglaeubig den Eisschrank, der in seiner
Ecke
eifrig vor sich hin brummt. Aber sie muss zugeben, dass
die
Radiatoren auf der Rueckseite Hitze abstrahlen.
"Ich habe die Loesung", sage
ich. "Wir muessen nur dafuer sorgen, dass
die Abwaerme des
Kuehlschranks nicht wieder zurueck ins Sekretariat
gelangt."
Wir
haengen die Zwischentuere zum Chefzimmer aus, die sonst
immer
abgeschlossen ist, weil Frau Bezelmann es nicht vertraegt,
wenn der
Chef hinter ihrem Ruecken ins Zimmer kommt, und ruecken
den
Kuehlschrank so in die offene Tuere, dass er den unteren Teil
ausfuellt und
die Radiatoren zum Chef hineinragen. Auf den
Eisschrank tuermen wir
alte Rechnerkartons und verstopfen die
verbleibenden Ritzen mit
Fuellmaterial.
Gerade als wir fertig
sind, kommt der Chef zur anderen Tuere herein
und bleibt erstaunt
stehen.
"Aeh...hm... was machen Sie denn da, Leisch?"
fragt er und wischt
sich den Schweiss mit einem weiss-blau
karierten Taschentuch von der
hohen Stirne.
"Ich helfe mal
eben Frau Bezelmann", antworte ich wahrheitsgemaess.
"Ah,
ja... hm", sagt der Chef und betrachtet die
Kuehlschrank-Karton-
Fuellmaterial-Konstruktion. "Und...
aeh... bei was ... aeh... helfen Sie
Frau Bezelmann?"
Frau
Bezelmann springt selbst in die Bresche:
"Wir haben die
kaputte Zwischentuere ausgewechselt, und Herr Leisch
war so
freundlich, mir dabei zu helfen, die Oeffnung provisorisch
zu
verschliessen."
Frau Bezelmann deutet auf die
ausgehaengte Tuere, die wir vorerst mal
an die Wand gelehnt
haben.
"Aeh.. wieso... aeh... ist die Tuere denn kaputt
gegangen? Sie schaut
doch ganz normal aus...", meint der Chef
und beaeugt die Tuere von
allen Seiten.
"Na, dann versuchen Sie mal, sie
zu oeffnen", sagt Frau Bezelmann mit
zusammengekniffenen
Lippen.
"Sie oeffnen? Aber... hm... das... das geht doch
nicht...", erwidert der
Chef erstaunt.
"Sehen Sie!"
sagt Frau Bezelmann in einem Tonfall, der jede
Weiterfuehrung der
Diskussion unmoeglich macht.
Es ist heiss heute, so richtig heiss.
Gerade als ich wieder vor meiner
Buerotuere angelangt bin, kommt eine
Blondine auf Inline-Skates
den Gang entlang gefahren. Ich meine eine
RICHTIGE Blondine, mit
wallendem goldglaenzendem Haar, klasse
Figur und bauchfreiem Top.
Dass es sich um eine RICHTIGE Blondine
handelt, erkennt man sofort
an den blutrot lackierten Fingernaegeln und
dem schwarzen
Haaransatz.
Ich ducke mich in meine offene
Buerotuere, um einer etwaigen Kollision
vorsorglich aus dem Weg zu
gehen, aber die Blondine faengt sich
geschickt am Tuerpfosten ab
und schenkt mir ein strahlendes Laecheln
aus tief- nein, nicht
-blauen, sondern tief-braunen Augen.
"Sie sind Herr Leisch,
nicht wahr?"
Ich kann es nicht leugnen und frage, was ihr
Begehr ist.
"Ich bin auf der Suche nach einem Gehirn",
sagt die Blondine
unbekuemmert und manoevriert vorsichtig in mein
Buero.
Ich werfe einen Blick auf das elektronische Thermometer an
der
Fensterscheibe; 48 Grad Raumtemperatur zeigt es an. Soviel ich
weiss,
treten Fata Morganen (ist das der korrekte Plural?) nur in
wuestenartiger
Umgebung auf. Ein Hitzekoller? Eine ploetzliche
Erleuchtung?
Vorsichtshalber setze ich mich erst mal hin.
"Sie
suchen also ein Gehirn", sage ich dann behutsam. "Aeh, darf
ich
fragen, wozu Sie das Gehirn benoetigen. Fuer.. ich
meine...aeh... fuer Sie
selber? Als Eigenbedarf sozusagen?"
Die
Blondine guckt mich verwundert an.
"Natuerlich fuer mich
selber", sagt sie, "ich brauche es fuer ein Referat
bei
Prof. Murnau."
Kollege Murnau ist unser
Psycho-Spezialist. Was er an einem
technischen Institut wie dem
unseren zu suchen hat, wissen allein die
Goetter. Aber er haelt
fleissig Vorlesungen ueber alle moeglichen Psycho-
Themen:
Psycho-Akustik, Psycho-Physik, Psycho-Dermatologie,
usw., die sich
alle grosser Beliebtheit als Nebenfaecher erfreuen.
"Und bis
jetzt... haben Sie das... das... aeh... noch nie... aeh...
vermisst?
Ich meine..."
Ein verwunderter Blick aus tief-braunen
Augen.
"Nein, wieso?!"
Ja, wieso eigentlich, frage
ich mich ebenfalls.
"Ich habe bis jetzt noch nie ein Bild vom
Gehirn gebraucht", erklaert die
Blondine geduldig.
"Ach
so", sage ich erleichtert, "sozusagen als
Anschauungsmaterial?"
Die Blondine nickt.
"Am besten
eine Draufsicht", sagt sie, "ungefaehr so gross wie
eine
Folie."
Ich gebe ihr eine entsprechende
Literaturangabe und sie rollt gluecklich
weiter in Richtung
Bibliothek.
Ob sie die Inline-Skates zum Referat
auszieht, denke ich noch zerstreut
und fahre die Schutzschilde
wieder hoch.
Meine Workstation keucht und blaest heisse Luft auf
meine Fuesse; durch
die Jalousienschlitze kann ich die Hitze im
Biergarten flimmern sehen.
Es ist heiss heute. Hatte ich das schon bemerkt? Richtig heiss...
Bastard Ass(i) from Hell 19
Der geschaetzte Leser erwartet jetzt
sicher wieder eine Episode aus dem
aufregenden Leben des BAFH.
Leider muss ich ihn heute enttaeuschen.
Der Grund? Es ist einfach
gar nichts passiert, rein gar nichts, was es
lohnt, in die Tasten
zu greifen.
Und warum ist das so? Es sind Semesterferien. Keine
Studenten, der
Chef ist auf einer seiner ausgedehnten
'Studienreisen', ja selbst die
unerschuetterliche Frau Bezelmann
hat ihren Posten im Sekretariat fuer
eine Woche aufgegeben, um an
einer rein feministischen Konferenz in
Bad Blocksberg
teilzunehmen.
Ich ergreife die Gelegenheit, um
endlich auf die anschwellende Flut
von Leserbriefen (meist in Form
von drei- bis vierzeiligen emails!)
einzugehen, die ja auch
irgendwann beantwortet sein wollen.
Zunaechst danke ich fuer die
zahlreichen Hinweise besorgter
Akademiker-Eltern, dass sie ihre
Sproesslinge - sobald diese in
entsprechendes Alter herangewachsen
sein wuerden - auf gar keinen Fall
an die Universitaet des BAFH
schicken und schon unter gar keinen
Umstaenden ein Fach studieren
lassen wuerden, im Rahmen dessen die
wohlbehueteten selbigen
Sproesslinge etwa mit mir persoenlich in Kontakt
geraten
koennten.
Eine solche Einstellung kann ich nur voll und ganz
unterstuetzen. Ich
finde, dass die derzeitigen 4 (in Worten:
vier!) Hauptfachstudenten pro
Semester schon Zumutung genug sind.
Auch die zahlreichen Anfragen von
Studenten anderer Fakultaeten, ob es
denn in unserem Fach an
dieser unserer Universitaet tatsaechlich
'dermassen schlimm
zugehe', moechte ich hier kurz und buendig
beantworten:
Ja, das
tut es!
Aber dafuer wird es bei uns auch nie langweilig!
Als naechstes muss ich auf die
teilnehmenden Zuschriften zahlreicher
weiblicher Leserinnen
eingehen, die sich bei mir erkundigen, ob ich
durch meinen
Lebensstil Frustrationen infolge mangelnder Zuwendung
abreagiere,
und die mit mehr oder weniger eindeutigen Angeboten ihre
Dienste
zwecks Abbau der besagten Frustrationen anbieten.
Meine Damen, ich
weiss Ihre Anteilnahme wirklich zu schaetzen, aber sie
irren sich
in der Diagnose. Meine Lebensfuehrung ist sozusagen
inhaerent
festgelegt und nicht so leicht zu aendern.
Im Uerigen, nein, ich
bin weder durch Kaiserschnitt noch durch eine
Zangengeburt zur
Welt gebracht worden. Auch hatte ich eine
ausgesprochen
harmonische Kindheit, soweit man in meinem Falle von
einer
Kindheit sprechen kann, danke guetigst der Nachfrage.
Das Thema meiner Herkunft scheint aber
die Leserschaft derart zu
interessieren, dass ich mich schweren
Herzens durchgerungen habe, an
dieser Stelle ganz kurz ueber
DIE HERKUNFT DES BAFH
zu berichten.
Also, das Ganze nahm seinen Anfang
einige Jahre nachdem ich meinen
Posten als Flugbegleiter auf einem
Charterflugzeug der LUDA AIR
angetreten hatte. Als Engel fuenfter
Klasse des 3. Faehnleins, 12.
Kohorte, 53. Zenturie, 1026. Legion
der HH ('Himmlischen
Heerscharen') bestand meine Aufgabe darin,
den Passagieren waehrend
der Fluege Mut und Hoffnung auf eine von
Gott gelenkte, glueckliche
Landung einzufluestern.
Es war nicht gerade ein Traumjob.
Praeziser gesagt, langweilte ich mich
fast zu Tode. Ein Jahr lang
pendelten wir fast ununterbrochen zwischen
Cancun und Frankfurt
hin und her. Die Flugzeugbesatzungen
wechselten ja dauernd, aber
ich durfte meinen Posten nicht verlassen.
Ich war immer an Bord,
unsichtbar, allgegenwaertig und stets bereit,
Mut und Hoffnung zu
spenden.
Mehr durfte ich auch gar nicht. Denn
die oberste Direktive im Kodex
der HH lautet: 'Keinerlei aktiven
Eingriff in das Geschehen, damit die
Planung der oberen Raenge
nicht in Frage gestellt werden kann.'
Jedenfalls hatte ich nach einigen
Jahrzehnten in den Charterflugzeugen
der LUDA AIR die Sache
gruendlich satt. Ich beneidete die Kollegen
vierter Klasse, die
immerhin in Linienflugzeugen Dienst tun durften.
Da wechselte
wenigstens ab und zu der Flugplan. Ausserdem war das
Publikum
bestimmt distinguierter als auf diesem Cattle Freighter. Aber
die
Befoerderung zur vierten Klasse konnte noch gut und gerne
einige
Jahrhunderte auf sich warten lassen.
Eines Tages luemmelte ich gerade mal
wieder gelangweilt auf dem Stuhl
des Copiloten, der sich die lange
Flugzeit ueber den Atlantik zusammen
mit der kleinen blonden
Stewardess auf angenehmere Art verkuerzte, als
ploetzlich der
Pilot neben mir einen erstickten Laut von sich gab und,
bevor ich
noch Gelegenheit fand, ihm weisungsgemaess Mut und
Hoffnung
einzufluestern, in Ohnmacht fiel.
Kann sein, dass die leere
Whiskyflasche, die er vor ein paar Stunden -
da allerdings noch
gefuellt - aus dem Duty-Free-Schrank geklaut hatte,
irgendwie
damit zu tun hatte.
Ungluecklicherweise war der Autopilot in
diesem Moment gerade
ausgeschaltet und der schwere Schaedel des
besinnungslosen Piloten
drueckte das Steuer kraeftig nach vorne,
so dass die altersschwache 737
aechzend in einen atemberaubenden
Sturzflug ueberging, der Disney
Land alle Ehre gemacht haette. Aus
dem Passagierraum ertoente der
Klang von zerbrechenden Glas und
erbrechenden Passagieren.
Ich ueberlegte kurz, ob ich statt des
bewusstlosen Piloten den Copiloten
aufsuchen sollte, um ihm Mut
und Hoffnung einzufluestern. Allerdings
bezweifelte ich, dass
dieser es rechtzeitig von der Ruhekabine der
Stewardessen bis zur
Pilotenkanzel schaffen wuerde. Vor allem bei der
rapide
zunehmenden Schraeglage der 737 und wenn er sich unterwegs
auch
noch anziehen muesse.
Direkt vor mir befand sich die Anzeige
des Hoehenmessers und daneben
der Schalter zum Autopiloten. Die
Zahlen flimmerten ueber die Anzeige
des Hoehenmessers. Ich
schaetzte noch etwa 25 Sekunden bis zum
ultimativen Aufprall.
Rasch versetzte ich mich nach hinten in
die abgedunkelte Ruhekabine
der Stewardessen. Der Copilot war
offensichtlich nach vollbrachter Tat
auf der ebenfalls
schlummernden kleinen blonden Stewardess
eingeschlafen und
schnarchte leise und zufrieden. Ich streckte
automatisch meine
Hand nach seiner Schulter aus, um ihn
wachzuruetteln, aber dann
fiel mir die oberste Direktive der HH wieder
ein: Kein Eingriff
ins Geschehen.
Wenn ich jetzt den Copiloten aus seinem
post-coitalen Koma erweckte,
verstiess ich bereits gegen meine
Vorschriften und es war keineswegs
sicher, ob er es in den
verbleibenden 20 Sekunden noch bis zur
Pilotenkanzel schaffen
wuerde.
Besser waere es also, gleich selber den Autopiloten
einzuschalten, wenn
ich schon gegen die Vorschriften verstossen
sollte.
Gedacht, getan. Ich versetzte mich wieder nach vorne und
flippte den
kleinen roten Schalter nach unten. Der Autopilot, seit
langem die
einzige vernuenftig denkende Instanz auf diesem
Flugzeug (ausser mir
natuerlich!), schaffte es gerade noch, den
Absturz in 350 Meter ueber
dem Atlantik abzufangen.
Die Sache ging natuerlich durch die
Presse und ein Engel 3. Klasse im
Range eines Super-Anglizisten
wurde darauf aufmerksam. Der Fall
wurde an die gefiederte MIPO
ueberwiesen und diese besorgte sich per
goettlichem Dekret eine
Kopie des verdammten Flugschreibers. In den
anschliessenden
Verhoeren kam alles heraus, weil ich als Engel noch
nicht gelernt
hatte, gewisse Tatsachen geeignet darzustellen.
Ich wurde sofort zum 'Angel Bulk Rate'
degradiert und musste mich zur
Strafe fortan um die Ueerwachung
der Quantenfluktuationen in der
Beschleunigerkammer 5 des
Kernforschungszentrums CERN
kuemmern - eine verdammt muehselige
und noch oedere Arbeit, als man
es sich vorstellen kann, deren
Zweck allein darin besteht, die
Kernphysiker durch absolut
anormales Verhalten der Elementarteilchen
in die Irre zu fuehren,
damit sie den goettlichen Plan der Schoepfung nicht
so leicht
erkennen koennen.
Nebenbei gesagt, besteht dieser Plan aus einer
Ansammlung von ganz
graesslichen und akausalen Zusammenhaengen,
den man in den obersten
Raengen am liebsten ganz unter den Tisch
gekehrt haette, weil er gar kein
gutes Bild auf die Konzeption der
Schoepfung an sich wirft.
In CERN lernte ich einen BTFH, Bastard
Technician from Hell, aus
dem dritten Kreis kennen, der mir die
ersten Kontakte zur Konkurrenz
verschaffte. Schliesslich bot mir
die Geschaeftsleitung an, den Posten
eines BAFHs zu uebernehmen,
wenn ich dafuer auf meine engelhaften
Privilegien fuer immer
verzichtete.
Natuerlich unterschrieb ich sofort -
von Protonen, Leptonen, Barionen
und anderen Etceteraonen hatte
ich gruendlich die Nase voll.
Und so wurde aus dem 'Angel Bulk Rate'
der 'Bastard Assistant from
Hell', des Chaos Quelle, der Schrecken
aller Verwaltungsbeamten und
Studenten, immer bereit, ein wenig
Sand ins Getriebe der goettlichen
Ordnung zu streuen.
Und - seien wir mal ganz ehrlich - ohne
ein bisschen Chaos waere dieses
Leben doch stinklangweilig.
Bastard Ass(i) from Hell 20
Ich steige in meinen Wagen und drehe
den Zuendschluessel. Die Karre
springt zwar sofort an, aber nach
wenigen Sekunden beginnt die
Oeldrucklampe zu blinken und ein
penetrantes Warnsignal gellt mir in
die Ohren. Ich weiss genau,
dass genuegend Oel drin ist, aber trotzdem
leuchtet das rote
Laempchen. Man koennte also sagen, dass mein Auto mir
falsche
Tatsachen vorspiegelt, mich in gewisser Weise anluegt.
Vielleicht
will es heute nicht ausgefahren werden; vielleicht ist es
der
Meinung, ich solle lieber die U-Bahn nehmen und es in Ruh'
lassen;
vielleicht habe ich auch gerade eben einen schnuckeligen
Flirt mit den
schicken kleinen Z3 auf dem Nachbarparkplatz
gewaltsam
unterbrochen.
Interessanterweise macht das mein Auto
nicht taeglich; dann wuerde man
behaupten, es sei kaputt. Nein,
nur so etwa alle zwei Monate meldet es
sich. Auch nicht immer beim
Starten. Besonders gern erschreckt es
mich mitten auf der Autobahn
mit hundertfuenfzig Ka-em-ha. Ab und zu
leuchtet auch die
Bremskontrolleuchte fuer den Anhaenger auf - obwohl
gar keinen
Anhaenger angekoppelt ist.
Aber am liebsten macht es Geraeusche:
Gelegentlich faengt irgendein Teil
hinter dem Armaturenbrett an zu
schwingen. Irgendeine bloede
Resonanz, die gerade bei den
gaengigen Geschwindigkeiten ihr
Maximum hat. Mir bleibt dann nur
die Wahl entweder die
Geschwindigkeit zu erhoehen oder solange mit
der Faust auf die
Konsole zu donnern, bis die Resonanz aufhoert.
Letzteres funktioniert
praktisch nie. Das kann mich zur Weissglut
bringen, und mein Auto
weiss das.
Ich liebe dieses Auto. Es hat Charakter.
Heute lasse ich mich nicht provozieren.
Ich drehe das Radio auf volle
Lautstaerke und ignoriere einfach
das sirenenartige Geheul der
Oeldruckwarnlampe. Mitten auf der
Leopoldstrasse beginnen ploetzlich
alle vier Lautsprecher zu
knattern wie ein Maschinengewehr, dann
ruelpst es noch einmal
kraeftig in den Subwoofern und es wird still. Alle
Anzeigen am
Radio sind erloschen. Unglaeubig fummele ich an den
Kontrollen,
achte nicht auf den Verkehr und haette beinahe eine
Politesse auf
die Haube genommen. Nichts. Das Radio bleibt tot. Nur
noch das
Gewinsel der Oeldrucklampe quietscht irgendwo hinter
dem
Armaturenbrett.
Taeusche ich mich oder klingt das
Gequiecke jetzt irgendwie anders als
vorher? Triumphierend?
Kaum bin ich in meinem Buero - ich habe
noch nicht mal das erste
Soundfile auf meine Workstation geladen -
da wird auch schon die Tuer
aufgerissen.
Der Chef. Vor 10 Uhr
morgens. Das bedeutet etwas.
"Ah, aeh... Leisch. Gut, dass
Sie schon aeh... ja, aeh... sozusagen...
hrm... "
Der Chef
starrt konzentriert auf die Decke und ueberhoert
meinen
Morgengruss.
"Es geht, aeh... nur ein paar Worte...
um den CIP-Pool-Antrag, ja...
hrm... und natuerlich auch um den...
den... aeh... den..."
"Dings?" schlage ich
vor.
"... um den Dings-Antrag. Aeh... ich meine... hrm...
den... den WAP-
Antrag."
Nachdem das Wort endlich gefunden
ist, holt der Chef tief Luft, streckt
den Bauch raus und faehrt
fort:
"Aeh... dazu muss ich etwas ausholen, aeh... damit
Sie... hm... die
Hintergruende... aeh... auch verstehen, Leisch.
Ja. Als ich 1972 an
diesen Lehrstuhl berufen wurde, ..."
Ich
schalte die Ohren auf Durchzug und schiele unauffaellig auf
mein
Computerdisplay. Ich schalte auf den alten DEC Trackball um,
den ich
unter meinem Schreibtisch installiert habe, so dass ich
mit dem grossen
Zeh den Cursor bewegen kann, ohne dass der Chef es
mitbekommt.
"... als erstes... aehm... Institut der
Universitaet eine... aeh... hrm...
PDP-11 angeschafft hatten...
hrchhrm... und schon damals habe ich
immer - auch gegenueber...
aehm... dem Ministerium.... aeh... betont..."
Waehrend der
Chef in Erinnerungen schwelgt, checke ich meine
Mailbox, lese drei
Artikel in der USENET Gruppe
'de.alt.sexual.harassment',
ueberpruefe die Backup-Protokolle von heute
Nacht und greppe die
Usermail der Studenten nach den Begriffen
'Sex', 'Liebe' und
'Schwanger'. Leider ist heute mal wieder ueberhaupt
nichts
Interessantes dabei.
An der Intonation erkenne ich, dass der Chef
langsam wieder aufs
Thema zuruecksteuert.
"... hat
dadurch... so gesehen... hrm... eine Tradition, die in
unseren...
aeh... zukuenftigen Bemuehungen... Anstrengungen in der...
aehm...
Rechnertechnik gerecht... und deshalb muessen wir sowohl
im...
aehm... CIP- als auch im... aeh... na... aeh...
WAP-Pool-Antrag
darauf achten, dass...
Auf jeden Fall sollten
wir Herrn... aeh.... Herrn... err... Herrn..."
"Dings?"
schlage ich vor.
"... den Herrn Dings... Quatsch... den Herrn
MAIER im... im
REFERAT 8 oder 9 anrufen. Ja. Koennen Sie das alles
in die... aeh...
Hand... hrm... Hand nehmen,
Leisch?"
"Selbstverstaendlich", sage ich und
schliesse per Zehklick den News
Reader.
Nachdem der Chef
gegangen ist, rufe ich vorne bei Frau Bezelmann an
und lasse mir
alle Informationen durchgeben, um die es wirklich geht.
Dann rufe
ich im REFERAT 5 an und lasse mir FRAU MUELLER
geben.
"Ja,
also", sage ich mit unsicherer Stimme, "Sie muessen
schon
entschuldigen, aber ich bin in diesen buerokratischen Dingen
schrecklich
ungeschickt. Aber Sie koennen mir ja sicher
helfen..."
Frau Mueller muss ein absoluter Frischling im
Referat 5 sein, denn sie
versichert glaubhaft, dass sie MICH, den
BAFH, in allen Dingen
tatkraeftig unterstuetzen werde. Ich solle
sie nur FRAGEN.
AUSGEZEICHNET!
"Gut", sage ich,
"also, es geht um diesen Computerantrag..."
"CIP
oder WAP?" fragte die Frau Mueller geschaeftstuechtig.
"Ja,
CIP, glaube ich...", ich raschele heftig mit der
Pornogeschichte,
die ich mir gerade aus dem USENET geholt und
ausgedruckt habe,
"... ah, ja, da ist es ja. Genau, CIP
heisst das Ding. Also wir hatten 13
Rechner beantragt, aber hier
auf dem Bestaetigungsschreiben ist immer
nur von 3 Rechnern die
Rede..."
Frau Mueller seufzt unterdrueckt und beginnt mir
ausfuehrlich zu erklaeren,
dass die Anzahl der zu beantragenden
Rechnerplaetze von der Zahl der
Hauptfachstudenten abhaenge. Und
da in unserem Fach im Schnitt nur
vier Hauptfachstudenten pro
Semester gemeldet seien, blabla usf.
"Soso, aha. Ja, ich
glaube, ich verstehe", sage ich mit erstauntem
Tonfall. "Aber
wir haben doch nicht vier sondern etwa
dreissig
Hauptfachstudenten...."
(Klickerdiklackerdiklick
+ zuupf)
Verbluefftes Schweigen an anderen Ende. Aber Frau Mueller
fasst sich
rasch wieder. Wozu hat man einen Computerkurs gemacht?
Wozu hat
man das neue Studenten-Verwaltungssystem, SVS
genannt?
"Augenblick", sagt sie souveraen, "ich
schaue schnell mal im SVS nach;
dann haben wir sofort die
aktuellen Zahlen."
Klickerdiklackerdiklick + zuupf hoere ich
sie durchs Telefon.
"Aber... aber... das verstehe ich nicht",
stammelt Frau Mueller.
"Aeh, wie meinen Sie?" frage ich
scheinheilig.
"Da sind tatsaechlich dreissig
Hauptfachstudenten im SVS eingetragen.
Aber ich bin ganz sicher,
dass letzte Woche..."
"Nun ja, das kann ja so leicht
passieren", sage ich und logge mich aus
dem Superuser-Mode
des SVS wieder aus. "Sie haben ja sicher
soviele... aeh...
CIP-Antraege auf dem Schreibtisch. Da kann man sich
schon mal um
eine Stelle irren, nicht wahr..."
"Ich versteh' das
nicht", muemmelt Frau Mueller ins Telefon.
"Nun gruebeln
Sie mal nicht zuviel darueber nach", sage ich im
kollegialen
Tonfall. "Es ist ja noch nicht zu spaet, nicht wahr? Ich
schicke
ganz einfach die Unterlagen an Sie zurueck, und Sie
korrigieren
einfach die Anzahl der Rechner..."
Frau
Mueller ist mit allem einverstanden.
So, bevor ich mir WAP vornehme, muss
ich noch meine Hausaufgaben
erledigen. Ich haenge eine
Ankuendigung an die Tuer des Hoersaals, dass
meine Vorlesung heute
wegen akuter Mauspad-Allergie ausfallen wird,
und setze mich an
den Mac. Photoshop, eine alte Kopie unseres
Raumplans, Scanner,
eine Buechse Cola.
Zwei Stunden spaeter lasse ich mich von Frau
Bezelmann mit Herrn
Fauldobler im Referat 5 verbinden. Der Herr
Fauldobler ist zustaendig
fuer WAP und kennt mich schon von
frueher. Daher muss auch Frau
Bezelmann die Verbindung herstellen;
wenn ich selber nach ihm frage,
ist er garantiert 'gerade eben
nicht im Buero'.
"Ja, hallo?" meldet sich der
ahnungslose WAP-Buerokrat.
"Ja, gruess Gott, Herr Faultier.
Ich rufe an wegen dem WAP-Antrag,
den wir gerade fuer unser
Institut laufen haben..."
"Fauldobler", unterbricht
mich der Selbnamige.
"Mein ich ja, Herr Fauldobler. Ja, also
es geht um unseren WAP-
Antrag."
"Haben Sie..."
"Ja,
ich habe Ihren Brief erhalten. Aber ich verstehe nicht ganz, was
Sie
mit 'raum-kausaler Insuffizienz' meinen?"
Herr Fauldobler
erklaert mir schadenfroh, dass der Antrag von dreizehn
Indigo
Workstations auf zwei gekuerzt wurde, weil unser Institut keine
13
Arbeitsplaetze nachweisen koenne.
"Sie haben zwar im Moment
genuegend Mitarbeiter fuer den Antrag",
erklaert Herr
Fauldobler, "aber wenn Sie nicht nachweisen koennen, wo
die
Maschinen aufgestellt werden sollen, geht der Antrag leider
nicht
durch."
Die Haeme trieft ihm aus allen Woertern.
Fauldobler hat frueher in der
RKFH gearbeitet, bis er wegen
Nervenzusammenbruchs ins Referat 5
versetzt wurde. Ungefaehr zur
gleichen Zeit gab es einige aeusserst
komplizierte
Reisekostenabrechnungen von mir, die angeblich in
irgendeinem
kausalem Zusammenhang mit Fauldoblers
Schwierigkeiten standen.
Offensichtlich hat er dies immer noch nicht
ganz verwunden.
"Aha,
ja. Jetzt verstehe ich, Herr Faultier..."
"Fauldobler!"
"...
Herr Fauldobler, nein wie dumm von mir. Ich sehe gerade, dass ich
ja
ganz vergessen habe, die neuen Projektraeume fuer
das
ASPARAGUS-Projekt mit anzugeben."
"ASPARAGUS?!"
"Ja,
der neue SFB der DFG, gerade erst genehmigt. Dafuer haben wir
die
bisher nicht genutzten Raeume 277, 278, 291 und 293 vorgesehen.
Die
koennten wir doch dann fuer den WAP-Antrag nutzen, nicht wahr?
Die
meisten Mitarbeiter werden sowieso in ASPARAGUS arbeiten..."
Ich
hoere, wie Fauldobler in seinen Raumplaenen wuehlt. Er hat sich
also
schon Kopien gemacht, der Schlawiner, um auf meine
Einwaende
vorbereitet zu sein. Na, warte! 10, 9, 8, 7, 6, 5, 4, 3
,2 ,1...
"Aber... aber ich finde gar keine Raeume mit diesen
Nummern auf
meinem Plan....", sagt er.
BINGO!
"Nicht?!
Ja, dann haben Sie vielleicht noch die Plaene von VOR dem
Krieg.
Warten Sie, ich faxe Ihnen die aktuellen Plaene mal
gerade
hinueber...."
Fuenf Minuten spaeter laeutet wieder
das Telefon. Fauldobler ist geradezu
zerknirscht.
"Also,
ich weiss nicht was ich sagen soll. Sie haben natuerlich
recht
gehabt. Wenn Sie diese Raeume fuer den WAP nutzen wollen,
koennen
wir den Antrag so weiterreichen....
Seine Stimme klingt
enttaeuscht. Fast tut er mir leid. Buerokraten zu
vera...... ist
leichter, als der doofen Dogge vom Hausmeister einen
Knochen zu
klauen.
"Ausgezeichnet", sage ich, "ich bin froh,
dass wir alles so schnell
klaeren konnten, Herr Faultier. Auf
Wiederhoeren."
"Fauldobler", murmelt er noch, bevor
ich auflege.
Ich bin gespannt, ob Fauldobler jemals
auffallen wird, dass die Raeume
277, 278, 291 und 293, so wie ich
sie in den Plan retuschiert habe, im
zweiten Stock frei ueber der
Schellingstrasse schweben, ueber die er
jeden Morgen zur U-Bahn
geht.
Wahrscheinlich nicht.
Ebensowenig wie er merken wird, dass es
natuerlich auch keinen
SPARGEL-Sonderforschungsbereich der DFG
gibt.
Aber Buerokraten koennen eben nicht alles wissen...
Bastard Ass(i) from Hell 21
Es regnet. Es schuettet geradezu. Der
Wettermann im Radio ist der
Meinung, dass es 'fuer diese
Jahreszeit zu kalt' sei. Der Akku im
Rasierapparat ist leer, und
ich kann das Kabel zum Aufladen nicht
finden. Mein rechter
Weisheitszahn ist wieder entzuendet und pocht vor
sich hin. Im
Radio spielt jemand Variationen zu Chopins
'Trauerweide', und als
ich den ersten Schluck Kaffee nehme, merke
ich, dass ich Zucker
mit Salz verwechselt habe.
Es ist so perfekt, dass ich ein Laecheln nicht unterdruecken kann.
Es ist MONTAG, der DREIZEHNTE.
Im Buero schalte ich den PC erst gar
nicht ein. Auf meinem Linux
haeufen sich schon genug
Schadensmeldungen. Eine Workstation hat
sich um 0:07 Uhr mit
Platten-Crash verabschiedet. Das Subnetz im
grossen Labor ist
heute morgen bereits zweimal abgestuerzt;
wahrscheinlich wieder
ein Wackelkontakt im CheapWire. Als ich sehe,
dass heute Nacht
saemtliche Backups wegen Netzversagens
fehlgeschlagen sind, kann
ich ein irres Lachen nicht mehr
unterdruecken.
Frau Bezelmann,
die gerade mit vorgestrecktem Kopf unter der
durchsichtigen,
triefenden Plastikhaube neugierig in mein offenes Buero
linst,
weicht erschrocken zurueck.
Ich hoere, wie sie weiter in Richtung
Sekretariat stoeckelt und die Tuere
oeffnet. Dann - ein spitzer
Schrei, ungefaehr im zweigestrichenen D.
Ich sprinte durch den
Gang nach vorne, stolpere ueber einen Karton
Kopierpapier, den
irgendein Idiot mitten in den Gang gestellt hat, und
krache
beinahe mit der Nase in den Kopierer. Fluchend schubse ich
den
Karton zur Seite und humpele weiter in Richtung Sekretariat.
Frau
Bezelmann steht inmitten eines wuesten Chaos von Papier,
Akten,
Schreibutensilien und sonstigem Kram und streichelt Nero,
der auf
ihrer linken Hand sitzt, ueber den kahlen Kopf.
Ich
pfeife anerkennend durch die Zaehne.
"Wie ist er denn da
'rausgekommen?" frage ich und hebe den total
zertruemmerten
Vogelkaefig auf.
"Wer?" faucht Frau Bezelmann und schaut
mich giftig an. Zum ersten
Mal faellt mir auf, dass ihre gelbe
Augenfarbe ziemlich genau mit der des
Raben uebereinstimmt.
"Nero.
Ich haette nie gedacht, dass ein Rabe so eine Verwuestung
anrichten
kann..."
Frau Bezelmann und der Rabe funkeln mich wuetend
an.
"Das waren Einbrecher", zischt Frau Bezelmann. "Nero
hat sie in die
Flucht geschlagen."
Sie deutet zum Beweis
auf die grosse Blutlache an Boden. Der Rabe
kraechzt zustimmend.
Jetzt erst bemerke ich, dass sein grosser Schnabel
mit
getrocknetem Blut verkrustet ist.
"Aber...", beginne
ich, als Frau Bezelmann sich ploetzlich bueckt.
"Hier ist der
Beweis", verkuendet sie triumphierend und haelt mir ihren
Fund
unter die Nase. "Nero ist schon immer zuerst auf die
Optik
losgegangen. Ein erfahrener Kaempfer."
Ich fuehle
ploetzlich, wie mein Fruehstueck verzweifelt einen Ausgang aus
meinem
Magen sucht. Auf der faltigen grauen Handflaeche liegt
ein
schillerndes Glasauge und starrt mich aus grosser Pupille an.
Was fuer ein Pechvogel, denke ich.
Ausgerechnet am Montag den
Dreizehnten ein Buero knacken, in dem
sowieso kein Pfennig zu finden
ist. Und dann trifft er auch noch
auf diesen Killerraben.
Auf dem Gang ertoent ein erschrockener
Aufschrei gefolgt von einem
lauten Scheppern und Krachen. Ich
springe zur Tuere. Der Chef haengt
halb auf dem Kopierer, die
Brille verrutscht, und klammert sich an der
Bedienungskonsole
fest. Der Kopierer reagiert mit massenweisem
Ausstoss von weissen
Papier.
"Oh... aeh... ich muss... aeh... muss gestolpert
sein..."
Der Chef rappelt sich auf und schaut sich
kurzsichtig um.
"Ah, wie dumm von mir... aeh... nur ein
Karton mit... mit... aeh... mit
Kopierpapier, ja."
Der
Chef schiebt den Karton ordentlich zur Wand und kommt zu uns
ins
Sekretariat. Als er in der Tuer steht und das Chaos erblickt,
schnappt
er nach Luft. Frau Bezelmann beginnt, aufgeregt von
Neros
Heldentaten zu berichten.
Waehrenddessen schiebe ich mich
unauffaellig an der Wand entlang zur
Tuere, um zu verschwinden,
bevor mir noch irgendwelche
Aufraeumarbeiten aufgehalst werden
koennen. Als ich zurueck zu meinem
Buero eile, stolpere ich wieder
ueber etwas. Es ist ein Kopierkarton. Ich
schiebe den Karton unter
den Kopierer, als mir ploetzlich ein Verdacht
kommt. Ich gucke
unter den Kopierer: nur ein Karton steht da.
Seltsam. Ich haette
schwoeren koennen, dass ich den gerade vorher erst
aus dem Weg
geraeumt hatte. Zoegernd gehe ich weiter. Als ich um die
erste
Ecke gebogen bin, bleibe ich nachdenklich stehen. Youngs Gesetz
der
Autokinese kommt mir in den Sinn:
"Alle unbeseelten
Gegenstaende koennen sich soweit selbststaendig
bewegen, dass sie
einem im Weg sind."
Ich gucke vorsichtig um die Ecke. Mitten
im Gang steht der Karton mit
Kopierpapier.
Na warte, denke ich.
Montag der Dreizehnte hin oder her, man muss
sich ja nicht alles
gefallen lassen!
Ich besorge mir Teppichklebeband aus der
Werkstatt und mache mich
daran, den widerspenstigen Karton unter
dem Kopierer auf den
Fussboden zu kleben. Ploetzlich merke ich,
dass jemand neben mir steht
und mir zuguckt. Es ist Marianne.
"Was
MACHST du denn da?" fragt sie entgeistert.
"Ich sichere
den Karton gegen Diebstahl", sage ich ruhig.
Marianne bruetet
eine Weile ueber dieser Auskunft.
"Aber", wendet sie
schliesslich messerscharf ein, "man kann doch das
Papier
trotzdem klauen, auch wenn der Karton am Boden
festgeklebt
ist..."
"Ich sagte ja auch nicht, dass
ich das Papier sichern will, sondern den
Karton", erklaere
ich und stehe auf."Es macht ja wohl auch wenig Sinn,
das
Papier am Boden festzukleben, oder?"
Marianne guckt mir verwirrt hinterher,
waehrend ich in mein Buero
zuruecktrotte.
Kleine Geister, denke ich veraechtlich. Was waeren sie ohne mich?
Bastard Ass(i) from Hell 22
Heute bin ich zornig und bruete in
meinem Buero vor mich hin. Nicht
dass ich grundlos zornig bin, oh
nein. Es gibt fuer alles einen Grund.
Der Postmaster vom
Rechenzentrum hat entdeckt, dass ich seinen Mailer
durch ein
Trojanisches Pferd ersetzt habe, um ungestoert Usermail lesen
zu
koennen. Jetzt komme ich nicht mehr so leicht an die mails
der
Studentinnen ran, und ausserdem muss ich auch noch
befuerchten, dass er
meinen Spuren bis hierher folgen wird. Dazu
kommt noch, dass der
Chef wieder ein unsinniges Projekt an Land
gezogen hat, das nur
Arbeit und wenig Dienstreisen verspricht. Und
als absolute Kroenung
ist mir der Yoghurt ausgegangen, mit dem ich
bei schoenen Wetter die
Studenten vor meinem Fenster zu
beschiessen pflege. Mein
Stimmungsbarometer ist auf dem absoluten
Tiefstpunkt angelangt.
Nietzsche muss man lesen, wenn man
zornig ist; er ist bestimmt nichts
fuer harmonische Stunden. Aber
wenn man so zornig ist wie ich jetzt,
liegt er genau richtig.
Ausserdem bringt er einen auf gute Ideen.
Ich schlage das Buch der
Buecher aufs Geratewohl irgendwo im ersten
Drittel auf. Den
Zarathustra kann man nicht linear lesen; das Buch
schreit nach
Chaos, also lese ich es nach dem Random-Prinzip.
'"Der Mensch ist boese" - so
sprachen mir zum Troste alle Weisesten.
Ach, wenn es heute nur
noch wahr ist!
Denn das Boese ist des Menschen beste Kraft.
"Der
Mensch muss besser und boeser werden" - so lehre ich.'
Ganz in meinem Sinne.
Gerade in
diesem Moment laeutet das Telefon.
"Ja?" melde ich mich
hyperfreundlich.
"Aehm, ja, ich weiss nicht, ob ich bei Ihnen
richtig bin, aber ich habe ein
Problem..."
"Aber
sicher doch", sage ich beruhigend, "sowas kann nun
mal
passieren. Haben Sie schon mit dem Kindsvater darueber
gesprochen?"
"Haeh? Mit dem Kindsvater? Wieso? Ach nein,
ich habe ein Problem
mit meinem Rechner...
"Ah, dann sind
Sie hier falsch. Das hier ist die
Schwangerschaftsberatungsstelle.
Warten Sie, ich verbinde Sie mit der
Uni-Hotline..."
Ich druecke auf die Erdtaste und warte zwei Sekunden.
"Uni-Hotline, guten Tag?"
"Ja,
aeh, hallo. Ich habe ein Problem mit meinem Word."
"Ja?"
"Ja.
Also, ich habe jetzt meinen Text eingetippt und versucht,
ihn
abzuspeichern, aber irgendwie macht er das
nicht..."
"Verwenden Sie WinWord?"
"Aeh,
wie bitte? Es tut mir leid, aber der Rechner gehoert mir nicht
und
ich kenne mich nicht besonders gut aus..."
"Ist
das ein Pentium mit Windows?" frage ich mit Engelsgeduld.
"Ja,
ich glaube..."
Bestens. Da war doch irgendetwas mit
WinWord in den letzten News.
Ich browse schnell durch meine
Datenbank. Ah, da ist es ja!
"Wie faengt denn der Text an, den
Sie geschrieben haben? Ich meine,
wie lautet das erste Wort?"
"Das
erste Wort? Ja, also die Ueberschrift lautet: 'Diplomarbeit
im
Fach..."
BESTENS.
Ah, ja. Ich glaube, ich weiss, wo das
Problem liegt. Ich habe hier eine
Meldung vorliegen, dass WinWord
in ganz seltenen Faellen auf Pentium
nicht mehr speichert, wenn
das erste Wort nicht mit 'Realitaet' anfaengt."
"WIE
BITTE?"
"Ja, spassig nicht wahr? Es hat wohl irgendetwas
mit dem
intermodulierten Super-Cache zu tun, den WinWord zum
effizienteren
Crossword-Checking im Lingo-Mode
verwendet."
"Aha...
DUMMY MODE ON
"... und was soll ich jetzt
tun?"
"Ganz einfach: Geben Sie vor der Ueberschrift noch
das Wort 'Realitaet'
ein und versuchen Sie erstmal die
Rechtschreibkontrolle. Dazu muessen
Sie die kleine Lupe in der
Kopfleiste anklicken."
tippiditippiditippclack ... 4 Sekunden Stille.
"Aber... aber jetzt ist der Schirm
ploetzlich dunkel geworden, und der
Rechner macht komische
Geraeusche, und es kommt so eine komische
Meldung
'AMIBIOS'..."
"Das ist ganz normal", sage ich, "das
macht WinWord immer, wenn es
automatisch abspeichert. Sie haben
von ihrem Text doch hoffentlich
Sicherungskopien gemacht?"
"Aeh,
von dem noch nicht. Den habe ich ja gerade erst eingetippt. Aber
die
anderen Kapitel, die habe ich auf Diskette..."
"Auf
Ihrem Schirm muesste doch jetzt ganz unten 'C:>' stehen,
nicht
wahr?"
"Ja..."
"Das bedeutet, dass
WinWord Ihnen nun Gelegenheit gibt, Ihre
Disketten aufzufrischen.
Sie wissen doch, dass Disketten nur eine
begrenzte Haltbarkeit
haben, oder?"
"NEIN?!"
"Doch, doch. Wenn
Sie Pech haben, ist ploetzlich nichts mehr lesbar.
Sie muessen die
Disketten regelmaessig auffrischen, im Computer-Slang
heisst das
'Formatieren'. Dazu dient dieser schwarze Schirm, den Sie
jetzt
sehen. Legen Sie die Diskette ein und tippen sie 'format a:'
ein.
Dann druecken Sie immer 'Return'."
"Aehm,
ok."
"Frischen Sie regelmaessig Ihre Disketten auf; das
ist genauso wichtig
wie das Sichern selbst."
"Ok,
danke vielmals."
"Keine Ursache. Wir muessen uns alle
helfen, nicht wahr?"
Nachdem ich aufgelegt habe, geht es mir
etwas besser. Etwa 20
Prozent meines Zorns sind abgebaut. Ich
warte ein Weilchen, aber das
Telefon laeutet nicht wieder. Also
fahre ich die Schutzschilde aus und
greife wieder zu meinem
Zarathustra.
'Was von Weibsart ist, was von
Knechtsart stammt und sonderlich der
Poebel-Mischmasch: das will
nun Herr werden alles Menschen-
Schicksals - o Ekel! Ekel! Ekel!'
Ich runzele die Stirne. Vielleicht
sollte ich mir wirklich von Frau
Bezelmann nicht dauernd auf der
Nase herumtanzen lassen? Und der
'Poebel-Mischmasch', das koennen
nur die Studenten sein! Ich werde in
der naechsten
Zwischenpruefung mal andere Toene anschlagen, ha!
Ich schlage das
Buch weiter vorne auf.
'Und wer ein Schoepfer sein muss im
Guten und Boesen:
wahrlich, der muss ein Vernichter erst sein und
Werte
zerbrechen.'
Apropos zerbrechen. Ich gehe in die
Werkstatt und borge mir eine
Metallsaege. Damit bewaffnet gehe ich
in den verwaisten Biergarten und
saege in aller Ruhe ein paar
Stuhlbeine an. Der Hausmeister hat naemlich
dummerweise bemerkt,
dass ich vor ein paar Wochen die Schrauben an
den Biertischbaenken
geloest hatte, und sie wieder angezogen.
'Wer ein Schoepfer (von koestlichen
Situationen) sein muss im Guten und
Boesen :
wahrlich, der muss
erst ein Vernichter sein und Baenke saegen.'
Bastard Ass(i) from Hell 23
Ich sitze in meinem Buero und grueble
ueber dem Sinn meines Daseins als
B.A.f.H. nach.
Nicht dass das ein ungeloestes Problem
darstellen wuerde. Oh, nein! Hier
steht es schwarz auf weiss im
'Kompendium fuer den Feldeinsatz als
Bastard X', Kapitel I
'Allgemeines', Unterpunkt 3 'Sinn des Daseins
als Bastard X from
Hell', Absatz 2:
'Der hauptsaechliche Daseinszweck des Bastards X
ist es, den in der
Schoepfung bedauerlicherweise allenthalben
vorhandenen Asymmetrien
von Gut und Boese geeignet
entgegenzuwirken.'
So steht es hier, und ich sitze und
grueble darueber. Weiter hinten in
Kompendium wird das mit den
Asymmetrien anhand von Beispielen
noch etwas erlaeutert:
das
Verhaeltnis von Sonnen- zu Regentagen; Materie, aber praktisch
keine
Antimaterie; die Form Afrikas; das Verhaeltnis von leuchtender
Masse
zu dunkler Masse in Universum; Rechts- und Linksverkehr; die
Bewegung
der Planeten um die Sonne; der Blinddarm und die Milz;
Gehaelter
von Professoren und von Assistenten - alles Pfuschereien in
der
Schoepfung.
Wenn man auf unsereins gehoert haette -
aber das war damals auch schon
nicht anders als heute: wer hoert
schon auf die Vernuenftigen, frage ich
Sie - wenn man also damals
auf unsereins gehoert haette, dann waere jetzt
die Schoepfung um
einiges symmetrischer angelegt.
Weg mit der schwachen und starken
Kernkraft, die nur die ganze
Physik versauen. Gravitationswellen,
Quantenmechanik, du lieber
Himmel! Alles voellig ueberfluessig,
wenn man sich anfangs nur mehr
Gedanken gemacht haette. Dann gebe
es jetzt auch ein vernuenftiges
Verhaeltnis von Guten und Boesen.
Schoen symmetrisch, verstehen Sie?
Aber nein! Es muss ja alles
huschhusch in sieben Tagen erledigt sein,
nicht wahr? Damit es
spaeter dann im Buch der Buecher wie eine
besonders titanische
Leistung dargestellt werden kann. Pfusch!
Unsereins hat das schon
damals gewusst, aber was hilfts? Jetzt muessen
wir schauen, wie
wir damit fertig werden. In der Physik, da kann man
nicht mehr
viel machen. Ist gelaufen! Hoffnungslos! Oder koennen Sie
uns
einen Tip geben, wo wir die ganze ueberfluessigen Neutrinos
hinpacken
sollen? Na bitte!
Bleibt also noch die Moral, der
Charakter. Das war auch so ein
gefuehlsduseliger Unsinn. Lauter
nette Leute sollten es werden, und
was dann? Wie soll das enden!
Haben Sie schon mal einen Verein
zufriedener
Kleingaertnerverbandsmitglieder gesehen, die was voran
gebracht
haben? Die Unzufriedenen sinds, die was bewegen! Oder
glauben Sie
vielleicht, die Spuelmaschine wurde von einem erfunden,
der voll
und ganz mit seinem Weltbild zufrieden war?
Aber gemerkt haben die sauberen
Herrschaften aus den oberen Etagen
das erst, nachdem die
Neanderthaler einige zehntausend Jahre zufrieden
in ihren kalten
Hoehlen gesessen und an ungekochten Jamwurzeln
genagt hatten - und
immer noch keinerlei Anstalten gemacht hatten,
auch nur
ansatzweise etwas so Fortschrittliches wie eine
Spuelmaschine
anzugehen.
Also wurde unsereins zaehneknirschend
beauftragt, ein wenig Schwung
in die Sache zu bringen. Stellen Sie
sich das bloss nicht so leicht vor!
Denn jetzt kommt wieder die
Asymmetrie ins Spiel: das Verhaeltnis von
guten zu boesen Menschen
ist selbst nach Jahrtausenden immer noch
katastrophal. Folglich
muessen ich und alle meine Kollegen, die Bastard
Secretaries, die
Bastard Buerohengsts, die Bastard Operators, und wie
sie alle
heissen, wir alle muessen fuer zwoelf schuften, um
das
Ungleichgewicht auch nur einigermassen in den Griff zu
bekommen.
Wie gesagt: Glauben Sie ja nicht, dass
das eine leichte Aufgabe ist! Gut
zu sein ist einfach. Das Prinzip
Neanderthaler funktioniert auch heute
noch prima: Lasst uns
einfach die Haende in den Schoss legen und
vergesst bloss die
Spuelmaschine, dann wird schon alles gut!
Schlecht zu sein dagegen
erfordert Phantasie, staendige Wachsamkeit,
Flexibilitaet, ...
Das Telefon klingelt.
Das bedeutet, dass der bescheuerte
Techniker schon wieder die Orginal-
Software in unsere ISDN-Anlage
eingespielt hat. Meine Version der
Software leitete naemlich zur
Zeit alle Anrufe, die an meine
Nebenstellennummer gerichtet sind,
an eine einschlaegig bekannte
Nummer auf den Philippinen weiter.
Ich hebe ab.
"Ja?"
"Hallo, spreche
ich mit Herrn Leisch?" sagt sie an anderen Ende.
"Ja",
sage ich.
"Mein Name ist Hinterhuber von der Agentur Weissois
in Muenchen.
Wir machen eine repraesentative Telefonumfrage zur
Ermittlung von
Einschaltquoten. Waeren Sie bereit, mir einige
Fragen zu beantworten?"
"Ja", sage ich, genau mit
den drei Sekunden Verzoegerung, die Frauen
wahnsinnig machen
kann.
"AEh, gut. Zunaechst..."
"Wie halten Sie
das eigentlich mit dem Datenschutz?" unterbreche
ich
sie.
"Datenschutz?"
"Ja. Ich moechte
wissen, wie Sie dafuer sorgen, dass mein Name nicht
nach Ihrer
Befragung in allen moeglichen Adressdateien landet."
"Nun,
aeh... unsere Befragungen sind natuerlich immer anonym",
sagt
sie.
"Dann moechte ich mal wissen, woher Sie meinen
Namen kennen",
sage ich. Das bringt sie etwas aus der
Fassung.
"Natuerlich kenne ich Ihren Namen. Ich hab Sie ja
gerade angerufen."
"Eben", sage ich, "folglich
bin ich fuer Sie bereits nicht mehr anonym."
"Aber...
aber ich vergesse das doch gleich wieder... ich wollte sagen,
Ihr
Name wird doch nirgends festgehalten..."
"Sie wollen
also damit sagen, Sie haben mich einfach blind aus dem
Telefonbuch
herausgepickt, ohne dass mein Name und meine
Telefonnummer
irgendwo notiert worden waeren?"
"N...nein. Ich habe
schon eine Liste", gibt sie zoegernd zu. "Schliesslich
sollen
die Befragten ja repraesentativ sein..."
"Na,
bitte!"
"Aber mit der Telefonnummer kann man doch noch
nicht viel
anfangen", versucht sie sich bei mir wieder
einzuschmeicheln.
"Dann geben Sie mir mal Ihre",
antworte ich unbeeindruckt und
schiebe die D1 ins
CDROM-Laufwerk.
"Wie bitte?"
"Geben Sie mir Ihre
Telefonnummer. Wenn man damit nichts anfangen
kann, koennen Sie
mir doch bedenkenlos Ihre Privatnummer geben,
oder?"
Jetzt
ist sie in der Zwickmuehle. Einerseits wuerde sie jetzt
lieber
abbrechen, andererseits...
"Na gut", sagt sie.
"6745987."
<klickediklackedi - zuuupf>
"Hm. Aha, Roswita, kein schlechter
Name. Auch keine schlechte
Wohngegend. Gruenwald,
Ludwig-Thoma-Strasse 45. Tststst. Koennen
Sie sich das vom Gehalt
einer Telefoniererin leisten? Ah,
wahrscheinlich wohnen Sie noch
bei den Eltern. Hier ist ja noch ein
Hermann Hinterhuber
eingetragen, soso, Industrieller. Das die Leute
sich das heute
noch trauen..."
Sie schnappt hoerbar nach Luft, aber sie
faengt sich auch schnell wieder:
"Also gut! Es gibt keinen
absoluten Datenschutz. Wollen Sie das
hoeren? Sie muessen uns halt
vertrauen, dass wir Ihre Daten nur anonym
weitergeben, oder Sie
machen die Befragung halt nicht mit; das ist ja
ihr gutes
Recht."
"Hm. Ok, ich mach' trotzdem mit", sage
ich.
Sie atmet auf.
"Also, zunaechst ein paar allgemeine
Fragen: wie oft sehen Sie eine
Nachrichtensendung, eine
Sportsendung oder eine Talkshow. Es gibt
dazu vier Kategorien:
taeglich, mehrmals im Monat, einmal im Monat,
weniger als einmal
im Monat ."
"Hm... also lassen Sie mich mal nachdenken.
Nachrichtensendung,
tja... ich wuerde sagen... wie waren nochmal
die Kategorien?"
Sie betet sie mir noch einmal vor. Die
Geduld mancher Leute ist
wirklich erstaunlich.
"Aha. Ja,
also Krimis sehe ich eigentlich..."
"Krimis waren gar
nicht gefragt."
"Oh... aeh, was war nochmal
gefragt?"
"Nachrichtensendungen..."
"Richtig.
Die beiden verwechsele ich immer. Also
Nachrichtensendungen...
Nachrichtensendungen... also ehrlich gesagt,
ich kann mich an
keine erinnern. Sagen wir also mal: weniger als eine
im
Monat."
"Sind Sie sicher?" kommt es durch die
Leitung.
"Absolut", antworte ich, "und Sport und
Talkshows habe ich noch nie
gesehen."
Frau Hinterhuber
muss das erstmal verdauen. Dann sagt sie:
"Na schoen. Dann
koennen wir einige Fragen gleich ueberspringen. Jetzt
muesste ich
wissen, wieviele Personen in Ihrem Haushalt leben und
wieviele
Fernseher in Ihrem Haushalt leben... Sie in Ihrem Haushalt
haben,
meine ich natuerlich."
"1 und 0", sage ich.
"Wie
bitte?"
"1 Person und 0 Fernseher", erlaeutere ich
genuesslich. Das ist wie ein
weisser australischer Burgunder bei
12 Grad auf der Zunge.
Frau Roswita Hinterhuber keucht hoerbar ins
Telefon.
"Sie haben ueberhaupt keinen
Fernseher?!"
"Nein."
"Warum haben Sie das
nicht gleich gesagt?!!"
"Sie haben mich ja nicht
gefragt. AEh... gehoert das jetzt immer noch zu
Ihrer
Umfrage?"
Als Antwort bekomme ich nur noch ein hartes
Klicken.
Gut. Wo war ich stehengeblieben? Ach
ja, also unsere Taetigkeit
erfordert Phantasie, staendige
Wachsamkeit, Flexibilitaet, ...
Bastard Ass(i) from Hell 24
Plimmelplumplimplum - plumplum.
(maennliche Stimme, markig,
besorgt):
"Sie kaufen ernaehrungsbewusst ein und wollen nur
das Beste fuer Ihre
Familie?"
(weibliche Stimme,
ueberrascht): "Aber ja."
(maennliche Stimme, noch
besorgter):
"Sie wissen, dass Schweinefleisch hormonverseucht
ist und dass
Rindfleisch moeglicherweise BSE uebertraegt. Dass
Huehnerhaltung
Tierquaelerei ist und Wild seit Tschernobyl
ueberhaupt nicht mehr in
Frage kommt. Also kaufen Sie jetzt nur
noch australisches Emu-
Fleisch?"
(weibliche Stimme,
unsicher geworden): "Richtig."
(maennliche Stimme, noch
markiger, fast drohend):
"Aber denken Sie auch an Ihre
Schuhe!?"
(weibliche Stimme, fassungslos, hilflos): "Meine
Schuhe?"
(erste Stimme aus dem OFF):
"Was
alle deutschen Hausfrauen wissen sollten: Bisher ist es
der
Wissenschaft nicht gelungen zu beweisen, dass BSE nicht auch
durch
das Tragen von Rindslederschuhen auf den Menschen
uebertragen
werden kann, wenn das Leder von befallenen Rindern
stammt.
Schuetzen Sie sich und Ihre Familie mit den neuen
BSE-Socks.
BSE-Socks verhindern zuverlaessig die Uebertragung
jeglicher Erreger
vom Schuhleder auf das Hautgewebe des Traegers.
BSE-Socks sind in
allen Groessen und vielen modischen Farben in
allen Apotheken
erhaeltlich.
Also, gehen Sie kein Risiko ein!
Besorgen Sie sich noch heute die
neuen BSE-Socks - natuerlich aus
dem Hause BAFH!"
(zweite Stimme aus dem OFF):
"Zu
Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder
Ihren
Schuster."
Plimmelplumplimplum - plumplum.
(ohrenbetaeubendes
Kindergeschrei)
(Kindergeschrei um 20 dB leiser, liebevolle
weibliche Stimme aus dem
OFF):
"Kindergeburtstagsparty.
Das kann schon an den Nerven zerren..."
(Telefonklingeln und
schimpfende Stimme in Telefonbandbreite)
"...und an den
Nerven der Nachbarn."
(ohrenbetaeubendes Kindergeschrei
wieder 20 dB lauter)
(schreiende weibliche Stimme aus dem
OFF):
"Wenn ich den Laerm nicht mehr ertragen kann, dann
nehme ich einfach
den neuen Paedosilencer von BAFH!"
(platzendes
Geraeusch, wie wenn eine reife Wassermelone aus 4 Meter
Hoehe auf
Stahlbeton faellt, ohrenbetaeubendes Kindergeschrei schwillt
nochmal
um 20 dB bis zur Schmerzgrenze an und verstummt
dann
schlagartig)
(Zerreissendes Papier, Schmatzen und
Schnaufen)
(maennliche Stimme aus dem OFF):
"Der neue
Paedosilencer von BAFH ist immer zur Hand, wenn Ihre
Nerven nicht
mehr mitspielen. Er enthaelt genuegend klebrige und
mundfuellende
Suessigkeiten fuer Gruppen bis zu 10 Kleinkindern und
kann aus
sicherer Entfernung geworfen werden. Der Inhalt wurde von
namhaften
Lebensmittelchemikern zusammengestellt. Wir garantieren
mindestens
elfeinhalb Minuten relative Stille nach Abwurf des
Paedosilencers.
Sie koennen ohne Bedenken bis zu 10 Paedosilencer pro
Tag
abwerfen.
Besorgen Sie sich den neuen Paedosilencer, Ihren Nerven
zuliebe."
(anderer maennlicher OFF):
Unverbindliche
Preisempfehlung nur 19 Mark 99 oder im
preisguenstigen Sechserpack
fuer nur 149 Mark 99
Plimmelplumplimplum - plumplum.
"Ich bin zuhause, Liebling. Was
gibt es denn heute?" (maennliche
Stimme, erst im Hintergrund,
dann in den Vordergrund kommend)
"Oh, nein. Liebling. Schon
wieder Mikrowelle?"
(weibliche Stimme im OFF):
"Er
weiss noch nicht, dass ich die neue MikroMod von BAFH
verwende.
Was fuer ein Unterschied zur normalen, unmodulierten
Mikrowelle!
Hmm, dieser Duft.
Und in der mitgelieferten Broschure finden Sie
zu jedem Gericht die
passende Musikempfehlung. Einfach den Walkman
oder die
Stereoanlage an die neue MikroMod von BAFH anschliessen
und schon
koennen Sie Ihre gewohnten Gerichte mit
MUSIKMODULIERTER
MIKROWELLE zubereiten. Sie werden staunen, was
das fuer ein
Unterschied ist!"
(maennliche Stimme,
resigniert, genervt):
"Und? Was gibt es heute wieder. Wiener
Schnitzel. Hmm, aber das
duftet ja... das duftet ja wie frisch
zubereitet, Liebling. Das schmeckt
ja, also einfach phantastisch!
Aber ich habe doch gesehen, es kam aus
der
Mikrowelle..."
(weibliche Stimme, ueberlegen):
"Ja,
aber mit Mozarts kleiner Nachtmusik modulierter Mikrowelle, mit
der
neuen MikroMod von BAFH."
(maennliche Stimme, schmachtend):
"Liebling!"
(weibliche Stimme, zurueckschmachtend):
"Schatzi?!"
(maennliche Stimme aus dem
OFF):
"Ueberraschen auch Sie Ihren Mann mit musikmodulierten
Mikrowelle-
Gerichten. Neu, von BAFH."
Plimmelplumplimplum - plumplum.
(Deutliche schnelle Schritte auf
knarzendem Boden)
(leise maennliche markante Stimme aus dem
OFF):
"In jedem Haushalt stehen wertvolle Dinge einfach so
auf dem
Fussboden. Wie leicht kann eine kleine Unachtsamkeit
ziemlich teuer
werden."
(Lautes Klirren, wie wenn eine
chinesische Vase aus der Mung-Zeit am
Boden zerschellt, und ein
entsetzter Schreckensruf im Hintergrund)
(hellere maennliche
Stimme aus dem OFF, gleichzeitig wieder die
Schritte im
Hintergrund):
"Beugen Sie dem vor! Besorgen Sie sich
rechtzeitig den altbewaehrten
StoStei aus Zentralalpengranit.
Der
traditionelle, formschoene und praktisch unzerstoerbare StoStei
der
alteingesessenen Firma BAFH in Bozen wird einfach irgendwo in
der
Wohnung oder im Haus plaziert. Wir garantieren
absolut
zerstoerungsfreies Stolpern ueber den StoStei. Andere,
wertvollere
Gegenstaende Ihres Haushalts bleiben dadurch
verschont, denn der
StoStei zieht aufgrund seiner einzigartigen
Form alle Stolperer
automatisch auf sich. Den StoStei gibt es mit
einer Werksgarantie von
403 Jahren in allen guten
Fachgeschaeften.
Besorgen Sie sich den StoStei noch heute, damit
es auch bei Ihnen
eines Tages heisst:"
(Schritte enden in
dumpfen Rumpeln und ein schwacher Ruf des
Erstaunens, weibliche
erleichterte Stimme):
"Ach, so ein Glueck! Es war nur der
StoStei!"
Plimmelplumplimplum - plumplum.
(Lallendes Kleinkind im Vordergrund,
Stimme des Vaters
im
Hintergrund).
"Lallalllallallallallallallallallu!"
"Corinna.
Bitte geh nicht an die
Stereoanlage."
"Ollollollollillillillolollollo!"
"Corinna!
Was habe ich gerade gesagt. Du sollst nicht an die..."
(KRACKS!
Das Geraeusch, was entsteht, wenn ein Kleinkind das
Cassettenfach
eines 3000 Marks-Cassettenrecorders
herausreisst.)
"Uuuuuuaeaeaeaeaeaehhhhh!"
"Corinna!!!
Was habe ich dir gerade..."
(Das Geschimpfe des Vaters
untermalt mit Kleinkindersirene langsam
in den
Hintergrund)
(weibliche Stimme aus dem OFF):
"Wollen Sie
es soweit kommen lassen? Soll auch ihr kleiner Schatz
durch boese
Worte und Verbote in seiner freien Entwicklung
beeintraechtigt
werden? Nutzen Sie lieber das Angebot der Spezialisten
bei der
Firma BAFH. Wir sind seit zwanzig Jahren auf
kleinkindersichere
Attrappen von allen Arten der modernen
Unterhaltungselektronik
spezialisiert. Bei uns bekommen Sie nicht nur
Cassettenrekorder
und Discplayer mit echt bewegenden Klappen und
Reglern; nein, auch
Videorekorder mit wunderbaren Einsteckschlitzen,
in die Ihr
kleiner Liebling alle seine winzigen Schaetze stecken kann,
ohne
dass gleich der Haussegen schief haengt."
(glueckliches
Kleinkindergekraehe im Hintergrund, die froehliche Stimme
des
Vaters):
"Haddu widda deine Keksi in den Video gesteckt?
Eiteitei, was bist du
fuer ein suesser kleiner Fratz,
Corinna."
(Stimme aus dem OFF):
"Warten Sie nicht
laenger. Legen Sie dem Entwicklungsdrang ihres
kleinen Lieblings
keine Steine in den Weg. Rufen Sie uns an oder
kommen Sie vorbei;
wir beraten Sie individuell und kompetent.
Plimmelplumplimplum - plumplum.
(Schritte auf Asphalt, ploetzlich ein
schmatzendes Geraeusch und ein
unterdrueckter Fluch, langsame
Stimme eines Afroamerikaners aus dem
OFF):
"Das kann dem
besten Fussgaenger passieren: klumpiger, klebriger
Hundekot an den
Schuhen.
Schuetzen Sie sich davor mit dem neuen ShitDetect von
BAFH!
Der kleine, unauffaellige Sensor wird an der Schuhspitze
angesteckt und
warnt Sie zuverlaessig mit lautem Pfeiffton vor
jeder Ansammlung von
Hundekot, der sich in der extrapolierten
Bewegungsrichtung Ihres
Fusses befinden sollte. Nutzen Sie die
neueste NASA-Technologie, um
sich peinliche Situationen zu
ersparen! ShitDetect - aus den USA.
Plimmelplumplimplum - plumplum.
(Tuerenklappen, Jungenstimme, ca. 13
Jahre alt, Stimme der Mutter):
"Hi Mom, ich bin
daha!"
"Liebling, denk bitte daran, die Schuhe
auszuziehen - Oh, mein Gott!
Liebling, deine Turnschuhe!"
"Aber
Mom! Turnschuhe sind einfach cool! Alle tragen Turnschuhe!"
"Ja,
Liebling. Aber der Geruch!"
(Maennliche Stimme aus dem
OFF):
"SCHWEISSGERUCH! Nicht alle Menschen ertragen laechelnd
den
Duft, den die vor sich hinschweisselnden Turnschuhe unserer
jungen
Generation verstroemen. Auch desodorierende Fusspuder oder
Struempfe
helfen da nicht mehr!
ABER JETZT GIBT ES DIE NEUEN TURNSCHUHE VON BAFH!
In jedem Absatz dieser revolutionaer
neuen Sportschuhe befindet sich
ein Container mit desodorierender
Fluessigkeit und eine automatische
Pumpe. Bei jedem Schritt wird
automatisch ueber ein feines Kapillarnetz
im Inneren des
Sportschuhs eine winzige Menge des Deodorants ueber
den ganzen
Fuss verteilt. Die Folge: keine Ohnmachtsanfaelle mehr
beim
Abstreifen der Schuhe, angenehmer Fichtennadelduft verbreitet
sich,
wenn Ihr Sproessling nach Hause kommt.
BESORGEN SIE SICH NOCH HEUTE DIE
NEUEN
SPORTSCHUHE VON BAFH, BEVOR ES ZU SPAeT IST!
Nur in gut sortierten Fachgeschaeften und nur solange Vorrat reicht."
Plimmelplumplimplum - plumplum.
(Aufschliessen und Oeffnen eines
Briefkastens, gemurmelte wuetende
Stimme):
"Schon wieder
alles voll mit Werbung!"
(Briefkasten wieder zu, maennliche
Stimme aus dem OFF):
"Geht Ihnen das auch taeglich so? Der
ganze Briefkasten angefuellt mit
Werbung, die Sie gar nicht haben
wollen? Und Ihr Hinweisschild
'Bitte keine Werbung einwerfen!'
beachtet natuerlich niemand?"
(weibliche Stimme aus dem
OFF):
"Verzweifeln Sie nicht! Jetzt gibt es eine Loesung fuer
dieses Problem!"
(Fanfare)
"NEU AUS DEN USA:
MailProtector. Die ultimative Loesung gegen
unliebsame
Wurfpostsendungen."
(maennliche Stimme):
"Der
MailProtector ist ganz einfach zu installieren, wie ein
normaler
Briefkasten. Oberflaechlich sieht er auch genauso aus.
Aber sobald sich
eine Wurfpostsendung dem Einwurfschlitz naehert,
macht der
MailProtector die Schotten dicht."
(metallisches
Klirren und Schnappen)
"Wie ein unbezwingbarer staehlerner
Kiefer schliesst der MailProtector
blitzschnell seine
Einwurfklappe. Bereits eingefuehrte Teile der
Wurfpost werden
abgetrennt und gesondert entsorgt; ebenso etwaige
abgetrennte
Fingerspitzen. Daher auch keinerlei Geruchsbelaestigung im
Hausflur.
Sie erhalten nur die Post, die Sie auch wirklich wollen."
(weibliche
Stimme):
"Ihre Nachbarn werden Sie beneiden. Besorgen Sie
sich den neuen
MailProtector! Nur im Importhandel, nur bei
BAFH,
78657Pforzheim!"
Plumplum.
Bastard Ass(i) from Hell 25
Mit geschlossenen Augen taste ich nach
dem heulenden Wecker, der
sich irgendwie unter dem Lacken
versteckt hat, und wuerge ihn ab.
Noch fuenf Minuten, nur noch fuenf Minuten...
Ok, noch bis halb, dann stehe ich wirklich auf...
Naja, jetzt hab ich die Nachrichten eh
schon verpasst, also bleibe ich
noch bis viertel vor liegen.
Schliesslich raffe ich mit
unmenschlicher Willensanstrengung auf und
taste mich blind ins
Badezimmer. Vor dem Spiegel zwaenge ich das
erste Mal die
verklebten Augenlider auseinander. Als ich das vom
Schlaf
verquollene Gesicht mit den dunklen Ringen unter den Augen,
die
schlaff herunterhaengenden zerdetschten schwarzen Haare und
die
bleiche ungesunde Haut erblicke, kommt mir das erste Mal
das
unangenehme Gefuehl, dass hier irgendetwas nicht stimmt.
Ich ueberlege angestrengt. Habe ich
gestern wieder etwas angestellt,
was ich wissen sollte, bevor ich
im Buero auftauche? Ich kann mich
nicht erinnern.
Das
unangenehme Gefuehl bleibt, waehrend ich kritisch die Faeltchen
um
die Augen herum inspiziere und einen Mitesser von meinem
Kinn
entferne. Komisch. Naja, erstmal eine Dusche, dann sieht die
Welt
schon ganz anders aus.
Gerade als ich die Proteinspuelung im
Haar habe, bleibt das warme
Wasser ploetzlich weg. Auf der Packung
steht extra, dass man das Zeug
nicht zu lange einwirken lassen
soll, wenn man keinen Kahlkopf
riskieren will, also spuele ich mir
sinnlos vor mich hin fluchend mit
eiskaltem Wasser die Haare aus.
In Gedanken lasse ich den
Hausmeister in der tiefsten Ebene auf
kleiner Flamme schmoren.
Beim Abtrocknen betrachte ich kritisch
die ersten Stellen von
Orangenhaut hinten an den Oberschenkeln.
Die Oberarme haben auch
keine rechte Form mehr und ausserdem bin
ich zu fett. Ich stelle mich
seitwaerts vor den Spiegel und ziehe
den Bauch ein. Entsetzlich. Diesen
Sommer werde ich mich auf
Badeanzuege beschraenken muessen.
Der Busen und die Beine gehen ja
noch. Haarentferner muss ich auch
mal wieder besorgen.
Wieder beschleicht mich das seltsame
Gefuehl, dass irgendetwas anders
ist als sonst. So wie... wenn
etwas fehlen wuerde.
So, jetzt aber hopp; ich habe schon
viel zu viel Zeit wieder vor dem
Spiegel verbracht. Haare foehnen,
Gesicht reinigen, Zaehne putzen,
Tagescreme...
Sch....! Die
Tagescreme ist alle und der Nachschub ist im Keller
verstaut. Ich
kann unmoeglich in dem Aufzug in den Keller gehen. Also
kratze ich
die letzten Molekuele aus dem Toepfchen.
Dann stehe ich vor dem offenen Schrank
und es kommt die taegliche
Verzweiflung: Einfach nichts zum
Anziehen da. Das lila Kostuem habe
ich vorgestern erst angehabt,
das graue gestern, zur weissen Hose habe
ich keine passenden
Schuhe. Unmoeglich. Die braune bestickte Weste
mit der weissen
Bluse darunter? Und dann? Der weisse Rock ist in der
Waesche. Die
mexikanische Jacke? Irgendwie zu kakelig... Vielleicht
ein
Sommerkleid? Aber dazu ist es noch zu kalt. Ich wuehle in
meinen
Sachen und mir ist zum Heulen zu Mute.
Ploetzlich muss ich innehalten.
Irgendwie ist mir so, als ob ich heute
Nacht getraeumt haette,
dass... Ach, Quatsch! Ich hab jetzt andere
Probleme.
Ich
entscheide mich doch fuer die weisse Bluse und die beige Weste
aus
Paris. Dazu einfach eine Designer-Jeans, und damit basta.
Wieder im Bad. Himmel, schon gleich 9.
Und ich hab noch nicht mal
gefruehstueckt. Also jetzt schnell: ein
wenig Makeup, ja nicht zuviel,
Rouge, Augenbrauen nachziehen,
Eyeliner... Verdammter Mist! Wieso
kleckst der bloede Eyeliner
ploetzlich? Das hat er doch noch nie... Und
mitten auf die weisse
Bluse! Natuerlich!
Wieder zum Schrank und nach was anderem
Weissen gesucht. Da muss
doch irgendwo noch eine kurzaermelige
Bluse... Ich kann sie nicht
finden. Wuetend zerre ich an den
Kleiderbuegeln und ploetzlich bricht die
schon lange ueberlastete
Stange mit genuesslichem Knacken. Alle
aufgehaengten
Kleidungsstuecke ergiessen sich in einen chaotischen
Haufen auf
dem Schrankboden. Ausgerechnet jetzt!
Ich nehme eine dunkle Bluse, obwohl
sich die mit der Hose nicht
vertraegt, und knalle wuetend die
Schranktuere zu. Sie springt sofort
wieder auf, aber das ist mir
inzwischen auch schon egal.
Wieder zurueck ins Bad. Bloss nicht auf
die Uhr schauen. Schnell noch
die Haare. Fuer eine gescheite
Frisur bleibt heute eh keine Zeit mehr. Ich
stecke mir nur die
Haare hoch. Aber es fehlen zwei Haarspangen. Ich
bin mir ganz
sicher, dass ich die gestern hier in das kleine
Tonkruegelchen
gesteckt habe. Und wo sind die verd..... Dinger jetzt?
Jetzt bloss nicht heulen, sonst
verschmiert der frische Eyeliner wieder.
Voellig mit den Nerven
fertig verlasse ich das Badezimmer und betrachte
mich im Spiegel
auf dem Flur. Ich schaue entsetzlich aus! Irgendwie
war das in
meinem Traum alles ganz anders gewesen, aber...egal, es
ist
sowieso schon zu spaet
Fuer ein Fruehstueck bleibt mir keine
Zeit mehr, nicht mal eine Tasse
Kaffee goenne ich mir. Ich
schluepfe in den Mantel und raus. Als die Tuer
hinter mir ins
Schloss faellt, merke ich, dass etwas Entscheidendes fehlt.
Richtig,
die Schuhe. Ich stehe mit Nylons auf den kalten
Steinfussboden des
Flurs. Wo zum Teufel sind die Wohnungsschluessel.
Dann faellt mir
ein, dass ich die gerade noch bei der Stereoanlage habe
liegen
sehen.
Ich lehne mich an die unerbittliche geschlossenen
Wohnungstuere,
schliesse die Augen und zaehle langsam bis Zehn.
Dann stuerze ich auf
Socken in den Keller; der ist zum Glueck nie
abgeschlossen, weil
niemand etwas Wertvolles darin aufbewahrt. In
einer Ecke meines
Kellerverschlags finde ich, was ich suche: die
alten Schuhe, die ich
eigentlich schon laengst fuer die
Altkleidersammlung aussortiert hatte. Ich
nehme ein Paar Pumps,
die noch nicht gar so abgenutzt aussehen und
renne zum Auto.
Draussen ist Nieselregen und ich habe
meinen Schirm nicht dabei. Das
Auto springt wieder mal nicht an.
Haette ich bloss endlich die Batterie
auswechseln lassen. Schon
das letzte Mal, bei der Inspektion, hat der
Mechaniker gesagt...
egal. Keine Zeit jetzt einen freundlichen Fahrer zu
finden, der
mir Starthilfe gibt. Zur U-Bahn also. Der Nieselregen sorgt
auf
dem kurzen Stueck bis zum U-Bahnschacht dafuer, dass meine
sowieso
misslungene Frisur vollends dahin ist.
Die U-Bahn kommt gerade, als ich auf
den Bahnsteig laufe. Sehr gut.
Erst als die Tueren sich schmatzend
hinter mir schliessen, faellt mir auf,
dass die U-Bahn in die
falsche Richtung faehrt und ich kein Ticket geloest
habe.
Wenigstens bleibt es mir erspart, auch
noch Strafe zu zahlen; kein
Kontrolleur weit und breit. An der
naechsten Station steige ich aus,
kaufe mir ein Ticket und steige
in die andere Richtung wieder ein.
Waehrend der Fahrt zur Uni
faellt mir siedendheiss ein, dass ich vielleicht
den Lockenstab
nicht ausgeschalten habe. Zurueckfahren? Kommt nicht
in Frage!
Dann brennt halt die Bude ab!
An der Haltestelle Universitaet
bleibe ich beim Aussteigen mit den alten
Pumps im Schlitz vor den
Schiebetueren haengen und der Absatz geht ab
wie Butter.
WAS ZUVIEL IST, IST ZUVIEL!
Ich sehe nur noch rot, packe den
naechstbesten Passanten bei den
Mantelaufschlaegen und schreie ihm
ins Gesicht:
"WARUM - GEHT - BEI - MIR - HEUTE - ALLES -
SCHIEF!!!"
Dabei knalle ich seinen Hinterkopf im Takt der
Worte an die U-
Bahntuere.
Ploetzlich schrecke ich hoch. Ich bin
in meinem Buero, der Hals ist steif
und verrenkt, weil ich den
Kopf auf die Arme gebettet geschlafen habe.
Draussen, vor der
angelehnten Tuere, hoere ich Mariannes
durchdringende Stimme, wie
sie mit Frau Bezelmann redet:
"... glauben gar nicht, wie
leicht so ein bloeder Absatz einfach abgeht.
Und ich stand da,
mitten in der Fussgaengerzone und keinen Absatz
mehr und haette
eigentlich schon vor einer halben Stunde dort sein
sollen.
Mannomann. Haben Sie schon mal versucht, in Pumps ohne
Absatz zu
laufen? Ganz schoene Qual, kann ich Ihnen sagen. Und die
Frisur
war natuerlich auch laengst hin, wegen dem bloeden Wetter..."
Hastig taste ich ueber mein Gesicht und
meinen Koerper. Ein Glueck!
Alles wie gewohnt!
Ich stehe auf und schliesse leise die
Buerotuere.
Nichts gegen das weibliche Geschlecht, denke ich,
waehrend ich den
Kopf diesmal auf die andere Seite lege und wieder
die Augen schliesse,
aber das mit dem Eyeliner, das war vielleicht
ein Alptraum!
Bastard Ass(i) from Hell 26
Es sind Semesterferien. Die Studenten
aalen sich ausnahmsweise nicht
vor der Cafeteria in der Sonne,
sondern in Griechenland oder in
Thailand oder wo sich die heutigen
Studenten sonst in der Sonne aalen.
Der Chef ist auf einer
'Vortragsreise' durch Suedfrankreich; die meisten
Kollegen nutzen
die ruhigen Zeiten fuer intensive 'Heimarbeiten'.
Folglich ist mir
langweilig. Nicht mal ein klitzekleines Virus im PC-
Labor!
Completo pantalon muerto! Zu deutsch: total tote Hose!
Ich browse gelangweilt durch die Weiten
des Internets. Irgendwie
stosse ich zufaellig auf die Home Page
eines Jazz Fanatikers in
Albuquerque mit Hunderten - natuerlich
illegaler - Soundsamples. In der
Seite ueber Chick Korea befindet
sich - ich traue meinen Augen nicht -
ein Link zur Scientology
Sekte. Ich klicke mich gerade durch die
einleitenden Seiten der
Scientologen, als Frau Bezelmann anruft.
Ob ich Nero fuer eine Stunde bei mir im
Buero beherbergen koenne. Sie
muesse zum Arzt. Da ich sowieso
nichts Besseres zu tun habe, erklaere
ich mich bereit, den
Monsterraben solange in meinem Zimmer zu
dulden, vorausgesetzt, er
ist sicher in seinem goldenen Kaefig verwahrt.
Schliesslich habe ich keine Vorurteile
gegen kahle Raben mit gelben
Augen, auch wenn sie - wie Nero - ein
wenig nach Moder und Gruft
mueffeln.
Keine Minute spaeter bringt Frau
Bezelmann persoenlich den Kaefig
herein. Ich stelle ihn meinem
Schreibtisch gegenueber an die Wand, so
dass Nero mir nicht ueber
die Schulter schauen kann (man kann nie
wissen), und sage zu Frau
Bezelmann:
"Na, dann viel Spass im Fitnesstudio!"
Ich
weiss naemlich aus zuverlaessiger Quelle, dass Frau Bezelmann
seit
neuesten Karate lernt.
Frau Bezelmann presst nur
veraechtlich die schmalen Lippen zusammen
und verschwindet mit
laut klackenden Absaetzen den Flur hinunter.
Ich schaue den Raben Nero an, und der
Rabe Nero schaut mich an.
Nachdem wir uns zwei Minuten lang ohne
zu blinzeln angestarrt haben,
bekomme ich ein leicht flaues
Gefuehl im Magen und wende gewaltsam
meinen Blick von den kleinen
gelben Augen mit den stecknadelgrossen
Pupillen.
Auf dem Display ist immer noch die
Begruessungsseite der Scientology
Sekte in Deutschland. Einer der
Links verspricht ein 'umfassendes
Psychogramm nach der
Oxford-Methode'. Natuerlich voellig
unverbindlich und kostenfrei.
Selbst ein blutiger Anfaenger erkennt
sofort, dass es sich um eine
Bauernfaengerei handelt.
Ich klicke die Seite an und ueberfliege
das Formular. Ziemlich laeppisch.
Die Intention der meisten Fragen
ist sonnenklar. Fast noch primitiver
als die Psychotests in den
Fernsehzeitschriften.
Ich will die Seite gerade verlassen, da
faellt mein Blick auf Nero, der
immer noch aufmerksam jede meiner
Bewegungen verfolgt.
Ich rufe das Formular nochmal auf und beginne
zu tippen:
Vorname: Nero
Nachname:
Bezelmann
Telefon: (Nach kurzem Zoegern gebe ich meine Bueronummer
ein)
Adresse: (Ich gebe die Adresse des Chefs ein; der ist sowieso
auf
Vortragsreise)
Alter: 26
Geschlecht: Maennlich
Stand:
Ledig
Jetzt beginnen die eigentlichen Fragen
zum Psychogramm:
Ich schildere Nero als einen ziemlich verklemmten
jungen Mann, der
seinen Eltern nie verzeihen wird, dass sie ihn
nicht aufs Internat
geschickt haben. Statt dessen haben sie ihn
zum Nesthocker erzogen.
Er raucht nicht, trinkt nicht, lacht
selten und faellt nie jemandem spontan
um den Hals. Er hat einen
regelmaessigen Job (nach dem Einkommen
wird nicht gefragt!),
bekommt aber nicht die ihm zustehende
Anerkennung. Er ist von
einer weiblichen (sic!) Vorgesetzten
abhaengig, die ihn in seiner
Karriere behindert. Darueber hinaus ist Nero
fatalistisch, schaut
seinem Gespraechspartner immer direkt in die Augen
und hasst
spontane Ausfluege oder Besuche. Ausserdem faellt es ihm
schwer,
mit Fremden ins Gespraech zu kommen. Schliesslich liebt er
seine
Arbeit, aber nicht seine Mitarbeiter. Er geht aeusserst ungern
aus
dem Haus und wuerde niemals freiwillig in eine groessere
Wohnung
umziehen.
Ich mache die Antworten so ehrlich wie
moeglich, und wo nicht
moeglich, runde ich die Sache ein wenig ab.
Dann lese ich das Ganze
Nero vor und frage ihn, ob er damit
einverstanden sei.
Nero hat inzwischen begonnen, die spaerlichen
Brustfedern zu putzen,
und beachtet meine Frage mit keinem Blick.
Statt dessen dreht er sich
gemaechlich auf seiner goldenen Stange
um und laesst etwas fallen.
Ich fuege unter der Rubrik 'Sonstiges'
noch ein: 'Habe eine Glatze und
staendige Verdauungsprobleme.' und
schicke das Formular an den
Rechner der Scientologen in Berlin.
Keine zwei Wochen spaeter klingelt das
Telefon, und da ich gerade
guter Laune bin, hebe ich ab.
"'llo?"
sage ich, waehrend ich die Pizza in die andere Hand jongliere
und
die Cola zwischen PC-Monitor und Videorecorder festklemme.
"Hier
spricht Miriam von der Dianetik-Gruppe Berlin. Wer ist da,
bitte?"
sagt eine energische weibliche Stimme, etwa 35, dunkelhaarig,
mit
leichtem Ansatz zum Oberlippenbart und Kontaktlinsen (eine
genauere
Analyse wird erst moeglich sein, wenn sich digitales
Telefonieren
mehr durchgesetzt hat. Es lebe das ISDN!).
"Hier bin ich",
sage ich.
Im 'Ratgeber fuer effiziente Verhandlungen ueber das
Telefon' steht
ausdruecklich, dass man sich kurz und praezise
ausdruecken und dem
Gespraechspartner Gelegenheit zum Rueckfragen
geben solle. Das
foerdere den kommunikativen Prozess und fuehre zu
beiderseitiger
Befriedigung des angeborenen Beduerfnisses nach
Anteilnahme und
Feedback aus der Sprachgemeinschaft, oder so
aehnlich.
"Und wer sind Sie?" fragt sie.
"Ich
bin ich. Sie muessen doch wissen, wen Sie anrufen wollten."
"Sind
Sie Herr Bezelmann? Nero Bezelmann?"
"Nein. Der ist
gerade nicht in seinem Zimmer."
"Ah. Wie schade.
Wann..."
"Ich glaube, er ist gerade mal wieder bei
seinem Therapeuten."
"Therapeuten?" Die weibliche
Stimme klingt auf einmal sehr
interessiert.
"Ja. Wissen
sie, Nero haelt sich seit fruehester Kindheit konsequent
immer nur
in geschlossenen Raeumen auf. Er verlaesst nie einen
geschlossenen
Raum. Deswegen ist er jetzt beim Therapeuten."
"Aber...
wenn er zum Therapeuten geht, muss er doch auch aus dem
Haus...",
wendet die weibliche Stimme ein.
"Er nimmt das Auto",
sage ich. "Alle Scheiben bis auf die
Windschutzscheibe sind
dunkel getoent."
"Aber... um zum Auto zu gehen, muss er
doch auf die Strasse."
Der Logik dieser hartnaeckigen
Scientologen-Miriam ist nicht so leicht
auszukommen.
"Schon
mal was von Tiefgaragen gehoert?"
"Ah..."
"Genau.
Nero besucht nur Haeuser, die er ueber die Tiefgarage befahren
kann.
Sein eigenes Haus hat natuerlich auch eine. Bei uns arbeitet er
nur,
weil unsere Firma auch eine Tiefgarage hat."
Ich hoere sogar
durch die Leitung den Bleistift aufgeregt kritzeln.
"Aehm...
hoeren Sie, ich muss Nero unbedingt erreichen. Mein Name ist
Miriam;
ich bin von der Oxford Persoenlichkeitsanalyse. Nero hat bei
uns
ein Profil angefordert und ich wollte noch ein paar Informationen
von
ihm...."
"Ich kann es ihm ja ausrichten", sage ich
zweifelnd, "aber ich glaube
kaum, dass er
zurueckruft."
"Aeh... wieso?"
"Nero
kommuniziert fast ausschliessich ueber das Internet; er
hasst
direkten Kontakt mit Menschen."
Auf der anderen
Seite der Leitung sabbert etwas begeistert.
"Hoeren Sie, ich
MUSS ihn UNBEDINGT sprechen. Ich bin sicher,
dass wir ihm helfen
koennen"
"Mhm. Ich gebe Ihnen mal seine
Privatnummer..."
"AH! JA!"
Ich gebe ihr die
Nummer vom Chef und sie legt auf.
Am naechsten Morgen klingelt um halb
zehn (sic!) das Telefon. Sie ist
es wieder.
"Aeh... kann
ich Nero Bezelmann sprechen?"
Ich schaue zu Nero hinueber,
der sich zufaellig mal wieder unter meiner
Aufsicht befindet (Frau
Bezelmanns Fortschritte in Karate machen mir
allmaehlich Sorgen!)
und sich gerade angelegentlich die Schwanzfedern
putzt.
"Aehm,
nnnnein. Der ist gerade sehr beschaeftigt."
"Aber er ist
da?"
"Ja, da ist er. Wenn Sie damit meinen, dass er
koerperlich anwesend ist."
"Wie bitte?"
"Er
ist koerperlich zwar anwesend, aber nicht geistig "
"Wieso?"
"Nun,
ich glaube, dass er noch unter dem gestrigen Schock leidet. Er
hat
seinen eigenen Vater in der Tiefgarage ueberfahren."
"Ein
SCHOCK?! Ich meine... wie aeussert sich das denn bei ihm???"
Ich
merke, dass sie vor lauter Neugierde den Hoerer nicht mehr
ruhig
halten kann. Ich koennte der Scientologen-Tante jetzt alles
erzaehlen. Ich
koennte zum Beispiel sagen, dass es Nero von seinem
Schock heilen
wuerde, wenn sie ihm durchs Telefon
Bukowsky-Gedichte rezitierte.
"Hallo? Sind Sie noch dran?"
fragt sie ungeduldig.
"Ja, klar. Haben Sie zufaellig einen
Bukowsky-Band bei sich?"
"Nein? Wieso?"
"Vergessen
Sie's. Also, im Moment webt er."
"ER WEBT?!"
"Naja,
er sitzt da, starrt die Wand an und wiegt sich langsam von
einer
Seite zur anderen; das macht er manchmal den ganzen
Tag..."
"Aber... aber, das ist ja schrecklich."
"Tja,
ist es wohl. Normalerweise hilft ihm in so einem Zustand nur
noch
eine Katze."
"Eine Katze", kommt es fassungslos
durch die Leitung.
"Richtig. Eine Katze. Oder Katzenmiauen.
Sie muessen wissen, dass
Nero frueher mal eine Katze hatte, die er
abgoettisch geliebt hat. Deshalb
hilft es manchmal, wenn er
Katzenmiauen hoert."
"Und... wo ist Neros Katze
jetzt?"
"Tot", sage ich lakonisch, "er hat sie
aufgegessen."
'"WAS?!"
"Auf-ge-ges-sen",
wiederhole ich deutlich, "verspeist, gefressen,
vertilgt,
verkonsumiert, einverleibt, ..."
"Hoeren Sie auf! Das
glaube ich einfach nicht! Ich moechte jetzt Nero
selber
sprechen!"
"Gut. Ich halte ihm den Hoerer hin, ok?"
Ich
stehe auf und gehe mit dem Telefon zu Neros Kaefig hinueber.
"Hier,
Nero. Da will dich jemand sprechen", sage ich und halte
den
Hoerer dicht an die Kaefigstaebe. Nero beobachtet mich
misstrauisch; den
Hoerer wuerdigt er keines Blickes; auch nicht,
als die aufgeregt
piepsende Stimme daraus ertoent. Ich nehme den
Hoerer wieder weg.
"Hallo, Nero?"
"Nein, ich
bins wieder", sage ich. "Ich glaube, Nero moechte nicht
mit
Ihnen sprechen."
"Was hat er gemacht?"
"Er
hat kurz aufgehoert zu weben, aber jetzt hat er wieder
angefangen."
"Aber er muss mir zuhoeren. Ich habe die
frohe Botschaft, die ihn fuer
immer aus seiner Qual erloesen
wird."
Der Tonfall der weiblichen Stimme ist auf einmal ganz
salbungsvoll
geworden. So was geht mir gewaltig gegen den Strich;
wie wenn man
mit den Fingernaegeln ueber eine Schieferplatte
kratzt; oder mit einem
stumpfen Kuechenmesser Styroporplatten
zerschneidet. Na warte!
"Vielleicht, wenn Sie ihm etwas
vor-miauen", schlage ich vor.
"WAS?!"
"Ich
sagte Ihnen doch, er liebt Katzen. Passen Sie auf: ich halte ihm
den
Hoerer hin, und Sie miauen ihm was vor. Das ist die einzige
Chance,
seine Aufmerksamkeit zu erregen."
Die Scientologen-Tante
schreckt vor nichts zurueck. Hat wohl ihr
Pensum an neuen Opfern
noch nicht erreicht, wie?
"Na, gut", sagt sie und faengt
zaghaft an zu maunzen.
Ich haenge den Hoerer in die Gitterstaebe
und schalte den Lautsprecher
ein, um ja nichts zu verpassen.
Nero
wird aufmerksam. Wenn er etwas nicht ausstehen kann, sind das
Katzen
jeder Art. Er rueckt unruhig auf seiner Stange hin und her.
Das
anfangs zaghafte Miauen (unterbrochen von ein, zweimaligem
Raeuspern)
steigert sich zum gefuehlvollen Katzengesang.
Nero verlaesst seine
goldene Lieblingsstange und hopst auf den Boden
des Kaefigs. Er
kraechzt zweimal warnend, dann geht er zum Angriff
ueber. Der
schwarze lange Schnabel trifft zielsicher aufs Mikrophon;
im
Lautsprecher klingt es wie ein Schuss.
Das Miauen bricht
ab.
"Was war das? Nero, sind Sie da?"
Nero kraechzt
triumphierend, erfreut darueber, dass er das impertinente
Katzenvieh
in die Flucht geschlagen hat. Das Kraechzen klingt wie das
erste
Morgenroecheln eines TBC-kranken Kettenrauchers nach
einer
durchzechten Nacht.
"Um Gottes Willen! Nero? Geht es
Ihnen gut?! Hallo?! HALLO!!!"
Ich nehme den Hoerer wieder zur
Hand.
"Tja, ich fuerchte, das Miauen hat ihm auch nicht
gefallen. Er hat sich
gerade mit seiner Lunger durch die Schlaefe
geschossen..."
"Wwwwas?!"
Die Stimme der
Scientologen-Tante wird langsam hysterisch.
Wahrscheinlich noch
nicht lange im Geschaeft. Hah!
"Keine Angst!" sage ich.
"Er simuliert das nur. Das macht er
ziemlich
haeufig."
"Sisisisim...sim...simuliert?!"
"Mhm.
Hat er sich aus den Film 'Harold and Maude' abgeguckt. Jetzt
liegt
er da vor mir auf dem Fussboden und blutet gerade echt
realistisch
den Teppich voll. Schoene Sauerei!."
"Oh,
mein Gott! Sind Sie sich auch ganz sicher, dass er simuliert?
Ich
meine, es klang so realistisch... der Schuss... und wie er...
wie er
verendet ist..."
"Nein, nein. Wissen Sie, ich
glaube, das war nur Neros Art, Ihnen
mitzuteilen, dass er keine
Lust hat, wie die ganzen anderen Vollidioten
in Ihrer Sekte den
lieben langen Tag am Telefon zu haengen und nach
noch bloederen
Vollidioten zu suchen."
Es bleibt still im Telefon. Fuenf ganze
Sekunden herrscht Stille (ich
zaehle stumm mit). Dann klickt es
leise.
Es hoert sich an wie ein gefallener Groschen.
Bastard Ass(i) from Hell 27
Ich, der B.A.f.H., moechte heute den
ultimativen Beweis antreten, dass
die REALITAET jede nur denkbare
FIKTION in aller Hinsicht uebertrifft.
Wir befinden uns jetzt in einer
kleinen, rund gebogenen Wohnstrasse
einer mittelgrossen Stadt im
Einzugsbereich Muenchens. Nennen wir sie
vorlaeufig den Buchenweg
(Anm. der Redaktion: saemtliche Namen
geaendert!). Wir schreiten
die ruhige schmale Strasse entlang; links und
rechts Drahtzaeune
und gerade gestutzte Hecken, hinter denen sich
kleine, aber
saubere Haeuschen ducken. Vor den Haeuschen stehen
blitzsaubere
deutsche Markenautos und funkeln in der Sonne, und an
den
diskreten grauen Verteilerkaesten der Telekom erkennen wir,
dass
diese Strasse bereits erfolgreich verkabelt wurde. Natuerlich
kein
Durchgangsverkehr, zusaetzlich verkehrsberuhigt durch Tempo
Dreissig
und Recht-vor-Links. Eine ruhige, friedliche Wohngegend
mit ruhigen,
friedlichen Bewohnern, die allesamt so langweilig
sind, dass schon bei
Einbruch der Daemmerung getrost die Gehwege
hochgeklappt werden
koennen.
Moechte man meinen. Man wuerde sich gewaltig irren!
Beginnen wir mit Paul Heimlich, der
ganz hinten in der Biegung
wohnt. Paul arbeitet fuer den BND. Von
seiner erste Frau, Hannelore,
hat er sich scheiden lassen, nachdem
er sich bei einem dienstlichen
Aufenthalt in Baden Baden einen
Kurschatten namens Birgit angelacht
hat. Ausserdem kann er zu
diesem Zeitpunkt schon mit dem ersten
ausserehelichen Kind
aufwarten - allerdings wieder von einer anderen,
deren Name
mittlererweile in der Nachbarschaft verschollen
ist.
Gluecklicherweise war Paul so geschickt, angeblich aus
steuerlichen
Gruenden das Haus ausschliesslich auf seinen Namen zu
fuehren und
Guetertrennung zu vereinbaren. Hannelore geht also
leer aus und verlaesst
den Buchenweg mit ihren drei Kindern.
Die
neue Birgit hat sich allerdings das Leben an der Seite
des
Geheimdienstmannes Paul etwas anders vorgestellt. Wenn Paul
von
nervenaufreibender nachrichtendienstlicher Taetigkeit ermattet
nach
Hause kommt, steht sie schon fix und fertig fuer die Disco
auf der
Matte. Kein Wunder, dass Paul dieser Belastung auf die
Dauer nicht
gewachsen ist. Daher holt Birgit sich aus Koeln
Ersatz: ihr frueherer
Freund Ludwig, der immer in zweiter Reihe
auf seine Chance bei Birgit
gewartet hat, wird kurzerhand nach
Bayern beordert. Ja, er
verschleudert Birgit zuliebe sogar seine
Firma in Koeln und kauft ihr ein
Haus in einer benachbarten Stadt.
Allerdings ist das Glueck nicht von
langer Dauer: Birgit verlaesst
den dumm-treuen Ludwig schon nach
wenigen Monaten, um mit einem
Neuen (Name unbekannt) ein
groesseres Haus zu beziehen, wieder in
einer anderen Stadt. Paul hat
inzwischen die Nase voll von den
deutschen Frauen, geht nach Spanien
und lacht sich dort eine 20
Jahre juengere Spanierin an. In das Haus
ziehen neue
Geheimdienstler ein...
Im Nachbarhaus lebt Katrin, die von
ihrem Mann schon vor Jahren
sitzengelassen wurde. Zum Glueck fuer
Katrin war ihr Verflossener
Industrieller und hat - im Gegensatz
zu Paul - vergessen, bei der
Eheschliessung Guetertrennung zu
beantragen. Katrin lebt jahrzehntelang
ganz gut von ihren Anteil
am saftigen Braten. Nur vergisst sie leider
oefters die Handbremse
anzuziehen, und ihr teurer BMW rollt dann
rueckwaerts quer ueber
die abfallende Strasse und rammt zum Aergernis der
Nachbarschaft
die schmiedeeisernen Tore der gegenueberliegenden
Grundstuecke.
Natuerlich bestreitet Katrin jedesmal, dass es ihr BMW
war, der
die neue Delle produziert hat.
Zwischen den Hubers und Katrin lebt die
junge Susi im Haus ihrer
Grossmutter - zumindest ist das die
allgemeine Auffassung. In
Wirklichkeit ist die Eigentuemerschaft
des Hauses seit elf Jahren
reichlich umstritten. Denn seit der
Stiefgrossvater von Susi ohne
ordentliches Testament und ohne
leibliche Kinder verstorben ist, sind
einige Dutzend Juristen auf
der ganzen Welt, im wesentlichen jedoch in
Lateinamerika, auf der
Suche nach weiteren moeglichen Erben.
Jedenfalls lebt Susi im
Moment zusammen mit ihrem Freund Alfred in
diesem Haus. Wo Alfred
herstammt, verliert sich im Dunkel; ploetzlich
ist er jedenfalls
da und nimmt sofort alles in die Hand. Das Haus sei
voellig falsch
konstruiert und renovierungsbeduerftig. Alfred reisst
zuallererst
die Zwischenwaende im Erdgeschoss heraus, weil man in den
engen
'Mausloechern' Platzangst bekomme, und laesst saemtliche
Fenster
austauschen. Nebenher saniert er noch Katrins Garage,
unter deren
Dach sich ein Steinmarder haeuslich niedergelassen
hat, dessen Faekalien
und verwesende Mordopfer seit Jahren
pestilezialischen Gestank ueber
die ganz Nachbarschaft verbreiten.
Natuerlich zahlt Katrin keinen
Pfennig fuer diesen nachbarlichen
Dienst, und der Grund fuer eine
weitere nachbarliche Fehde ist
gelegt.
Dann geht Alfred - da er 'momentan nicht erwerbstaetig'
ist - das Geld
aus, und er weigert sich, die Handwerker zu
bezahlen, weil angeblich
einige Fenster schief eingebaut wurden.
Waehrend der Rechtsstreit noch
schwelt, ist das Erdgeschoss -
wegen der rausgerissenen
Zwischenwaende - mittlererweile
unbewohnbar geworden, und Susi
und Alfred ziehen in den ersten
Stock.
Bald darauf kommt Alfred wohl in ernste
Geldschwierigkeiten.
Zunaechst verkauft er Susis Minicooper (mit
der Begruendung, dass sie ja
schliesslich auch mit dem Fahrrad in
die Arbeit fahren koenne), dann
heiratet er zum Schein eine
Kroatin, damit diese nicht abgeschoben
werden kann, und kassiert
dafuer 4000 Mark.
Bei Susi, die sowieso schon allmaehlich von
Alfreds Aktivitaeten die
Nase voll hat, bringt das das Fass zum
UEberlaufen. Nach einem
praechtigen Krach, dessen Lautstaerke die
gesamte Nachbarschaft
teilhaben laesst, zieht Susi zu ihren Eltern
und laesst Alfred in dem Haus,
dessen Eigentuemerschaft, wie schon
gesagt, nach wie vor ungeklaert ist,
allein zurueck. Alfred
weigert sich auszuziehen, bevor nicht seine
Renovierungsleistungen
an dem Haus angemessen entlohnt worden
sind. Die Familie von Susi
dagegen argumentiert, dass er das Haus
nicht renoviert, sondern
unbewohnbar gemacht habe. Daraufhin
verbreitet Alfred in der
Nachbarschaft, dass er 'die Huette' sowieso bald
verkaufen werde,
und dann nach Mexiko auswandern wolle. Wie er ein
Haus an den Mann
bringen moechte, das den Streitpunkt eines
schwebenden
Erbschaftsverfahrens darstellt, bleibt den Nachbarn
unbekannt.
Alfreds Treiben ist wiederum Frau Huber
von schraeg gegenueber ein
dauerndes AErgernis. Frau Huber
verfuegt ueber ein bis zum Aeussersten
entwickeltes
Sicherheitsbewusstsein. Ihr Gartentor ist immer
abgeschlossen,
seit ein paar Haeuser weiter unten harmlose Insassen
eines
Pflegeheims einquartiert wurden. Gegen diese 'Irren' muesse man
sich
schuetzen. Jawohl! Sonst stehen die eines Tages ploetzlich
im
Vorgarten, nicht wahr? Auf den Friedhof geht Frau Huber auch
nur
noch in Begleitung, seitdem dort einmal ein Mann auf einer
Bank
gesessen habe, der genau in dem Augenblick aufgestanden sei,
als sie
vorueberging. Alfred hat in letzter Zeit oefters Kerzen
brennen - vielleicht
fuehlt er sich seit Susis Auszug einsam?
Jedenfalls ist Frau Huber
sicher, dass er eines Tages das Haus
anzuenden wird. Deshalb steht sie
nun jeden Abend am
Kuechenfenster und beobachtet sicherheitshalber
die Kerzen bei
Alfred gegenueber. Im Ernstfall koenne sie dann sofort
Susis
Familie anrufen, meint sie. Die Nachbarn setzen dagegen, dass sie
-
wenn schon nicht die Feuerwehr - vielleicht besser den alten
Herr
Noerdlinger, den Bruder von Susis verstorbenen
Stiefgrossvater
alarmieren solle, der in der anderen
Doppelhaushaelfte von
Susis/Alfreds Haus wohnt. Schliesslich sei
der doch etwas
unmittelbarer betroffen, wenn das Haus abbrennt.
Uebrigens, der alte Noerdlinger. Der
hat in seinem Leben auch nichts
anbrennen lassen. Er hat
hintereinander seine Frau und zwei
Freundinnen ueberlebt.
Pikanterweise dauert es nach der Beerdigung der
zuletzt
Verflossenen immer nur ein paar Tage bis die naechste auf der
Matte
steht. Inzwischen ist er 86, aber immer noch ruestig und
streitbar.
Da er, als der Bruder des kinderlos verstorbenen
Stiefgrossvaters von
Susi, am ehesten als Erbe der anderen
Doppelhaushaelfte in Frage
kommt, steht er mit dem
'dahergelaufenen Rumtreiber' Alfred erst
Recht auf Kriegsfuss.
Nachbar Obermann interessiert sich nur
wenig fuer all diese turbulenten
Ereignisse. Er hat sich vor
kurzem einen alten Kindheitstraum erfuellt
und einen gebrauchten
Traktor erstanden. Da er das kostbare Stueck auf
gar keinen Fall
einfach so auf der Strasse herumstehen lassen kann,
schmueckt das
schoen gruen lackierte Ungetuem jetzt seinen Vorgarten.
Niemand
weiss so recht, was Obermann eigentlich mit dem Ding
vorhat, da er
weder einen ausreichend grossen Garten, noch sonst
irgendwelche
landwirtschaftlichen Grundstuecke besitzt. Ab und zu
erfreut er
jedoch die Nachbarschaft mit lautstarken Proberundfahrten
durch
den Buchenweg.
Auch der junge Biederheimer, dessen
Grundstueck hinten an das von
Obermanns grenzt, hat eine
Investition fuers Leben getaetigt - wenn auch
in ganz anderer
Richtung: Er hat sich eine Asiatin als Frau eingekauft,
und
seitdem wuseln zunehmend immer mehr kleine Halbasiaten durch
den
Buchenweg.
Und so geht es weiter und immer weiter:
Durch herabgelassene
Jalousien, durch Luecken in den hohen Hecken,
durch Schluesselloecher
werden neue Entwicklungen aufmerksam
beobachtet und ueber Zaeune
hinweg gruendlich eroertert. Es
brodelt und kocht, es brummt und
zischelt im Buchenweg. Wozu
brauchen wir noch die Lindenstrasse im
Fernsehen? Wozu ueberhaupt
Fernsehen? Man schaue doch nur mal
ueber den eigenen Gartenzaun!
Und wer sich jetzt souveraen
zuruecklehnt und laechelnd meint, das sei
jetzt mal wieder nur der
typischen ueberhitzten Phantasie des B.A.f.H.
entsprungen, der
irrt: Jedes Wort das hier geschrieben steht ist wahr
und
buchstaeblich genau so geschehen!
Realitaet IST die beste Soap Opera, die
man sich vorstellen kann. Das
Leben um uns herum ist ein einziges
riesiges Kabarett; man muss nur
darauf achten!
Bastard Ass(i) from Hell 28
Auf dem Weg zur Cafeteria stolpere ich
zu hunderttausendsten Mal
ueber die Innereien der alten PDP11, die
seit Studentengenerationen
dekorativ in unserem Gang herumlungert.
Vor mich hinfluchend reibe
ich den schmerzenden Knoechel und
betrachte kritisch unseren
'Elefantenfriedhof': Drei
ausgeschlachtete Mikrovaxen, bei denen die
Kabel aus den Chassis
haengen, jede Menge alter Terminals, Kisten mit
kaputten
Messgeraeten und Elektronikschrott, Kabeltrommeln, ein Regal
voller
alter Datenbuecher ueber Teile, die laengst niemand mehr
herstellt,
ein halbes Dutzend ausgeleierter Buerostuehle mit nur
vier Rollen, auf
denen sogar die unerschrockensten Studenten nicht
mehr sitzen
moechten.
Und alles lagert mangels Platz auf
unserem Gang mitten im Institut.
'Fluchtweg' steht in grossen
gruenen Buchstaben auf einem Schild und
der Pfeil deutet direkt in
eine gemuetlichen Ansammlung alter
Bueroschraenke, in denen weiss
Gott was fuer uralte Akten bis zum St.
Nimmerleinstag aufbewahrt
werden.
Marianne kommt mir aus der Teekueche
entgegen und windet sich
vorsichtig durch herabhaengende
Kabelbaeume. Eines der Kabel versucht
sie zu strangulieren, aber
Marianne, durch langjaehrige Erfahrung
gewitzt, weicht in letzter
Sekunde aus.
Gefaehrlich, denke ich entzueckt, boese
und gefaehrlich.
Probeweise zerre ich an ein paar giftgruengelben
Massekabeln, die wie
boesartige Gewaechse aus dem Sockel der PDP11
wuchern. Sofort loest
sich irgendwo ueber meinem Kopf eine schwere
Drosselspule und
poltert haarscharf an meinem Kopf vorbei. Zwanzig
Zentimeter weiter
rechts und mein Schaedel waere jetzt Matsch.
Natuerlich, es ist ja auch nur zu
verstaendlich. Diese Maschinen waren
einmal - vor gar nicht so
langer Zeit - das Non-Plus-Ultra der
Rechnertechnologie, High
Tech, suendhaft teuer, von allen gehaetschelt
und umsorgt. Was war
das fuer ein Drama, wenn bei einer PDP11 ein
Plattenlaufwerk mit 2
MB (in Worten: Zwei Megabyte) ausfiel. Es war
wie ein Trauerfall
in der Familie; das ganze Institut versammelte sich im
eisgekuehlten
Rechnerraum und umstand den armen Patienten, gab
Ratschlaege,
versuchte zu helfen oder bekundete einfach nur
Anteilnahme. Man
schuf extra Raeume mit spezieller Klimaregelung,
raffinierten
Einbruchs- und Feuermeldeanlagen. Die Systemverwalter
waren
Priester einer neuen Kaste, mit Leib und Seele der
geheiligten
Maschine verschrieben. Ich kannte Systemmanager, die
ihren Urlaub in
die Wartungszeiten der ihnen anvertrauten Maschine
legten; ein anderer
war hundertprozentig davon ueberzeugt, dass
seine 'Babies' sofort
abstuerzen wuerden, wenn er einmal nicht
puenktlich um halb neun Uhr
nach den Backups schaute.
Und jetzt? Aus ist's mit der
Herrlichkeit. Verstossen und verlassen
stehen sie da, die
einstigen Kings. Verdraengt von laecherlichen
Rechenzwergen, die
nichtsdestotrotz mit links die hundertfache
Leistung erbringen.
Kein Mensch kuemmert sich mehr um diese alten
Elefanten - aber
wegwerfen bzw. entsorgen, wie das heute heisst, darf
man sie auch
nicht. Schliesslich haben sie mal vor langer Zeit
Hunderttausende
gekostet und sind noch lange nicht abgeschrieben.
Einsam, tot und
inventarisiert stehen sie in Gaengen und dunklen Ecken
und warten
darauf, dass sie endlich ihre letzte Reise zur
Sondermuelldeponie
antreten duerfen. Ab und zu kommt ein Veteran der
ersten Stunde an
ihnen vorbei, streicht ihnen zaertlich ueber die
Bitschalterregister
und denkt wehmuetig an die guten alten Zeiten, wo
man einen
Bootzyklus noch Bit fuer Bit hineinhacken musste.
Tot? Na, wer weiss. Gerade hat mich
wieder so ein altes Trum, eine Art
umgebauter BS2000 mit einer 110
Volt Netzleitung am Bein gepackt.
Eben nicht tot! Wuetend sind sie! Sie
toben innerlich ueber die
Ungerechtigkeit der modernen Zeiten.
Wahrscheinlich ist die
Enttaeuschung ueber die Treulosigkeit der
Menschen im Laufe der Jahre
so gross geworden, dass die Gesetze
der Statistik nicht mehr gelten. Wie
sagte S. Lem einmal in den
Sterntagebuechern?
"Quantenmechanisch ist alles eine Frage
der Statistik. Auch wenn der
Mensch zigmillionenmal derjenige war,
der den Rechner ausgeschaltet
hat, kann es doch beim
zigmillionenersten Fall einmal der Rechner
sein, der den Menschen
ausschaltet."
(Das Zitat ist etwas frei angeglichen; man
moege mir verzeihen! Im
Orginal ging es um Kartoffeln und nicht um
Computer!)
Nachdenklich betrachte ich die armen
Maschinenkreaturen. Arme alte
Elefanten. Man muesste etwas fuer
sie tun.
Ich krempele mir die Aermel hoch.
Am naechsten Morgen ruft mich Kollege
O. an, obwohl sein Buero nur
ein paar Schritte von dem meinigen
entfernt ist.
"Ja?" sage ich.
"Aeh, was macht
der ganze alte Schrott in meinem Zimmer!?"
"Was fuer ein
Schrott genau?" frage ich hoeflich zurueck. Man muss am
Telefon
immer fuer absolute Klarheit der Begriffe sorgen; sonst redet
man
sich unter Umstaenden die Koepfe heiss und nach einer Stunde
merkt
man dann, dass nur eine abweichende Begriffsbestimmung bei
den
beiden Gespraechspartnern vorliegt.
"Was fuer ein
Schrott genau!!!" aefft er mich nach. Kollege O.
ist
offensichtlich stark erregt. "Das alte Monster, das immer
dahinten im
Gang stand! Jetzt ist es in meinem Zimmer und blinkt
und gibt
fuerchterliche Geraeusche von sich!"
"Ach du
meinst die Segment 3 Bridge", sage ich beruhigend. "Nur
keine
Panik. Ich habe die Bridge wieder in Betrieb genommen, weil die
neue
in Reparatur ist. Und da sich die Segmente nur in deinem
Zimmer
beruehren, musste ich..."
"Das ist doch keine
Bridge, das ist ein... ein... ein..."
Kollege O. verstummt,
weil er eben NICHT weiss, dass es sich um eine
uralte
Industrie-Mikrovax handelt, die ich ihm da ins Zimmer
geschoben
habe. Da zeigt es sich wieder mal: Wissen ist Macht!
"Doch,
ganz bestimmt ist das eine Bridge von Digital", versichere
ich
ihm. "Sie ist zwar schon eine Weile nicht mehr gelaufen,
aber du
kannst an der Rueckseite sehen, dass das Segment 3 und das
Backbone
daran angeschlossen sind - und es funktioniert."
Was
Kollege O. nicht sehen kann: Ins Innere der ausgeschlachteten
Vax,
bei der sowieso nur noch Luefter und eine Platte laufen, habe ich
die
moderne Bridge ganz locker integriert.
Kollege O. gibt sich
geschlagen und legt auf, nachdem ich ihm
versichern musste, dass
'das Ding sofort wieder entfernt wird', wenn die
reparierte Bridge
zurueckkommt. Das kann ich ihm guten Gewissens
versichern.
Als naechstes steht, wie aus dem Boden
gewachsen, Frau Bezelmann in
meiner Tuer. Ihre Brillenglaeser
blitzen angriffslustig.
"Jemand hat die Kaffeemaschine
entwendet", verkuendet sie drohend.
"Statt dessen steht
da eine fuerchterlich staubige, laermende Maschine in
der Ecke,
die Nero Angst macht. Er ist ganz verstoert, der Arme!"
"Die
Kaffeemaschine ist mir gestern heruntergefallen", erklaere
ich.
"Heruntergefallen!" echot Frau Bezelmann
unheilschwanger.
"Aber das macht nichts", fahre ich
hastig fort, "weil wir ja noch die
sehr zuverlaessige
Industrie-Kaffeemaschine haben. Ich habe sie gleich
in Ihr Buero
bringen lassen. Zugegeben, sie ist etwas gross,
aber..."
"Industrie-Kaffeemaschine!!!"
"Ja,
sicher. Das war noch lange vor ihrer Zeit. Sie muessen den
orangen
Hauptschalter an der linken Seite druecken, in den oberen
Trichter
Wasser einfuellen..."
"Morgen!!" sagt
Frau Bezelmann entschieden. "Morgen kommt das
Ding weg, und
wenn ich ich auf eigene Kosten eine neue
Kaffeemaschine kaufen
muss!!!"
Na gut, denke ich, man kann nicht immer
gewinnen. Obwohl ich die
PDP11 im Sekretariat ganz dekorativ fand.
Sie passte irgendwie gut zu
dem uralten IBM PC, den Frau Bezelmann
immer noch in Gebrauch
hat. Und die Kaffeemaschine hat auch ganz
gut hineingepasst.
Das Telefon klingelt wieder. Diesmal ist es der
Chef.
"Aeh... Leisch? Gut, dass Sie aeh... da sind. Hm... ich
vermisse
irgendwie meinen... aeh... PC. Haben Sie...?"
Ich
erklaere dem Chef ausfuehrlich, dass die modernen PCs
einfach
schrecklich unzuverlaessig sind. Alles nur in
Taiwan
zusammengestoepselt. Staendig Hardware-Ausfaelle. Und
ploetzlich sind
dann die ganzen Berichte fort, oder es passiert
noch was Schlimmeres.
"Deshalb habe ich Ihnen die alte,
zuverlaessige VaxStation 3000 wieder
in Ihr Buero gestellt. Da
koennen Sie sich wenigstens drauf verlassen,
nicht wahr?"
"Oh...
naja, ich hatte mich eigentlich schon... aeh..."
"Ausserdem
koennen Sie da ohne Probleme Fortran-77 laufen lassen."
"Ah?
Ja? Na dann... aeh.... Vielleicht haben Sie ja recht. Das...
aeh...
moderne Zeugs soll ja auch so... so...
gesundheitsschaedlich sein,
nicht?"
Ganz bestimmt,
versichere ich dem Chef.
"Ja, hm... und das andere Ding da...
aehm... unter... unter meinem
Schreibtisch... ich meine, das sieht
fast so aus wie... wie... na... wie
ein
Plattenlaufwerk...?"
Bingo! Der Kandidat hat hundertundzehn
Punkte!
"Ganz recht", sage ich. "Das ist das
Plattenlaufwerk, auf dem Ihre
VaxStation automatisch Backups
macht. Dadurch haben Sie doppelte
Datensicherheit, verstehen Sie?
Sie sind sozusagen autark."
Autark sein gefaellt dem Chef
fast immer. Hoffentlich bemerkt er nicht,
dass die Kiste gar
nirgends angeschlossen ist.
"So... ja, das ist ja... aeh...
schoen", kommt es zoegernd durch die
Leitung.
"Ausserdem",
setze ich noch eins drauf, "ausserdem werden Sie jetzt
nie
wieder kalte Fuesse bekommen, weil der Luefter die warme
Abluft genau
unter Ihren Tisch blaest."
Wenn man mal davon
absieht, dass wir zur Zeit Hochsommer haben.
"Aha? Ja... das
ist wirklich sehr... aeh... passend. Also dann..."
Der Chef
legt auf. Die drei alten Terminals an der Wand blinkern
mir
freundlich zu.
Wenigstens einer, der ein Herz fuer die alten Elefanten hat.
Bastard Ass(i) from Hell 29
An meinem Data-Glove ist ein Stecker
abgebrochen, was zur Folge hat,
dass ich den Steuerknueppel in
SpaceSpiders III 1/2 nur noch von links
nach rechts bewegen kann.
Nachdem zum dritten Mal eine fette gelbe
SpaceSpider mein
Raumschiff hoffnungslos umsponnen hat, gebe ich auf.
Ich fahre die
Schilde hoch und begebe mich gemaechlich hinunter in die
Werkstatt
der Haustechnik, um den Schaden am Data-Glove zu beheben.
In der Ecke der Werkstatt sitzt eine
aufgeschlagene BILD-Zeitung neben
einer halb geleerten Flasche
Bier. Ohne sie weiter zu beachten, werfe ich
die Loetstation an
und gehe hinueber zum Materialschrank, um nach einem
passenden
Ersatzstecker zu suchen.
"He!"
Ich fuehle mich nicht angesprochen. Die
Haustechnik und ich, wir haben
ein bewaehrtes beiderseitiges
Nicht-Einmischungs-Abkommen.
"He, Sie da!! Was macha Sie'n da?!"
Ich drehe mich um. Die BILD-Zeitung
liegt auf dem Tisch; der Typ, ein
corpus grave im Blaumann, ist
schon halb aufgestanden und kommt auf
mich zu. Ich schaue in das
vom Zorn geroetete, mir voellig unbekannte
Technikergesicht.
Ein Neuer! Ah-Oh!
"Se kenna do ned eifach da
reikomma un... un da rummacha!" sagt er
nachdruecklich.
Ich nenne deutlich meinen Namen - keine
Reaktion. Ich erklaere dem ganz
offensichtlich brandneuen
Haustechniker, dass ich etwas zu reparieren habe
und zeige ihm den
abgebrochenen Stecker.
Er betrachtet das Ding wie ein besonders
widerliches Insekt, das sich auf
der Windschutzscheibe seines
Rolls Royce zerbatzt hat.
"Ham Se an blauen
Reparaturauftrag?!" raunzt er mich an. Ah-Oh!
Ich raeume ein,
dass ich keinen habe und er wirft mich hinaus. Auf dem
Weg zum
Lift begegne ich dem Leiter der Haustechnik. Ich
laechele
freundlich:
"Wussten Sie schon, dass ich keinen
blauen Reparaturauftrag habe?" sage
ich im Plauderton. Sonst
nichts.
Der Werkstattleiter wird schlagartig kalkweiss, zieht
scharf die Luft ein und
stuerzt ohne ein weiteres Wort an mir
vorbei in die Werkstatt. Waehrend ich
auf den Lift nach oben
warte, hoere ich seine verzweifelten Schreie.
Ich mache eine
Zwischenstop in der Tiefgarage und schiebe alle Wagen,
bei denen
die Handbremse nicht angezogen ist, aus ihren Boxen. Ein
huebsches
Durcheinander.
Dann befestige ich Wegwerf-Feuerzeuge unter zwei
schwer zugaenglichen
Sprinklern und lasse sie auf kleiner Flamme
schmoren. Nach meiner
Schaetzung wird in spaetestens zwanzig
Minuten das Parkdeck ueberflutet.
In beiden Aufzuegen klebe ich
frischen Kaugummi in die Loecher der
Lichtschranken; die
Fahrstuehle bleiben gehorsam auf auf dem obersten
Stockwerke
stehen und ruehren sich nicht mehr vom Fleck.
In Labor II der
Biophysiker verstoepsele ich sorgfaeltig das
Handwaschbecken,
stopfe den Lappen in den Ueberlauf und drehe das
Wasser voll auf.
Ich schaetze, dass in etwa einer Stunde die katholischen
Theologen im Stockwerk unter uns die
feuchte Gabe von oben bemerken
und Alarm schlagen werden.
Zurueck in meinem Buero ignoriere ich
das hektisch klingelnde Telefon - ich
kann mir schon denken, wer
dran ist - und rufe statt dessen ueber die
Modemleitung die
Metzgerei um die Ecke an. Der Angestellte dort ist
zuerst etwas
verbluefft, aber dann freut er sich natuerlich, dass
die
Stammkundschaft in der Haustechnik anstatt wie ueblich zwei
Pfund ab
morgen zwanzig Pfund Leberkaese beziehen wird. Ausserdem
erklaere ich
ihm ueberzeugend, dass Bier am Arbeitsplatz von nun
an nicht mehr
angebracht sei und er doch bitte von nun an zur
Brotzeit Eistee mit
Maracuja-Geschmack liefern solle.
"Und
Essiggurken", fuege ich noch hinzu, "mindestens ein Pfund
jeden
Tag."
Er verspricht, dass alles nach unserer
Zufriedenheit erledigt werden wuerde.
Im Sekretariat erkundige ich mich nach
den blauen Formularen fuer
Reparaturauftraege. Frau Bezelmann
deutet auf die entsprechende
Schublade, ohne den konzentrierten
Blick von ihrem neu aufgeruesteten
Mac zu wenden. Wieder einmal
bemerke ich mit Befriedigung, dass unsere
Mitarbeiter moderne
Buerotechnik zu schaetzen wissen.
"Da sind nur noch 36 drin",
stelle ich beilaeufig fest und nehme den Packen
an mich. "Sie
sollten bei Gelegenheit neue besorgen."
Frau Bezelmann blickt
kurz von ihrem Computerspiel auf (aus den
Augenwinkeln sehe ich,
dass sie mittlererweile den Super-Witch-Level III
in 'SadoVixens'
erreicht hat!) und verzieht ihre Mundwinkel ganz leicht
nach
unten. Der Rabe Nero kraechzt beifaellig in seinem goldenen Kaefig.
Ich
gebe ihr die high five und marschiere zurueck in mein Buero.
Mit Hilfe des Computers im
Universitaetsbauamt - ein mies geschuetzter
uralter HP; aber er
haengt wenigtens am Netz - suche ich die
Zimmernummern der an
schwersten zugaenglichen und am weitesten
entfernten Raeume im
ganzen Campus heraus. Dann fuelle ich sorgfaeltig und
genuesslich
36 Reparaturauftraege fuer flackernde Neonlampen,
ueberflutete
Klospuelungen, kaputte Klimaanlagenregler,
zerbrochene
Telefonanschlussdosen, tropfende Wasserhaehne,
fehlende Tuerklinken,
verbogene Fensterbrettabtropfnasen,
festgefahrene Jalousien, fehlende
Heizkoerperventilkappenthermostate,
tote Datennetzzugaenge und verstopfte
Entlueftungsschaechte
aus.
Selbst wenn die Burschen der Haustechnik dort nichts
vorfinden, was zu
reparieren ist (was ich bezweifele), werden sie
allein Wochen dafuer
brauchen, die Raeume alle aufzusuchen.
Dann lehne ich mich entspannt zurueck
und lausche noch eine Stunde dem
periodisch wiederkehrenden
Klingeln des Telefons.
Gegen halb vier, kurz bevor ich mich in
den wohlverdienten Feierabend
verabschieden moechte, klopft es
zaghaft an der Tuere. Der stellvertretende
Werkstattleiter der
Haustechnik steht draussen. Es schwitzt, dass ihm die
Sosse aus
den Augenbrauen tropft, und er haelt krampfhaft eine
huebsch
verpackte Magnum umklammert.
(Nicht doch! Nicht was Sie
denken! Dies ist eine gewaltfreie Kolumne!
Ich spreche von einer
Sektflasche!)
"So ein Zufall", rufe ich
erfreut und halte ihm den Packen blaue
Reparaturformulare unter
die tropfende Nase. "Gerade wollte ich das an
Sie in die
Hauspost geben.
Eine halbe Stunde spaeter einigen wir
uns, dass in beiderseitigem Interesse
und unter der
Beruecksichtigung, dass der Kollege von heute morgen noch
ganz neu
und unerfahren war, etc. etc. pp. ... Friede, Freude,
Eierkuchen!
Gemeinsam lassen wir feierlich die 36 blauen
Reparaturformulare in Frau
Bezelmanns neuen Reisswolf, Marke
'Final Extinction', verschwinden.
Auf dem Heimweg denke ich noch, dass
eine solche Magnum doch
ziemlich schwer ist.
Das naechste Mal
sollen sie sie mir gefaelligst gleich ins Haus schicken.
Bastard Ass(i) from Hell 30
Beim morgendlichen kurzen Sprint zum
vorgewaermten Roadstar sehe ich
meinen Atem als weisse Fahne vor
mir herwehen. In der Cafeteria
ueberschreitet die Dichte der
Studenten pro verfuegbarem Stehplatz den
kritischen Wert von 3,75.
Allen Ortes trifft man auf tief braungebrannte,
froestelnde
Dozenten, die mit gehetztem Blick auf die Gucci-Armbanduhren
aeugen.
Saemtliche Kopierer sind belegt oder wegen Ueberlastung
ausgefallen.
Zwecklos es weiter zu leugnen: Das Wintersemester hat begonnen!
Auch fuer den BAFH ist dies eine Zeit
hektischer Aktivitaet! Schliesslich will
man ja nicht
unvorbereitet ins Semester gehen...
Sorgfaeltig ueberwache ich die
Haustechniker bei der Installation der neuen
vollelektronischen
Schliessanlage auf unserem Flur.
"Es ist ein Skandal,
wieviele Rechner in unserem Institut verschwinden",
hatte ich
dem Chef gesagt. "Wir brauchen eine Zugangskontrolle zu
den
Institutsraeumen."
"Ja, aeh... nun ja, sicher...
Sie haben sicher Recht, Leisch. Aber, aeh...was
das wieder
kostet..."
Dabei war die Finanzierung ein Klacks.
Im SCHWAFEL-Projekt gibt es
einen Posten 'Qualitaetskontrolle' mit
ueber 20.000 Ecu. Da sich schon jetzt
abzeichnet, dass bei dem
Projekt (wie bei allen EG-Projekten!) nichts, aber
auch gar nichts
herauskommen wird, dessen Qualitaet man eventuell
kontrollieren
koennte, bezahle ich damit die 'Zugangskontrolle'. Falls
jemand
nachfragt, kann ich immer noch sagen, ich haette mich verlesen.
Die Eurokraten koennen sowieso kein
Deutsch, die meisten nicht mal genug
Englisch, um unsere
Abschlussberichte zu verstehen (einer der Gruende,
warum in
Bruessel alles so unendlich langsam ablaeuft, ist wohl die
Tatsache,
dass die dortigen Eurokraten saemtliche Berichte und Briefe Wort
fuer
Wort im Lexikon nachschauen muessen!).
Befriedigt sehe ich, wie die letzten
Schrauben angezogen werden. Dann
kommt der Test. Zugang ist
nunmehr nur noch mit Kodekarte moeglich (die
Kodekarten vergibt
nach eingehender Pruefung Frau Bezelmann
persoenlich!). Studenten
und anderes Fussvolk muessen klingeln, damit
jemand fuer sie aufs
Knoepfchen drueckt.
Kaum sind die Techniker abgezogen,
modifiziere ich die Anlage
dahingehend, dass es bei mir klingelt,
wenn jemand den Knopf fuer die
Bibliothek drueckt.
Schon kurz darauf laeutet es. Sie sind
zu zweit, Brownie und Blondie.
"Wir moechten gerne in die
Bibliothek", erklaert Blondie zaghaft und
Brownie laechelt
unsicher.
"Kann ich bitte Ihre
Studentenausweise sehen?" frage ich hoeflich.
Beide fangen
sofort an, in ihren ESPRIT Rucksaecken - Verzeihung -
ESPRIT
Backpacks zu kramen. Ganz offensichtlich Frischlinge!
"Ah,
ja", sage ich. "Wie ich sehe, haben Sie beide noch keine
Bibliotheks-
Verschleiss-Gebuehr fuer dieses Semester entrichtet.
Wenn Sie wollen,
koennen wir das sofort erledigen. Kommen Sie
bitte mit..."
Blondie und Brownie folgen mir wie verwirrte
Laemmer in mein Buero.
Dort setze ich mich hinter mein Display und
sage:
"Wir haben - wie Sie sicher wissen - zwei Tarife: den
normalen fuer 15
Mark und den erweiterten fuer 25 Mark."
Sie
starren mich unsicher an.
"Was ist denn der erweiterte
Tarif?" wagt Blondie schliesslich zu fluestern.
"Der
berechtigt Sie zum nicht nur zum Besuch der Bibliothek, sondern
Sie
duerfen sich dort sogar hinsetzen und eine Tischflaeche von 80
x 100
Zentimeter fuer Ihre Recherchen belegen", erklaere ich
geduldig.
Die beiden schauen sich ratlos an.
"Dann nehme
ich den erweiterten", entschliesst sich Blondie.
"Ich
auch", ruft Brownie und kramt nach ihrer Geldboerse.
Am fruehen Nachmittag haben bereits 61
Studenten ihre Bibliotheks-
Verschleiss-Gebuehren entrichtet. Ein
huebscher Nebenverdienst!
Waehrend ich auf Nachzuegler warte,
suche ich in der Werkstatt und in den
Labors einen Haufen
Computerschrott zusammen, entferne sorgfaeltig alle
Hinweise auf
unser Institut (man glaubt gar nicht, an welchen
unmoeglichen
Stellen ueberall Inventar-Nummern angebracht werden!) und
verpacke
das Zeug in zwei Rechner-Kartons von der letzten CIP-
Lieferung.
Nachdem ich mich Dank PhotoShop mit den notwendigen
Unterlagen
versehen habe, setzte ich eine dunkle Sonnenbrille auf und
leihe
mir die fesche Schirmmuetze von Kollege O., die er letztes Jahr
aus
Chicago von der 'International Processor Conference', kurz
IPC,
mitgebracht hat.
Auf dem Handwagen des Hausmeisters
karre ich die beiden Kartons
hinueber zur RKFH ('Reisekostenstelle
from Heaven' fuer die
Neuhinzugekommenen!). Ich fahre, ohne lange
zu fackeln, mitten ins
Geschaeftszimmer und wuchte die beiden
Kartone auf den Boden.
Drei RKFHler starren mich verbluefft
an.
"Tach zusammen", sage ich gelangweilt und ziehe mit
einer routinierten
Bewegung die fingierten Lieferscheine aus der
Gesaesstasche. "Internationel
Parcel Catering. Ihre neue
Anlage ist da. Kann mir jemand das bitte mal
quittieren..."
"Wer...
wer hat denn das alles bestellt?" Eine der Reisekosten-Tanten
-
vermutlich die derzeit ranghoechste - hat sich aufgerafft und
spaeht
kurzsichtig auf die Papiere.
Ich runzele die Stirn und
studiere nun meinerseits den Lieferschein.
"Also da steht
'Muehlstein-Obergauer'."
Frau Muehlstein-Obergauer, meine
besonderere Freundin, ist in Urlaub. Ich
weiss das, weil sie kurz
vorher noch den Antrag auf Erstattung meiner
umfangreichen Spesen
in Las Vegas abgelehnt hat. Danach ist die feige Socke
einfach
abgedampft, und alle meine Eingaben werden seither nur mit
dem
Vermerk 'Sachbearbeiter auf Erholungsurlaub' beantwortet.
"Na, gut. Wenn Frau
Muehlstein-Obergauer das bestellt hat..."
Die ranghoechste
Reisekosten-Tante will die Lieferung quittieren.
"Moment
noch", sage ich. "Vorher muessen die Liefergebuehren an
ICP
bezahlt werden werden."
"Liefergebuehren?!"
Ich
deute wieder auf den fingierten Wisch.
"Da stehts: Lieferung
durch ICP zu Lasten des Bestellers. Das macht 267
Mark 78
inklusive MWSt"
Meine Forderung loest einige hektische
Aktivitaet aus. Ein subalterner
RKFHler wird sofort zur Amtskasse
geschickt. Mehrere rote, gruene und
gelbe Formulare muessen
ausgefuellt und von mir gegengezeichnet werden.
Aber nach einer
halben Stunde kann ich siegreich und um DM 267,78
reicher das Feld
raeumen.
Nachdem ich Kollege O. die Muetze
zurueckgebracht habe, schnitze ich
befriedigt eine neue tiefe
Kerbe in meine Tischkante.
Bastard Ass(i) from Hell 31
Ich sitze im Buero und stoebere
gelangweilt in der neuen Telefon-CD
herum. Frau Bezelmann ist
nicht eingetragen, wie ich gerade
festgestellt habe;
wahrscheinlich ist ihre Privatnummer supergeheim.
Nachdem ich die
ueblichen Bekannten und die ganze Verwandtschaft
abgeklappert
habe, beginne ich nach orginelleren Namen zu suchen. Es
ist kaum
zu glauben aber es gibt tatsaechlich (wenn man dem Postverlag
glauben
darf) zwei 'Rosa Flieder', eine 'Genevieve Bierdimpfl' und
einem
'Gerhard Moese'.Wahre Helden des Alltags!
'Adolf Hitler' finde ich zwar keinen,
aber dafuer immerhin drei Leute,
die immer noch diesen Namen
fuehren. Zu meinem Entzuecken entdecke
ich auch einen Herrn
'Stalin', allerdings nur einen. Ist der Rest seiner
Familie
ausgewandert?
Nehmen wir mal an, durch irgendeine Augenblickslaune
des Schicksals
(denn auf die in den oberen Etagen kann man sich
sowieso nicht
verlassen; voellig humorlose Celestokraten) trifft
Herr Stalin eines Tages
ein Fraeulein Hitler, und sie verlieben
sich ineinander. Bei der Hochzeit
kann man dann mit Fug und Recht
von einem neuen Hitler-Stalin-Pakt
sprechen.
Ist es nicht eigenartig, dass wir
haeufig von ganz beruehmten Namen
annehmen, dass diese
einzigartig, gewissermassen nur fuer diese
Beruehmtheit reserviert
sind? Wir sprechen ja dann auch von 'der
Bardot' oder sagen 'der
Hitler'. Wenn wir zufaellig erfahren, dass auch
die Gemuesefrau an
der Ecke ' Gisela Bardot' heisst, sind wir in
irgendeiner Weise
erstmal geschockt.
Ich tippe noch ein paar Namen ein.
Tatsaechlich: es gibt mehrere
'Monroes' und einen 'Klaus Gable' in
Deutschland. 'Lenin' und 'Mao'
finde ich nicht, dafuer gibt es die
'Preslys' auch bei uns und
'Honneckers' in Massen.
Das neue Telefon floetet, aber ich beachte es nicht.
Frau Bezelmann hat nach wochenlangen
Kampf mit der Institutsleitung
durchgesetzt, dass unsere
altgediente Telefonanlage (Orginal Siemens
Anno 1939 mit
Maschinengewehr-Sound) durch eine hypermoderne
ISDN-Anlage ersetzt
wird.
Was bei der Bestellung noch niemand (ausser Frau Bezelmann)
wusste:
die neue Anlage bietet ungeahnte Moeglichkeiten, vor allem
fuer den, der
in der Zentrale sitzt.
Die ueblichen Kinkerlitzchen wie
Direktdurchwahl,
Konferenzschaltung, Ansagetexte und frei
programmierbare
Pausenmelodien sind schon Schnee von gestern.
Interessant wird es
zum Beispiel bei der Voice-Mail. Nicht nur,
dass die Telefonanlage
Nachrichten fuer jede Nebenstelle, sprich
Mitarbeiter, speichern kann,
diese sind natuerlich auch von aussen
abrufbar. Und wenn ein
Mitarbeiter sich einmal weigern sollte,
seine Mailbox abzufragen? Dann
ruft die Telefonanlage automatisch
zu einem festgelegten Zeitpunkt die
Privatnummer des Mitarbeiters
an und gibt die Nachrichten durch.
Den Zeitpunkt legt Frau Bezelmann
hoechstpersoenlich fest. Beim Chef
ist es zum Beispiel so gegen
drei Uhr morgens. Seitdem ueberprueft
sogar der Chef regelmaessig
seine Voice-Mail.
Damit nicht genug. Zu den 'Features'
der neuen Anlage gehoert es auch,
dass man im Display erkennen
kann, wer da versucht anzurufen. Um
wirklich wichtige Gespraeche
trotzdem an den Mann zu bekommen,
kann Frau Bezelmann diese
Anzeigen allerdings manipulieren, bevor
sie ein Gespraech
weiterleitet. Kollege O., der dafuer bekannt ist, ab 12
Uhr keine
Telefongespraeche mehr anzunehmen, wuerde es niemals
wagen, ein
Gespraech seiner Goettergattin nicht abzuheben. Folglich
erhaelt
er in letzter Zeit immer haeufiger Anrufe unter dieser Nummer.
Natuerlich ist es auch laestig, wenn
Frau Bezelmann ein Gespraech nicht
durchstellen kann, weil sich
der jeweilige Mitarbeiter nicht in seinem
Zimmer befindet. Dafuer
gibt es die praktischen Chip-Namensschilder,
die der Telefonanlage
zu jeder Zeit mitteilen, wo sich der arme Traeger
desselben gerade
aufhaelt. Frau Bezelmann braucht nur seine Nummer
einzutippen, die
Anlage errechnet automatisch, welches Telefon dem
Mitarbeiter
gerade am naechsten ist und leitet das Gespraech dorthin
um.
Natuerlich muss der Chef ab jetzt so ein Ding immer mit sich
fuehren.
Und sollte er sich einmal auf einem
gewissen Oertchen befinden, an dem
der normale Buerger
normalerweise nicht erreichbar sein moechte, so hat
Frau Bezelmann
auch fuer diesen Fall Vorsorge getroffen: seit neuestem
haengen
links und rechts der Pissoirs an verchromten Ketten zwei
niedliche
kleine Funktelefone, im Design passend zur Farbe der
Fliesen.
Wenn alle Stricke reissen, kann Frau
Bezelmann auch noch eine
schriftliche Nachricht an das Telefon des
Mitarbeiters schicken. Diese
erscheint dann als durchlaufender
Text im Display des Telefons. Frau
Bezelmann verwendet dieses
letzte Mittel meistens nur, um besonders
hartnaeckigen
Telefonagnostikern (wie mir) auf die Spruenge zu helfen.
"Ich weiss genau, dass Sie da
sind", erscheint jetzt gerade im Display
meines floetenden
Telefons. "Wenn Sie nicht SOFORT abheben, ..."
Es folgen
mehrere gestaffelte Drohungen, vom Entzug der
Essensmarken bis hin
zur schriftlichen Beschwerde beim Chef.
Wenn man sich es genau ueberlegt, sind
wir von Star Trek gar nicht
mehr so weit entfernt, nicht wahr?
Gluecklicherweise wurde die Software
der Anlage von Dilettanten
programmiert, zumindest was die
Sicherheitsmassnahmen angeht. Es
war nicht besonders schwer, ein
paar Subroutinen so zu modifizieren,
dass die Anlage nach dem
Zufallssystem Nebenstellen anruft, wenn
Frau Bezelmann versucht,
an meine Nummer weiterzuverbinden.
Ausserdem haengt mein
Chip-Namensschild sicher verwahrt im Hoersaal
hinter der Tafel.
Und der Hoersaal ist der einzige Raum ohne
Telefonanschluss.
Bastard Ass(i) from Hell 32
Heute ist 'HH'-Day. Denn heute
erscheint gewoehnlich 'Hacker's Havoc',
die einzige
wissenschaftliche Zeitschrift, die ich gruendlich von vorne
bis
hinten durcharbeite. Eine ungemein anregende Lektuere!
Also gehe ich heute ausnahmsweise in
hoechsteigener Person zur
Poststelle, um nach dem Verbleib von
'Hacker's Havoc' zu fanden.
Der Glaskasten der Poststelle ist
leer; ebenso das Postfach fuer unseren
LEERStuhl. Ich will gerade
wieder verschwinden, als ich eine vergessene
Faxvorlage im
Auswurfschacht des Faxgeraets bemerke.
Es gibt immer noch Leute, die glauben,
ein Faxgeraet 'frisst' die Vorlage
komplett auf, zerlegt sie in
winzige Papierschnitzel und wandelt die
Papierschnitzel in
digitale Signale um, die bei der Empfangsstation wie
durch ein
Wunder wieder zusammengesetzt werden. Aus diesem Grunde
beobachtet
diese Sorte von Leuten mit hoechster Befriedigung, wie das
Faxgeraet
ihr Dokument 'frisst', dann schlendern sie gluecklich zurueck in
ihr
Buero und vergessen, dass ihre Faxvorlage auf der anderen
Seite gleich
wieder ausgespuckt wird.
Manchmal frage ich mich, wie diese
Sorte von Leuten ueberleben kann.
Ich kannte sogar mal eine
Studentin, die ihr Referat in einem
Hauptseminar damit begann,
dass sie ein Buch nahm und es mit der
geoeffneten Seite nach unten
auf den Overhead-Projektor legte. Die
Tatsache, dass die Leinwand
selbstverstaendlich dunkel blieb, kommentierte
sie mit dem
ueberraschten Ausruf:
"Aber das funktioniert ja gar nicht!"
Soviel technisches Unverstaendnis muss
bestraft werden. Also nehme ich
die vergessene Faxvorlage mit in
mein Buero und fahre die Schilde hoch.
Wie unschwer zu erkennen
ist, handelt es sich um den Auftrag fuer eine
Kontaktanzeige in
einer der groesseren Tageszeitungen. Selbstverstaendlich
mit
Chiffre, wie es sich gehoert. Man will ja nicht unbedingt das
Opfer
uebler Scherze werden, nicht wahr?
Absender ist ein Herr Alex Stoelzle.
Wie ich aus dem Web unschwer
erfahren kann, handelt es sich um
einen ziemlich jungen Spund, Dipl.-Ing.
der Informationstechnik
und frisch importiert von der Technischen
Universitaet Stuttgart.
Die Anzeige lautet:
'Charm. ER, 31, 182, 73, Brtr., schl.,
ungeb., gefuehlv., sens., rom.,
sportl., attr., NR, fin. unabh.,
su. liebev. SIE, 20-31, NR, bl.,
zw. gem. Freizeitgest., laeng.
Bez. erw., sp. Heir. moegl., Ki. ang.,
nur ernsth. Zuschr. u. Ch.
897453'
In seiner Beschreibung fehlt ganz
offensichtlich noch ein 'extr. spars.' fuer
'extrem sparsam'. Ob
es tatsaechlich weibliche Wesen gibt, die auf so eine
Anzeige
antworten? Wahrscheinlich schaut eine Antwort dann ungefaehr so
aus:
'L. ER!'
Attr. SIE, 28, 164, 65 + m,
5 J., dklh., zierl., s. sprtl., naturl.,
intell., gepfl.,
anschmgs., unkompl., liebesbed., viels. interess.,
m. pherom.
Ausstr., IQ 115, wuen. moegl. bald. Treff. m. DIR, hff.
auf bald.
Antw. unt. Ch. 654355'
Ich ueberlege einen Augenblick, ob ich
die Kontaktanzeige scannen und in
den News-Groups
alt.contacts.s/m.newcomer oder alt.sex.fetish.blonds
posten soll.
Aber das habe ich schon Dutzende Male gemacht - und es oedet
mich
an!
Ich setze mich an den Rechner und tippe
eine kurze, aber gefuehlvolle
Antwort an Chiffre 897453, in der
ich die vorgeschlagene zukuenftige
'Freizeitgest.' in zarten
Pastelltoenen ausmale. Dann schlage ich als
moegliches erstes
Treffen das Cafe 'Pink Roses' vor, naechsten Montag um
halb sechs.
Erkennungszeichen bei ihm: WalkMan auf dem Tisch,
Erkennungszeichen
bei ihr: schwarzer Rabe.
Dann fuege ich noch folgenden Absatz
hinzu:
'Lieber unbekannter ER, jetzt habe ich
noch eine grosse Bitte: mein
Therapeut meint, dass ich instinktiv
negative Gefuehle aufbaue, wenn mich
ein Unbekannter zuerst
anspricht. Daher bitte ich dich instaendig: bleib
solange stumm,
bis ich den Mut aufbringe, dich anzusprechen. Ich moechte
nicht,
dass unsere hoffnungsvolle Beziehung schon zu Beginn
...
blablabla...raspelraspelraspel...blablabla'
Dann beginne ich einen zweiten Brief,
adressiert an Frau Bezelmann, mit
dem Absender:
'Deutsche Arbeitsgemeinschaft der
Rabenvoegel-Halter e.V. (DARH),
Kienzlegasse 4, 76854 Koblenz'
Sehr verehrte Frau Bezelmann,
wie unser Verein erfahren hat, sind Sie
seit Jahren im Besitz eines
Rabenvogels, genauer gesagt eines
Kolkraben, corvus corax.
Den Kolkraben wird immer nachgesagt, dass
sie ausserordentlich intelligent
und in laengerer Gefangenschaft
sogar in der Lage seien, die menschliche
Sprache in gewissem
beschraenkten Umfang zu erlernen.
Unser Verein hat es sich u.a. zur
Aufgabe gemacht, diesen Geruechten
ueber den Kolkraben
nachzugehen. Da es leider nur sehr wenige Exemplare
gibt, die in
laengerer Gemeinschaft mit Menschen gelebt haben, moechten
wir Sie
herzlich bitten, sich mit einem Mitglied unseres Vereins,
Herrn
Dr.Stoelzle, einem anerkannten jungen Ornithologen zu
treffen. Unser
junger Kollege moechte gerne die linguistischen
Faehigkeiten Ihres
Kolkraben in natuerlicher Umgebung (also
keinesfalls im Labor!)
studieren. Er schlaegt vor, dass sie sich
in der entspannten
Atmosphaere eines Cafes, genauer gesagt dem
Cafe 'Pink Roses'
mit ihm treffen und Ihren Raben gleich
mitbringen. Wenn es Ihnen
recht ist, naechsten Montag um halb
sechs. Sie erkennen Herrn
Dr.Stoelzle an dem kleinen Bandgeraet,
das er vor sich
auf dem Tisch liegen hat.
Damit Ihr corvus corax moeglichst
unbeeinflusst bleibt, bittet
Herr Stoelzle Sie, anfangs moeglichst
gar nichts zu sprechen.
Denken Sie bitte daran, wenn Sie unsere
Einladung annehmen
(Getraenke und Verzehr gehen natuerlich zu
Lasten des Vereins).
Mit freundlichen Gruessen,
Annabel
Jolinger
(1. Vorstand)
Dann vermerke ich den Termin in meinem
xcal - damit ich auch bestimmt
puenktlich, komplett mit
Videokamera, zur Stelle bin, um die beiden
grossen Schweiger in
Aktion zu erleben.
Bastard Ass(i) from Hell 33
Es ist hoellisch frueh am Morgen,
praktisch noch Nacht, aber ich bin
schon in meinem Buero. Ein
schweres Los, das ich da zu tragen habe!
Vorsichtig hebe ich das
linke Augenlid und blinzele auf die Uhr in
meinem Display, auf dem
die Reste von 'Monkey Island' zu sehen
sind.
Sie zeigt halb elf
Uhr an. Na bitte! Sagt' ich's nicht?
Ich schliesse die Augen wieder und
taste mich vorsichtig durch den
Gang zur Kaffeemaschine. Den Weg
wuerde ich auch im Tiefschlaf
finden!
"Guten Morgen! Wir wuerden Sie mal
gerne fragen: Haben Sie sich
schon mal Gedanken ueber die Bibel
gemacht?"
Ich halte an und oeffne beide Augen zu
einem winzigen Spalt. Das harte
Neonlicht der Lampen in unserem
Flur maltraetiert meine armen
Netzhaeute.
Vor mir stehen zwei
Typen mit Anzug und Krawatte und grinsen mich
freundlich an. Beide
haben glaenzende Schuhe, eine schmale
Aktenmappe unter dem rechten
Arm, kurzgeschnittene Haare und das
typisch-daemliche
Wachturm-Zeugen-Jehovas-Missions-Grinsen auf der
Fratze.
Ich
fass' es nicht! Zu nachtschlafender Zeit! Am LEERstuhl!
Ich sage:
"Aeh... nein! Heute
noch nicht..."
"Na, das sollten Sie aber mal nachholen",
sagt der Aeltere, und der
Juengere grinst aufmunternd zu diesen
herzerwaermenden Worten.
"Wenn Sie wollen, koennen wir Ihnen
dabei behilflich sein. Sofort,
wenn Sie wollen. Wir haben viel
Zeit."
Ich nicke den beiden Halluzinationen
beruhigend zu und giesse mir erst
einmal einen Becher
Morgens-Nachmittags-und-Abends-Droge hinter
die Binde. Als ich die
Augen wieder aufmache, stehen die beiden
immer noch im Gang und
grinsen mich an. Teufel! Also doch keine
Halluzination!
"Ja... wie waer's, wenn wir in
mein Buero gehen", sage ich, und die
beiden ZJs strahlen.
In
Nullkommanix haben sie aus ihren Aktentaschen abgegriffene
Bibeln
mit hunderten von Merkern an der Seite herausgeholt. Der
Aeltere
faengt an und ich schalte beide Ohren auf Durchzug. Immerhin
schaut
es vom Gang her so aus, als ob ich mit schwierigen
Verhandlungen
befasst waere, und niemand wagt es, meine Morgenruhe
zu stoeren.
Niemand ausser Leo. Leo ist unser
neuester Mitarbeiter. Der geborene
Spezialist, Fachidiot,
Elfenbeinturmhocker, so ein richtiger
Bytewusler, fuer den die
Welt nur aus Rechnern, Nicht-Rechnern und
ein paar Quanteneffekten
am Rande besteht.
Der aeltere ZJ sagt gerade:
"... und
daher sind wir durch Gottes Wort gewarnt. HIER finden Sie
alles.
ALLES war schon einmal dagewesen. WIR sind vorbereitet.
Denken Sie
nur an Sodom und Gomorrha..." als Leo ohne anzuklopfen
in
mein Buero platzt. Er starrt mich durch seine dicken
Brillenglaeser,
Staerke minus 8, aufgeregt an und ruft:
"Mensch,
Leisch! Ich habs! Der back-getrackte Viterbi-Beam-Search
hat
retro-gradiente Tensorschwankungen in GOS verursacht.
DESHALB ist
die Fusionssimulation explodiert!"
Jetzt erst bemerkt Leo, dass ich nicht
allein bin.
"Die Herren sind von der Wachtturm-Gesellschaft",
stelle ich vor, und
die beiden ZJs grinsen wieder freundlich.
"Oh,
hallo", meint Leo und spaeht kurzsichtig durch die dicken
Linsen,
"Software oder Hardware?"
Das Grinsen der
beiden ZJs wird tendenziell fragend:
"Aeh... wie
meinen...?"
"Eher Software. Wir sprachen gerade ueber
Sodom und Gomorrha",
sage ich erlaeuternd.
Leo schaut
verstaendnislos:
"Das neue Micro-Code-Protokoll fuer den
assoziativen Mega-Cache?"
"Nein, nein", schaltet
sich der juengere ZJ ein, "Sodom und Gomorrha.
Sie wissen
doch: die Staedte, die wegen ihrer Suendhaftigkeit mit Feuer
und
Schwefel ausradiert wurden."
Leo schaut verdutzt:
"Wann
soll'n das gewesen sein? Da haett' ich doch was uebers
Internet
mitbekommen muessen..."
Die beiden ZJs starren
ihn an, als ob er geradewegs vom Himmel zu
uns ins Buero gestiegen
waere.
"Ja, haben Sie denn noch nie das erste Buch Mose
gelesen?" fragt der
Aeltere fassungslos mit zitternder
Stimme. Schweisstropfen haengen ihm
in den gestraeubten
Augenbrauen.
Leo's gefurchte Stirn hellt sich auf:
"Multiple
Operations Systems Environment. Klar, kenn' ich doch! Ist
aber ein
alter Hut. Heute benutzt doch jeder schon lange keine GOD-
Strukturen
mehr..."
Den beiden ZJs daemmert es, dass hier ein
ernsthaftes
Kommunikationsproblem vorliegen koennte. Wie kann man
jemanden
Angst vor dem juengsten Gericht einjagen, wenn er nicht
einmal die
einfachsten Grundbegriffe des Buchs der Buecher
kennt.
"Aber.. aber die Bibel haben Sie doch schon bestimmt
mal gelesen...
nein? Aber davon gehoert?" fragt der Aeltere
hoffnungsvoll.
"Hmm, ja", meint Leo nachdenklich. "Im
alten NextStep war immer
eine Datei 'Bibel.txt' mit dabei. Die
haben wir immer fuer die
Performance-Benchmark mit spell
verwendet..."
"Was??"
"Naja, wir haben die
Textdatei 'Bibel.txt' dem Speller vorgeworfen
und dann die Zeit
gemessen, bis er alle Fehler darin gefunden hat. Das
war 'ne ganz
gute Benchmark. Hat meistens so 45 Minuten
gedauert..."
Den
beiden ZJs treten die Augen aus den Hoehlen.
"Fehler? In der
Bibel?!"
"Massenhaft", bestaetigt Leo ernsthaft
nickend.
Die ZJs geben nicht auf. Zaeh sind sie
schon, das muss sogar ich
zugeben.
"Aber meinen Sie denn
nicht, dass Sie sich auch das angekuendigte Ende
vorbereiten
sollten? Wir koennten Ihnen doch zeigen, hier in der...
aeh...
Bibel..."
Leo schaut mich entsetzt an:
"Ende?
Wurde mein Kontrakt etwa nich' verlaengert?!"
Ich beruhige
ihn.
"Na, dann", meint Leo erleichtert, "Sie haben
mir vielleicht einen
Schrecken eingejagt... Da faellt mir ein, ich
muss noch den neuen
Scanner tunen..." und weg ist er.
"Aber
die... die Sintflut! Denken Sie doch mal an die Sintflut!"
bruellt
ihm der Juengere hinterher.
"Ja?" sage ich
ruhig, "was ist damit?"
Die beiden ZJs, etwas aus der
Fassung gebracht, aber noch nicht
geschlagen, konzentrieren sich
wieder auf mich.
"Aeh.. ja, die Sintflut oder Suendflut, 1.
Buch Moses 6 - 8, da sehen Sie
doch, was wir jederzeit wieder
gegenwaertig sein muessen, wenn wir
weiter so gottlos leben wie
bisher..."
Inzwischen ist es halb zwoelf, Zeit
fuers Mittagessen, und die Burschen
gehen mir allmaehlich auf den
Geist.
"Erstens", sage ich, "kommt 'Sintflut' nicht
von 'Suendflut', sondern
von 'Sinvluot', was auf althochdeutsch
einfach 'grosse Flut' bedeutet.
Zweitens sind inzwischen die
meisten Ihrer Mitmenschen begeisterte
Surfer, Taucher, Segler und
sonstige Wassersportler, die gegen ein
bisschen mehr Wasserflaeche
bestimmt nichts einzuwenden haetten. Also
was solls?
Drittens
weiss ich aus sicherer Quelle - ich habe naemlich
erstaunliche
Connections - dass in naechster Zeit ganz bestimmt
keine Sintflut auf
dem Programm steht.
Und viertens geh ich
jetzt zum Mittagessen. Aber vorher verrate ich
Ihnen noch etwas,
womit Sie Ihr naechstes Opfer beeindrucken koennen.
Schlagen Sie
mal die Offenbarung Johannes 8, 10-11 auf und lesen Sie
vor!"
Der Juengere gehorcht
tatsaechlich:
"'Und der dritte Engel blies seine Posaune; da
fiel ein grosser Stern vom
Himmel, der brannte wie eine Fackel und
fiel auf den dritten Teil der
Stroeme und auf die Quellen. Und der
Name des Sterns ist Wermut.
Und der dritte Teil des Wassers wurde
bitter, und viele Menschen
starben von dem Wasser, weil es so
bitter geworden war.'"
Die beiden ZJs starren mich
erwartungsvoll an.
"Wissen Sie was 'Wermut' auf russisch
heisst? Tschernobyl!" sage ich
und gehe hinunter in die
Cafete.
Bastard Ass(i) from Hell 34
Auf dem Gang kraechzt es heiser. Ein schlechtes Zeichen!
Wenn Frau Bezelmann ihren Raben Nero
mitschleppt, heisst das, dass sie
nicht nur mal eben fuer kleine
Maedchen geht. Es heisst, dass sie in
offizieller Mission
unterwegs ist, am Ende sogar im Auftrag des Chefs.
Offizielle
Mission - das riecht nach Aerger, oder schlimmer: nach Arbeit.
Im naechsten Moment steht sie auch
schon im Tuerrahmen. Typisch, dass sie
bei mir anfaengt! In der
linken Hand traegt sie einen Teller, DEN Teller.
Nero sitzt auf
ihrer linken Schulter festgekrallt und betrachtet mich
hoehnisch
aus seinen kleinen gelben Knopfaugen. Jedesmal, wenn mich
dieses
gerupfte Rabenvieh anstarrt, sehe ich in seinem Blick die
unendliche
Verachtung der gefluegelten Kreatur ueber uns
laecherliche Erdenwuermer.
Dann denke ich ganz schnell an meinen
rabensicheren Kuehlschrank zuhause,
damit ich keine Depressionen
bekomme.
Frau Bezelmann erlaeutert mit
zusammengepressten Lippen, dass sie fuer einen
Blumenstrauss
sammele; fuer den Kollegen J., der momentan im Krankenhaus
liegt.
Frau Bezelmann betont das Wort
'Blumenstrauss' ungefaehr wie
'thalasianisches Hoehlenstinktier'.
Frau Bezelmann hat fuer solche
laeppischen Sentimentalitaeten
nicht viel uebrig, genauer gesagt,
ueberhaupt gar nichts. Wenn es
wenigstens ein Kaktus, eine huebsche
Carnivore oder wenigstens
eine gescheite Distel gewesen waere!
Das Sekretariat ist
inzwischen voll davon; manche schnappen,
wenn man zu dicht dran
vorbeigeht.
Besonders beliebt bei den Mitarbeitern
ist auch der 'Post-Kaktus': Frau
Bezelmann pflegt die Post nicht
mehr in die Faecher zu verteilen, sondern
piekt sie auf einen
riesigen Saeulenkaktus in der Ecke des Sekretariats.
Je
unbeliebter man im Sekretariat ist, desto tiefer im Stachelgewirr
muss
man seine Post suchen. Fairerweise muss ich hinzufuegen, dass
Jodtinktur und
Verbandsmaterialer bereitliegen.
Frau Bezelmann haelt mir also DEN
Teller hin; ihre andere Hand haelt sie
hinter dem Ruecken
verborgen. Die herabgezogenen Mundwinkel irritieren
mich;
normalerweise ist das ein gefaehrliches Zeichen.
"Was haben Sie da eigentlich
hinter Ihrem Ruecken?" frage ich vorsichtig.
Ihre Mundwinkel
zucken ganz leicht. "Etwas, was die Spendenfreudigkeit
der
Mitarbeiter sichern soll", sagt sie bissig, und Nero
kraechzt
beifaellig.
Ich zahle anstandslos meinen Obulus -
schliesslich weiss ich vom
Herumstoebern in ihren Mails, dass Frau
Bezelmann seit neuestem Mitglied
im feministischen Schuetzenverein
'Pink Ladykillers' ist. Und im
Sekretariat lagen in letzter Zeit
oefters Waffenkataloge herum...
Wenig spaeter kracht es weiter hinten
im Korridor - offensichtlich hat
ein geiziger Mitarbeiter die
Zeichen falsch verstanden...
Kollege J. ist uebrigens nicht wegen
Blinddarm oder Tonsilektomie bei den
Profi-Quacksalbern. Oh nein!
Er erholt sich von einem fast tragisch
verlaufenen Lachkrampf!
Vorige Woche hatte der Chef den
Kollegen J. gebeten, ein Software-Paket
fuer Windows 95 auf seinem
Laptop zu installieren. Der Laptop des Chefs ist
der einzige
Rechner am LEERstuhl, der unter Windows 95 faehrt bzw.
vor sich
hin torkelt. Kollege J., von Natur aus gutmuetig und hilfsbereit,
ist
nach vier Tagen am Ende seiner geistigen Kraefte - und die
Software
laeuft immer noch nicht. Ausgerechnet zu diesem
kritischen Zeitpunkt taucht
ein Vertreter auf, der uns seine neuen
Industrie-PCs anpreisen will.
Frau Bezelmann schickt ihn ahnungslos
zum Kollegen J. (bei mir versucht
sie sowas schon gar nicht mehr;
ich lasse die Burschen gar nicht erst
in mein Buero!). Kollege J.
schaut sich das Vorfuehrmodell an, dass der
Vertreter
freundlicherweise gleich mitgebracht hat, und fragt, warum
das
Ding keinen Reset-Knopf habe. Daraufhin erlaeutert ihm der
Vertreter
treuherzig, dass inzwischen die meisten Anwender ja
Windows 95 verwendeten
und das sei ja sooo stabil, dass man ja
eigentlich auf den Reset-Knopf
verzichten koenne.
Kollege J. starrt den Mann einen
Augenblick lang fassungslos an und
dann - ROTFL. Ein geradezu
klassischer Fall!
(Falls jemand nicht wissen sollte, was
'ROTFL' bedeutet, soll er sich
erstens schaemen und zweitens ist
es die Abkuerzung fuer 'Rolling on the
floor laughing'.)
Als Kollege J. nach drei Stunden und 27
Minuten immer noch im Zustand
ROTFL ist und kaum noch Luft
bekommt, ruft Frau Bezelmann den Notarzt.
Noch bevor dieser
eintrifft, kommt mir die rettende Idee, dem Patienten
die
Installationsanleitung von Win95 laut vorzulesen. Schon nach
dem
ersten Absatz geht Kollege J.s lebensbedrohlicher Lachkrampf
in einem
ebenso lebensbedrohlichen Weinkrampf mit suizidalen
Tendenzen ueber.
Bevor er jedoch die naechste Steckdose erreichen
und sich selbst
defibrillieren kann, kommen zum Glueck die
Sanitaeter (Sanitoeter?) und
nehmen ihn hops.
Inzwischen hoeren wir, dass Kollege J.
auf dem Wege der Besserung ist.
Es kam noch einmal zu einem
schweren Rueckfall, als die Schwester in der
Aufnahmestation J.s
Personalien mit einem Win95-PC erfassen wollte, der
keinen
Reset-Knopf hatte. Aber inzwischen geht es ihm wieder blendend.
Er liest viel; vor allem ueber UNIX und veraltete VMS-Manuals...
Bastard Ass(i) from Hell 35
Mein Telefon schmachtet mich an:
"Nimm'
mich! Nimm' mich!"
Das traditionelle Telefonklingeln kommt
ja sowieso immer
mehr aus der Mode, aber dem ueblichen
billigen
Synthesizer-Geduedel kann ich nun gar nichts
abgewinnen.
Deshalb habe ich mein Telefon mit einem Voice-Chip
versehen
und auf Mariannes Stimme programmiert - im
Schlafimmer-
Modus, versteht sich!
"Nimm' mich! Nimm'
mich! Nimm' mich!"
Ich sehe am Display, dass sich um ein
internes Gespraech
handelt, also schalte ich das neue Video
('Terminator
(18)') auf Pause und hebe ab. Es ist Frau Bezelmann.
"Ein Hoerr Oberstoeoetsroet
Pickert vom oesterreichischen
Verkehrsministerium moechte Hoerrn
Doktoer Leisch sprechen!"
Frau Bezelmann haelt nichts von
akademischen Titeln; daher
die affektierte Betonung. Eine solche
Haltung trifft bei
allerdings den Oesterreichern auf keinerlei
Verstaendnis. Ich
schaue auf die Uhr in meinem Display und schalte
den Video
ganz ab. Noch nicht mal halb zwoelf Uhr und schon
wieder
Stress!
Herr Oberstaatsrat Pickert begruesst
mich mit wienerischer
Jovialitaet, eben so richtig von maechtigem
Oberstaatsrat zu
popeligem Doktor, nicht wahr?
Nach einigen
einleitenden Begruessungsfloskeln kommt er
schnurstracks zum Kern
seines Anrufs:
"Ihr... aeh... Institut hat doch in unserem
Auftrag die
Entwicklung der OestAuVig uebernommen..."
Ich bestaetige freundlich, daß
dem so sei. Der Chef hatte
ueber irgendwelche Spezeln im Wiener
Innenministerium diesen
kleinen Auftrag an Land gezogen und mir
aufs Auge gedrueckt:
'Entwurf und Herstellung der
oesterreichischen
Autobahn-Vignette', kurz OestAuVig.
"Ja, also", faehrt der
oesterreichische Oberstaatsrat
kritisch fort, "wir haben ja
jetzt die ersten Muster von
Ihnen bekommen, und ich haette da
noch...
hm... ein paar Fragen...
Warum gibt es eigentlich nur
ein Pickerl fuer zehn Tage und
dann gleich eins fuer zwei Monate?
Waere ein Monat nicht
sinnvoller gewesen?"
"Vielleicht",
antworte ich. "Nach unserer
Computersimulation sind aber zehn
Tage und zwei Monate die
absolut unguenstigsten Zeitspannen fuer
ihre Urlauber."
"Aber..."
"Denn einerseits
macht heutzutage niemand mehr nur eine
Woche Ferien, andererseits
haelt es auch niemand zwei Monate
in Oesterreich aus. Sie werden
also massenweise die
2-Monats-Vignetten verkaufen und machen einen
huebschen
Gewinn, ohne dass die Leute die zwei Monate
wirklich
ausnutzen koennen."
Das leuchtet den Oberstaatsrat
natuerlich ein.
"Aha. Nun gut. Aber was die Pickerl selber
angeht... aehm...
in der Spezifikation steht...
Moment...
'Trapezfoermig, mit dem oesterreichischen Bundesadler
als
dominante Graphik (in Silber gehalten) in der Mitte...'
Also,
irgendwie sieht mir die Graphik nicht aus wie der
oesterreichische
Bundesadler..."
"Finden Sie wirklich?"
Ich hole
das Photo aus dem Ordner und betrachte es
kritisch. Frau Bezelmann
hat im letzten Fasching ihren
Raben Nero mit silbernem Haarspray
'verkleidet'. Zum Glueck
konnte ich ein Photo auftreiben.
"Also,
es ist zweifellos ein grosser Vogel mit Schnabel und
ausgebreiteten
Schwingen; er ist ganz in Silber und ich
finde, er schaut sehr
oesterreichisch aus. Vielleicht koennte
man offiziell
verlautbaren, es handele sich um den
oesterreichischen Bundesadler
in Art Deco."
"Na schoen", meint der
Oberstaatsrat, unsicher geworden.
"Lassen wir die Aesthetik
mal beiseite. Aber es gibt noch
ein viel dringenderes Problem: wir
haben eins Ihrer Muster
mal hier in meinem Buero an die Scheibe
geklebt.
Und jetzt geht das Ding nicht mehr weg! Auch nicht mit
dem
Glasschaber!
Der Fensterputzer hat bei dem Versuch, es zu
entfernen,
sogar die Scheibe zerbrochen..."
Ich blaettere
in den Spezifikationen:
"Hmm... Abschnitt 4, Punkt 3, zweiter
Absatz... haben Sie
das auch vorliegen? Gut. Da heisst es
naemlich:
'Die Vignette ist so zu gestalten, dass
ein
zerstoerungsfreies Abloesen unmoeglich gemacht wird usw.'
Ich
wuerde sagen, wir haben uns ziemlich genau an
die
Spezifikation gehalten..."
Der Herr Oberstaatsrat sieht das zwar
anders, muss aber
zugeben, dass nirgendswo spezifiziert wurde, WAS
beim
Abloesen 'zerstoert' werden soll.
"Sie haben ja keine
Ahnung, was da an
Schadensersatzanspruechen auf uns zu kommt!",
klagt er.
Ich versuche ihn zu troesten:
"Was kann da schon
passieren: ein Jahr hat 365 Tage. Also
kann man im Extremfall 36
Vignetten pro Jahr auf die
Windschutzscheibe kleben. Da bleibt
immer noch genug Platz
zum Durchschauen..."
"Aber..."
"Oder
empfehlen Sie den Leuten doch einfach, sie sollen das
Ding von
aussen auf die Windschutzscheibe kleben. Nach den
Ergebnissen
unserer Bewitterungsversuche im
Materialpruefungsamt loest sich
die Vignette nach 400 Stunden
Bewitterung mit oesterreichischen
Wetter sowieso von allein
ab."
"Was!?"
"So
steht's in unserem Zwischenbericht. Seite 345 oder 435
oder
so.
Interessanterweise loest sich der Bundesadler erst ganz
zum
Schluss..."
"Aber... aber... wenn man das Pickerl
von aussen aufklebt,
kann man doch gar nicht mehr ablesen; dann
sieht man doch
nur noch die Rueckseite!"
Aha! Ein Logiker,
der Herr Oberstaatsrat!
"Spielt das eine Rolle?" kontere
ich. "Im Projektlaufplan
OestAuVig sind keinerlei Gelder fuer
die Kontrolle
vorgesehen. Es wurden naemlich nur Gelder fuer
Entwurf,
Produktion und Marketing genehmigt..."
Der
oesterreichische Ober-Pickerl schnappt nach Luft.
"Aber... Das ist streng geheim!
Das duerfen Sie gar nicht
wissen! Das wird Konsequenzen haben!"
ereifert sich
Oesterreich.
"Nanana! So geheim auch wieder
nicht!" sage ich.
"Genausowenig wie der wahre Grund,
warum der Auftrag ans
Ausland vergeben wurde und nicht von einer
oesterreichischen
Firma bearbeitet wird..."
Im Apparat ist fuer 5 Sekunden
Funkstille. Ich warte
gespannt.
"Das... das... wissen Sie AUCH?!"
stottert kommt es
schliesslich fassungslos durch die Leitung.
BINGO! Ich haette ja wetten koennen,
dass da noch mehr
dahintersteckt!
"Na logo", gebe ich zurueck.
"Aber machen Sie sich keine
Sorgen. Solange Sie die kleinen
Lapalien vergessen koennen,
ueber die wir so nett geplaudert
haben, und die
Projektgelder weiter ungehindert fliessen, sind
diese
unbedeutenden Hintergrundinformationen bei mir so sicher
wie
in einem Schliessfach der oesterreichischen Bundesbank."
Herr Oberstaatsrat Pickert schluckt
hoerbar, ist aber mit
allem einverstanden.
Spaeter, als ich in den Zeitungen nach
Prospekten fuer eine
verbesserte Video-Projektions-Anlage (=
OestAuVig-Gelder)
krame, stosse ich auf eine kurze
Notiz:
'Oesterreichische Bundesbank beraubt. Taeter
entwenden
saemtliche Wertsachen aus Schliessfaechern in Wien.'
Ich schaetze, Oberstaatsrat Pickert
wird das nicht lustig
finden.
Bastard Ass(i) from Hell 36
Der Chef meint, ich muesse etwas fuer
meine Hochschul-Karriere tun,
und hat mich zu einem Hauptseminar
verdonnert.
"Ich... aeh... ich weiss doch,
aeh... Leisch, dass... nun ja, dass Sie der
geborene
Hochschullehrer sind... hrrm... ja, und... aeh... dass
die...
die...
Dings, na! die Studenten von Ihrer... aeh...
Einfuehrungs-
Veranstaltung... aeh... ja, ganz begeistert sind..."
Nach meiner letzten
Einfuehrungs-Vorlesung hatten sechs Studenten
sich freiwillig
einer Therapie unterzogen. Wenn man bedenkt, dass nur
sieben es
ueberhaupt gewagt hatten zu erscheinen, keine schlechte
Quote.
Als ich den Chef frage, ueber welches
Thema ich ein Hauptseminar
veranstalten solle, meint er, ich solle
mir was Interessantes einfallen
lassen.
Die Wahl eines geeigneten Themas kann
fuer den Erfolg einer
LEERveranstaltung entscheidend sein - soviel
habe ich schon gelernt.
Um mir also allzuviel Stress zu ersparen,
kuendige ich mein
Hauptseminar wie folgt an:
"Performanz-Simulation von
API-Switch-Kopplern mit Hilfe 7-
dimensionaler nicht-linearer
Tensor-Mathematik bei modulierter
Heissenbergscher
Tunnel-Exuberation (mit praktischen Uebungen)"
Trotzdem erscheinen drei (maennliche)
Studenten zur Vorbesprechung.
"Tres facit collegium",
laechele ich grimmig und skizziere den dreien ein
Semesterprogramm,
dass die sauerstoffarmen Streberjuengelchen noch
um fuenf Grade
blasser werden. Beim naechsten Termin erscheint nur
noch einer.
Erleichtert kann ich die Veranstaltung wegen 'Mangels an
Beteiligung'
fuer dieses Semester absagen.
Bei der Einfuehrungsveranstaltung, da
Pflicht fuer alle Drittsemester,
liegt der Fall nicht so einfach.
Aber der Chef hat nicht ganz unrecht: ich
finde daran sogar so
etwas wie Gefallen (obwohl es natuerlich mit
anstrengender Arbeit
verbunden ist!).
Gleich in der ersten Stunde frage ich,
wer von den Anwesenden im
letzten Semester durchgefallen ist, also
diesmal die letzte Chance hat,
das Vordiplom noch zu bestehen. Die
Namen derer, die so dumm sind,
die Hand zu heben, merke ich mir
speziell fuer die Abschlusspruefung
vor.
Dann lasse ich eine Liste herumgehen,
wo die Studenten ihre email-
Adressen eintragen sollen, damit sie
von mir Unterrichtsmaterial
beziehen koennen. Schliesslich sind
wir ein sehr fortschrittlicher
LEERstuhl.
Ausserdem macht es
mehr Spass, User-Mail zu lesen, wenn man das
dazugehoerige Gesicht
kennt.
Danach beginne ich ohne weitere
Verzoegerung mit dem umfangreichen
Stoff. Ich verwende in dieser
Vorlesung meine bewaehrte 'Wechselbad-
Didaktik': in den ersten
Stunden heize ich den StudentInnen (da wars
wieder!) so ein, dass
spaeter niemand sagen kann, ich haette sie nicht
gefordert. Den
Rest des Semesters verbringe ich mit
laeppisch-seichten
Zahlen-Spielereien, um dann in der
Abschlusspruefung wieder voll
zuzuschlagen.
Die Tatsache, dass
noch niemand die Note 'Sehr gut' erzielt hat, seitdem
ich diese
Veranstaltung uebernommen habe, beweist den
durchschlagenden
Erfolg meiner Methode.
Die Zeit schreitet voran und schon nach
der ersten akademischen
Stunde habe ich die gesamte
Schulmathematik als 'banale Trivialitaeten'
an die Tafel geworfen
und so schnell wieder abgewischt, dass niemand
die Chance hatte,
es mitzuschreiben. Der Angstschweiss steht meinen
Hoerern schon
auf der Stirne, als ich locker sage:
"Soviel zu den
mathematischen Grundlagen, die Sie ja sicher schon
beherrschen.
Der Vollstaendigkeit halber wiederhole ich in den
verbleibenden 40
Minuten noch kurz die Grundlagen der
Quantenmechanik, die wir
unbedingt brauchen werden."
Zur Abwechslung verwende ich jetzt den
Overhead-Projektor, dessen
Fresnell-Linse ich so mit Domestos
veraetzt habe, dass auf der Leinwand
kaum noch etwas zu erkennen
ist. Ausserdem ziehe ich die mit Formeln
vollgepackten blassen
Folien so schnell durch, dass selbst ein
Weltmeister im
Schnell-Lesen ernsthafte Schwierigkeiten haette.
Ein Student wagt es, eine absolut
triviale Frage zu stellen. Ich ermahne
ihn nachsichtig, seine
Fragen fuer die wirklichen Probleme aufzusparen.
Als ich die
Veranstaltung beende, sind sich 95 % der Anwesenden -
mich selbst
eingerechnet - relativ sicher, das falsche Studienfach
gewaehlt zu
haben.
Eine besonders hartnaeckige Studentin
tritt mir in den Weg, als ich mich
endlich in die Cafete absetzen
will.
Das mit der asymmetrischen Tensormatrix habe sie nicht
ganz
verstanden. Wieso brauche man dazu einen Lagrange-Operator?
"Ganz einfach", sage ich,
"der Lagrange-Operator erleichtert die
partielle Ableitung
der Eigenwert-Matrix nach den rotierten Laplace-
Koeffizienten.
Sie koennen das alles im 'Kloeber/Meindl' nachlesen, im
Kapitel
ueber rotierte Laplace-Koeffizienten."
Sie bedankt sich
beeindruckt und verspricht, dass sie das sicher tun
werde.
Auf dem Weg in die Cafete ueberlege ich
fluechtig, wie lange sie wohl
braucht um festzustellen, dass ein
Buch dieser Autoren gar nicht
existiert.
Genausowenig wie ein 'rotierter Laplace-Koeffizient'.
Auf alle moeglichen Fragen eine Antwort
wissen - das ist es, was einen
guten Hochschullehrer ausmacht!
Bastard Ass(i) from Hell 37
Kollege O. ist dienstlich auf den
Komoren - und ich 'darf' ihn im
'Praktikum fuer
applikationsorientierte Programmierung', kurz PRAPPRO,
vertreten.
Ich mache gute Miene zum boesen Spiel
und marschiere am Dienstag
morgen zu nachtschlafender Zeit
hinueber in den CIP-Pool, wo bereits
zwanzig Studenten
(tatsaechlich nur maennliche!) im PRAPPRO meiner
LEERweisheit
harren.
"Meine Herren", sage ich,
"heute vergessen Sie mal alle Theorie und
bemuehen Ihren
gesunden Menschenverstand."
Man grinst unsicher und schielt in die
Unterlagen, ob der Punkt
'Gesunder Menschenverstand' ueberhaupt im
Vorlesungsprogramm steht.
Ich schalte den LEERmonitor aus, gehe
nach vorne und male drei
geschlossene Tueren nebeneinander auf die
Tafel.
"Hier sehen Sie drei geschlossene
Tueren. Hinter einer befindet Hella von
Sinnen, hinter einer
zweiten Helga Feddersen und hinter der dritten -
Michelle
Pfeiffer. Sie wissen aber nicht, welche Dame hinter welcher
Tuere
steht - ich dagegen schon. Ihre Aufgabe besteht nun darin,
eine der Tueren'
zu oeffnen und mit der dahinter befindlichen
Dame... hmm... einen Abend
zu verbringen. Wen wuerden Sie
natuerlich am liebsten finden?"
Ich deute auf einen pubertaer grinsende
Juengling in der ersten Reihe.
"Aeh... Michelle
Pfeiffer?"
"Richtig! Und wie sind Ihre Chancen?"
Ich deute auf seinen Nachbarn.
"Ein Drittel."
"Korrekt.
Also etwa 33 zu 66. Jetzt aendern wir die Spielregeln etwas:
Sie
entscheiden sich zunaechst wie vorher fuer eine der drei
Tueren, OEFFNEN
SIE ABER NOCH NICHT!
Dann oeffne ICH eine der
beiden uebrigen Tueren und zeige Ihnen, dass sich
Michelle
Pfeiffer dahinter NICHT befindet.
Jetzt haben Sie noch einmal die
Wahl, ob Sie bei Ihrer ersten Entscheidung
bleiben oder sich fuer
die dritte, noch geschlossene Tuer entscheiden. Bringt
diese
Moeglichkeit zur Umentscheidung irgendeinen Vorteil fuer
Sie?"
Zoegerndes Kopfschuetteln.
"Es ist also egal, ob Sie sich
umentscheiden oder ob Sie bei Ihrer ersten
Entscheidung bleiben?"
frage ich.
Ein Student hebt die Hand.
"Es
ist ganz egal", sagt er selbstsicher. "Denn wir wissen ja
jetzt sicher,
dass hinter den verbleibenden beiden Tueren Michelle
Pfeiffer und eine...
von den anderen steht. Folglich ist es egal,
ob ich mich umentscheide oder
nicht. Die Chancen fuer einen
Treffer bei der zweiten Entscheidung stehen
50 zu 50."
"Ist das auch die Meinung der
anderen?" frage ich in die Runde.
Allgemeines Koepfenicken.
"Gut", sage ich. "ICH
behaupte jetzt, dass es durchaus einen Unterschied
macht. Und zwar
behaupte ich, dass Sie bessere Chancen haben, bei
Michelle
Pfeiffer zu landen, wenn Sie sich IMMER umentscheiden."
Das
Studentenvolk glotzt unglaeubig.
"Wenn Sie mir nicht glauben, biete
ich eine kleine Wette an: Ich setzte
jeweils fuenf Mark pro
Mitspieler auf meine Theorie, und Sie - wenn Sie
mitspielen wollen
- setzen jeder fuenf Mark auf Ihre Theorie. Nachdem
wir
herausgefunden haben, wer Recht hat, wird der Jackpot auf die
Gewinner
verteilt."
Unglaeubiges Grinsen; die Studenten
gucken sich verbluefft an.
Von wegen 'applikationsorientierte
Programmierung'! Diese Frischlinge
haben noch keinen Dunst vom
wirklichen Leben da draussen!
Ich werde dafuer sorgen, dass sie
zumindest diese Lektion nicht so leicht
vergessen!
Der Naseweis von vorhin meldet sich
wieder.
"Und wie finden wir heraus, welche Theorie die
richtige ist?" will er
wissen. "Sie sind hier in einem
Programmierpraktikum fuer
'applikationsorientierte
Programmierung'", antworte ich sueffisant laechelnd,
"ist
Ihnen das schon aufgefallen? Na, also! Dann programmieren Sie
jetzt
eine Simulation beider Theorien und lassen ein paar
zigtausend Experimente
durchlaufen. Dann werden wir ja sehen, wer
recht hat..."
Neunzehn von zweiundzwanzig setzen
fuenf Mark auf die 'fifty/fifty'-
Theorie. Die restlichen drei
Spielverderber merke ich mir fuer die
Zwischenpruefung vor!
Dann lasse ich die Burschen loshacken.
Ich sacke inzwischen das Geld ein
und gehe hinueber zum 'Compu
4000', wo ich den neuesten Data-Glove
erstehe.
Als ich nach eineinhalb Stunden
zurueckkomme, sehe ich ringsherum lange
Gesichter. Bis auf einen
Schmalspur-Programmierer, der einen Bug in
seiner Zufallsroutine
hatte, haben alle Ergebnisse herausbekommen, die
meine Theorie
bestaetigen.
"Sie sehen also, meine Herren", fasse ich
zusammen, "den gesunden
Menschenverstand benutzen, heisst in
erster Linie, ihm nicht zu trauen. Im
Zweifelsfalle lieber ERST
simulieren, DANN denken!
GROSSES BAfH-WINTERQUIZ
Auf welche Chancen, bei Michelle
Pfeiffer zu landen, kommt der BAfH
mit seiner Strategie? (Mit
Begruendung!)
Wer die erste richtige Antwort
einsendet, bekommt ein kostenloses
Exemplar des neuen Buchs
'ONLINE' zugeschickt, in welchem erstmals
die Geschichten des BAfH
veroeffentlicht wurden (Ladenpreis DM 12.90).
Wer KEINE oder eine FALSCHE Antwort
einsendet, wird dazu
verdonnert, sich gefaelligst selbst ein
Exemplar zu kaufen (schliesslich muss
ich an meine Tantiemen
denken, haehaehaehae!)!
LETZTE ANMERKUNG DER REDAKTION
Der vorliegende Text wurde von einem
Mann unter ausschliesslicher
Benutzung von Maennern geschrieben
und traegt daher deutlich
chauvinistische Tendenzen!
Ueberzeugten
EmanzipistInnen empfiehlt die Redaktion, VOR DER
LEKTUeRE
folgenden Befehl auszufuehren:
% cat bafh_37 | sed 's/Michelle
Pfeiffer/David Hasselhoff/' | \
> sed 's/Helga Feddersen/Ignaz
Kiechle/' | \
> sed 's/Hella von Sinnen/Peter Gauweiler/' >
bafh_37.emanz
ALLERLETZTE ANMERKUNG DES POSTMASTERS
Es versteht sich von selbst, dass bei
diesem Preisausschreiben nur treue
Abonnenten beruecksichtigt
werden koennen. D.h. fuer alle diejenigen, die
immer noch nicht
auf der 'Bastard Mailing List' stehen und trotzdem
mitmachen
wollen, gilt:
ERST SUBSCRIBEN, DANN LOESUNG EINSCHICKEN!
Bastard Ass(i) from Hell 38
Ich sitze in meinem Buero und beobachte
zaehneknirschend, wie sich der
Minutenzeiger auf die volle Stunde
zu bewegt. Elf Uhr: Zeit fuer die
Studienberatung. Widerstrebend
lege ich den Hoerer auf die Gabel zurueck.
Eigentlich haette das nicht passieren
duerfen. Die anderen haben mich
glatt ueberrumpelt. Letzte Woche
beim Kaffeetrinken sagt der Kollege O.
ploetzlich mit einem
Seitenblick auf mich: "Wir muessen ja noch auswuerfeln,
wer
dieses Semester die Studienberatung macht."
Und bevor ich noch Piep sagen,
geschweige denn die Spezialwuerfel aus
meinem Buero holen kann,
hat er schon ein paar Wuerfel herausgezogen.
Eine Zwei und eine
Drei! Schon im ersten Durchgang glatt verloren. Die
haemischen
Gesichter, das schadenfrohe Grinsen, Frau Bezelmanns
herabgezogene
Mundwinkel! So was darf einem BAFH nicht passieren!
Wo bleibt mein
schlechter Ruf?
Waere ich Klingone, wuerde ich jetzt
sagen, ich waere entehrt und der Name
meiner Familie in den
Schmutz gezogen. Und dann wuerde ich mich im
schalltoten Raum
einsperren und mit dem Schmerzstock geisseln.
Zum Glueck bin ich
pragmatischer veranlagt. Zunaechst lasse ich meinen
speziellen
Spell-Checker ueber saemtliche Textdateien des Kollegen O.
laufen.
Waehrend ich noch beobachte, wie unzaehlige Kommata ihren
Platz
tauschen, klingelt das Telefon.
"Hallo", sage ich. "Ist
dort die Studienberatung fuer das Fach ?"
fragt eine
schuechterne Stimme. Ich bestaetige, dass dem so sei, und
fuege
mit der freien Hand noch ein paar
Dutzend 'vor allem' in O.s Texte
ein.
"Aehm... also... aeh... es ist so,
dass... ich... ich dachte, dass... aehm...
also ich weiss gar
nicht, wie ich... jedenfalls wollte ich mich
eigentlich
erkundigen... aehm..."
Dieser Job oedet mich an!
Um die Sache abzukuerzen, sage ich:
"Sie haben gerade Ihr Abitur
bestanden und moechten jetzt
studieren, wissen aber nicht was.
Unser Fach klingt toll, aber Sie
wissen ueberhaupt nichts darueber.
Also machen Sie sich Sorgen, ob
es die richtige Entscheidung ist,
die Sie jetzt treffen muessen,
von wegen Berufsaussichten und so. Und
dann wissen Sie ja nicht,
was in so einem Studium so alles verlangt
wird, und ob Sie das
ueberhaupt schaffen koennen, und ob es Spass macht.
Ausserdem sind
Sie 18 Jahre alt, haben braune Haare und schwaermen fuer
Pferde.
Und am liebsten haetten Sie es, wenn Ihnen jemand diese
Entscheidung
abnehmen wuerde, wie es Ihre Eltern bisher immer
getan haben."
Ich hoere, wie am anderen Ende der Leitung jemand nach Luft schnappt.
"Woher wissen Sie das alles?! Sind
Sie Hellseher?" keucht sie.
"Ich mache den Job schon
laenger", erklaere ich und pflanze ein paar der
neuesten
bulgarischen Viren an strategische Stellen in O.s Account.
"Aber... aber mein Alter, meine
Haarfarbe...". Soll ich ihr jetzt auch
noch erklaeren, was
angewandte Statistik ist? Das Ganze dauert schon viel
zu lange!
"Wollen Sie nun eine Antwort oder nicht?" sage
ich.
"Wwwwworauf??" - "Ob Sie unser Fach studieren
sollen oder nicht", erklaere
ich seufzend. "Aehm... ok."
"Lassen Sie's", sage ich und lege auf.
Ich hasse diesen Job! Kollege O. wird
seine Textdateien nicht
wiedererkennen! Sicherheitshalber fahre
ich einen zusaetzlichen Backup-
Zyklus ueber seinen Account, damit
die Aenderungen auch auf den Baendern zu
finden sind.
Es klopft. Ein junger schlaksiger Mann
mit erstaunlich weit abstehenden
Ohren und schmalzigem Haar
betritt bewaffnet mit einer Schulmappe mein
Buero. Er sei im
ersten Semester und moechte sich gerne beraten lassen.
Ich frage
geduldig, worum es sich handele. "Nun, ja", sagt er
unsicher,
"ich verstehe nicht ganz, was ich alles als
Voraussetzung zur
Diplomvorpruefung haben muss."
Oh Hoelle!
"Aha", sage ich und deute
einladend auf den Besuchersessel, "ueberhaupt
kein Problem.
Haben Sie was zum Schreiben mit? Gut, also
als
Zulassungsvoraussetzung zur ersten Diplomvorpruefung (ZVDVPI)
brauchen
Sie zunaechst einmal natuerlich den grossen
Hauptfachschein A1 und drei
Nebenfachscheine der Klasse B, wobei
Sie beachten muessen, dass jeder von
den letzteren mindesten
dreieinhalb Semesterwochenstunden abdecken muss.
Alternativ
koennen Sie auch eine Studienarbeit von mindestens zwei
Monaten,
aber nur von sogenannten fachrelevanten Faechern einbringen;
das
erspart Ihnen einen B5 Schein, aber nur B5, klar?
Die Voraussetzung fuer die Anerkennung
der Studienarbeit sind allerdings
entweder fuenf bestandene, d.h.
mit mindestens Note 4.0 benotete
Hausarbeiten im Hauptfachschein,
aber nicht in borelanischer
Fluidmechanik, oder die Teilnahme am
BOD-Praktikum, wobei Sie nur die
erste Haelfte erfolgreich
absolviert haben muessen. Desweiteren brauchen
Sie als ZVDVPI die
erfolgreiche Abnahme in einem Klasse V Praktikum -
das ist
entweder den grossen Verwaltungs-Management- Schein (VMS) oder
das
Praktikum der Programmierung, Teil 1 (PDP11) - oder sie bringen
zwei
Jahre Berufserfahrung aus einen frueheren Leben - Verzeihung,
ich
meine natuerlich - Studium ein. Letzteres muss aber vom FB,
vom
Fachbereichsrat, auf gesonderten Antrag genehmigt worden
sein.
Sie koennen sich bei einer etwaigen Ablehnung aber auch
direkt an...
Stimmt was nicht?"
"Ich... ich glaube, ich schaue mir
das nochmal in Ruhe im
Vorlesungsverzeichnis an", stottert
das Buerschlein.
Warte, so leicht kommst du mir nicht
davon! Ich druecke ihn sanft aber
entschieden auf den Stuhl
zurueck und fahre fort: "Da steht aber bei
weitem nicht alles
drin, was Sie wissen muessen! Passen Sie auf: statt
dem vorhin
erwaehnten BOD-Praktikum koennen Sie sich auch einem
BOD-Eignungstest
unterziehen, nach dessen Bestehen Ihnen das
Praktikum erlassen
wird. Anstelle des vorgeschriebenen KI-Scheins ist es
auch
moeglich, drei extra B3-Klassen-Scheine zu machen, sogar an
anderen
Hochschulen in Muenchen, wenn Sie den Schriftfuehrer
des
Vordiplompruefungsausschusses, kurz SdVDPA, ueberzeugen
koennen, dass Sie
ein Haertefall der Stufe drei sind. Um als
Haertefall anerkannt zu werden,
genuegt ein einfaches, formloses
Schreiben an das KuMi, zu deutsch
Kultusministerium, und zwar an
den Sachbearbeiter Groetzenweiler.
Groetzenweiler, auch Groewei
genannt, ist seit Jahren bekannt dafuer, dass
er die zugrunde
liegenden Fakten in den an ihn gerichteten Gesuchen nicht
nachprueft.
Schreiben Sie also getrost, dass Sie seit zwei Jahren debil
sind;
das genuegt normalerweise fuer einen Haertefall der Stufe drei.
Andererseits koennte es fuer Sie auch
von Vorteil sein, wenn Sie die SSL
(Sonder-Studium-Laufbahn)
einschlagen wollen. Aber fuer eine SSL brauchen
Sie mindesten
einen Monat Vorlaufzeit, weil die Sekretaerin im Dekanat
diese
Antraege ganz unten einordnet (sie verwechselt SSL immer
mit
'sichtbarer Slip-Linie'). Ein dezenter Blumenstrauss kann da
Wunder
wirken, wenn Sie es geschickt anstellen. Das alles muessen
Sie unbedingt
im Hinterkopf behalten, wenn Sie Ihr erstes
PC-Gespraech haben. Wer ist
eigentlich Ihr PC?"
"Wwwwas?"
"Ihr 'Persoenlicher
Coordinationstutor' natuerlich."
"Ich... ich weiss
nicht... ich glaube, ich habe gar keinen..."
Ich ziehe die
Augenbrauen hinauf, soweit ich kann. "Kein PC-Gespraech
bisher?
Hm, sagen Sie jetzt nicht, dass Sie gar nicht studieren, sondern ?"
Der Bursche schluckt und nickt
angestrengt. Beim Schlucken wackeln seine
knallroten Ohren. "Ach
so", sage ich und lehne mich weit zurueck, "warum
haben
Sie das nicht gleich gesagt. Dann schaut die Sache wieder ganz
anders
aus. Passen Sie auf..."
Aber der Student ist schon auf dem Weg
zur Tuere.
"Ich... ich glaube, ich muss mir das mit dem
Studium nochmal genau
ueberlegen..." Ich nicke ernsthaft mit
dem Kopf. "Tun Sie das! Nur nichts
ueberstuerzen! Und wenn
Sie noch irgendwelche Detailfragen zum ZVDVPI haben
oder einen PC
brauchen, dann wenden Sie sich vertrauensvoll wieder an
mich..."
Der Bursche wird schlagartig gruen im
Gesicht und stuerzt hinaus - in
Richtung Toilette. Soweit ich das
hoeren kann, schafft er es nicht mehr
rechtzeitig.
'BOD' steht uebrigens fuer 'Bloed oder Doof'.
Anmerkung der Redaktion:
Falls Sie meinen, in obig geschilderter
Situation eigene oder aus
dritter Hand berichtete tatsaechlich
ereignete Erlebnisse wiederzuerkennen
oder glauben, dass Sie einen
ziemlich aehnlichen Text in Ihrer Studienordnung
gelesen haben, so
ist das vom Autor beabsichtigt und eventuell sollten
Sie mal mit
Ihrer Mutter darueber reden (oder auch nicht!).
Bastard Ass(i) from Hell 39
Ich mache meinen ueblichen Rundgang
durch die Labors und bemerke 3
(in Worten DREI) Workstations, die
entgegen meiner ausdruecklichen
Anordnung nicht am
unterbrechungsfreien Stromkreis angeschlossen
sind. Das verdriesst
mich, weil ich (im Gegensatz zur Haustechnik) das
normale
Stromnetz nicht beeinflussen kann. Den
unterbrechungsfreien
Stromkreis schon, weil er von einer
speziellen
Ueberwachungselektronik kontrolliert wird, die
zufaelligerweise ueber
eine serielle Schnittstelle mit meiner Sun
gekoppelt ist.
Da ich nur ungern die Kontrolle aus der
Hand gebe, beschliesse ich,
unseren unbotsmaessigen Mitarbeitern
den Nutzen des
unterbrechungsfreien Stromnetzes ein fuer alle mal
deutlich zu machen.
Ich oeffne die Kaffeemaschine und schliesse
die Heizwendel mit einem
hauchduennen Eisendraehtchen kurz. Das
naechste Mal, wenn jemand die
Kaffeemaschine ansteckt, fliegt
natuerlich die Sicherung und die
unbotsmaessigen drei Workstations
verenden wegen akuten
Elektronenmangels. Und weil der Kurzschluss
den duennen Eisendraht
vollstaendig verdampft, bleibt keinerlei
Spur zurueck. Das perfekte
Verbrechen!
Kaum bin ich zurueck in meinem Buero -
ich durchsuche gerade die
User-Mail nach interessanten Themen -
klopft es zaghaft an meine Tuer.
Da ich pro forma noch
Sprechstunde habe, hole ich das WW (Working
Window) auf den
Bildschirm und rufe: "Herein!"
Die Antwort ist ein Geraeusch irgendwo
zwischen Luftschutzsirene und
Heulboje, das schlagartig um 30 dB
zunimmt, als sich die Tuere oeffnet.
Im Tuerrahmen steht eine
nicht unhuebsche, aber mir unbekannte
Studentin und laechelt mich
entschuldigend-freundlich an. In ihren
Armen, fest umklammert -
wahrscheinlich damit es nicht entkommt -
haelt sie ein zuckendes
Stoffbuendel, in dem sich offenhoerlich die Quelle
des
unnachahmlichen nervenzerreibenden Geraeuschs befindet: ein
ziemlich
rotgesichtiges und ganz offensichtlich schlecht gelauntes
Baby.
"Sie mag es nicht, wenn man sie
aus ihrem Buggy hebt", ruft die
Studentin mir erklaerend
ueber dem ohrenbetaeubenden Laerm zu. Ich kann
sie kaum
verstehen.
Beim Versuch, das wild um sich schlagende Baby in
seinem
Stoffbuendel zu halten, dreht sie es zufaellig so, dass
sein Blick auf mich
faellt. Zwei grosse dunkelblaue Augen starren
mich an und - schlagartig
verstummt der Laerm. Das Baby lacht
ploetzlich.
"Gott sei Dank", atmet die junge Mutter auf,
"sie mag Sie. Wissen Sie,
ich habe gleich ein Referat zu
halten und ich kann sie schlecht mit in
den Seminarraum nehmen.
Daher habe ich gedacht, dass Sie... Sie sind
ja sowieso waehrend
Ihrer Sprechstunde hier, und da dachte ich...
Normalerweise bitte
ich Frau Bezelmann, auf sie aufzupassen, aber ich
kann sie gerade
nicht finden... Sie heisst uebrigens Pia. Es wird keine
halbe
Stunde dauern, das verspreche ich, vielleicht 40 Minuten,
hoechstens
50. Ich bin dann sofort wieder da. Am besten lassen Sie sie
die
ganze Zeit in ihrem Buggy sitzen, da fuehlt sie sich wohl
und..."
Waehrend das alles aus dem Munde der Studentin
hervorsprudelt, hat
sie geschickt eine Art Kleinkinderwagen auf
autonom lenkbaren
Zwillingsreifen in mein Buero bugsiert und das
blauaeugige Baby
namens Pia hineingeschnallt.
"... und ich
bin sicher, dass sie ganz brav sein wird. Fuer den Notfall
steckt
hier hinten eine Flasche mit Tee - sie koennen es ihr
ruhig
ungewaermt geben - und an der Stange hier haengt ihr Dutsi,
den verlangt
sie manchmal, aber wundern Sie sich nicht, wenn sie
ihn verkehrt
herum hineinsteckt... Sie wissen ja gar nicht was Sie
mir fuer einen
Gefallen tun..."
Ich muss zugeben, dass ich das bis vor
ein paar Sekunden wirklich nicht
wusste.
"... das Referat
ist sehr wichtig fuer mich; ich brauche unbedingt diesen
Schein...
Oh, mein Gott! Ich bin schon viel zu spaet dran! Also bis
gleich
dann..."
"Aber...", sage ich - aber sie ist schon
weg.
Ich starre die geschlossene Tuere an.
Das sollte eigentlich ein ruhiger
Tag werden. Ich wollte in aller
Ruhe die User-Mail durchschauen, in
ein paar Personalakten
herumstoebern und ein, zwei Beschwerdebriefe
an die RKFH
verfassen. Und jetzt dies!
Ich schaue das blauaeugige Baby an. Es
hat die ganze rechte Hand bis
zum Unterarm in den Mund gesteckt
und schaut mit seinen
dunkelblauen Augen ernsthaft zurueck.
"Pia?"
sage ich versuchsweise.
Es lacht. Es lacht und antwortet etwas,
was ungefaehr wie
"Gigjigjikaikaioooh!" klingt.
Aus
dem Gesichtsausdruck schliesse ich, das es etwas Froehliches
sein
muss, ansonsten verstehe ich kein Wort.
Was soll ich jetzt machen? Der
'Leitfaden fuer den Bastard X from Hell'
hat fuer diesen Fall
keine Eintragung vorgesehen.
Waehrend ich nachdenke, hat sich das
Baby - Pia, wie ich es in Geiste
schon nenne - eine Messstrippe
geangelt und den Bananenstecker in den
Mund gesteckt. Die rote
Gummiisolierung scheint ihr zu schmecken,
denn sie beginnt, die
meterlange Strippe mit erstaunlichem Appetit in
den grossen Mund
zu schieben.
Ich habe die vage Idee, dass das keine
adaequate Beschaeftigung fuer
Damen in ihrem Alter ist, und gehe
hinueber, um Pia die Strippe
abzunehmen.
In diesem Moment
laeutet das Telefon. Mit der einen Hand hebe ich ab,
mit der
anderen ziehe ich vorsichtig am Ende der Messstrippe.
"Ja?" sage ich.
Es ist die RKFH. Sie moechten
bezueglich meines Beschwerdebriefes
von vor 7 Monaten einige
Fragen klaeren. Pia hat sich inzwischen in den
Stecker verbissen
und moechte ausprobieren, ob ich sie daran aus dem
Kleinkinderwagen
auf autonom lenkbaren Zwillingsreifen heben kann.
Waehrenddessen
verhandele ich ueber meine Spesenabrechnung von
Honolulu. Aber ich
bin nicht ganz bei der Sache, was auch der RKFH
auffaellt.
"Stimmt
etwas nicht?" fragen sie irritiert.
"Nein, alles in
Ordnung", versichere ich. "Moment... ah! Jetzt hab'
ich
dich..."
In diesem Moment verlaesst der
Bananenstecker mit deutlich
vernehmbarem Ploppen den Babymund. Pia
bedauert, dass das
herrliche Spiel schon zu Ende ist, und schaltet
ihre Luftschutzsirene
ein.
"Hoeren Sie, wenn ich lieber
spaeter nochmal anrufen soll...", schlaegt
die RKFH vage
vor.
Ich versichere schreiend, dass alles in Ordnung sei.
"Das
sind die Handwerker auf dem Dach, verstehen Sie? Die machen
einen
Hoellenlaerm, wenn sie die Verkleidungsbleche aufsaegen..."
Ehrlich
gesagt, glaube ich nicht, dass irgendein Handwerker so
etwas
zustandebringt, aber die RKFH akzeptiert die Erklaerung.
Trotzdem
meinen sie, dass ich besser wieder anrufen solle, wenn
sich der Laerm
etwas gelegt hat.
Erleichtert ziehe ich den Stecker des
Telefons aus der Wand. Dann
denke ich scharf nach, wie das Problem
zu loesen sei.
Nach dem Bundes-Immissionsschutz-Gesetz, Verordnung
ueber
Laermschutz am Arbeitsplatz, darf man sich einem Laermpegel
von ueber
100 dB maximal 10 Minuten am Tag aussetzen.
Ich
schaetze, der Laermpegel in meinem Buero betraegt in den Spitzen
zur
Zeit etwa 115 dB. Ich muss also schleunigst etwas unternehmen!
In der Werkstatt leihe ich mir ein paar
Laermschuetzer, genannt 'Rabbit
Ears' aus und eile zurueck zu
meinem Buero. Vor der geschlossenen
Tuere steht Marianne und
lauscht mit schiefgelegtem Kopf.
"Was ist das fuer ein
infernalischer Krach, der da aus Ihrem Buero
kommt? Hoeren Sie
eine klingonische Oper?" fragt sie. "Das klingt ja
fast
wie..."
Ich erklaere hastig, dass die Lager in meiner
Festplatte dringend
geschmiert werden muessen, und frage, ob sie
nicht schon laengst
Aufsicht im Mikroprozessor-Praktikum halten
muesse.
Wieder im Buero schliesse ich als
erstes die Tuere hinter mir ab. Wenn
jemand erfaehrt, dass ich auf
ein blauaeugiges Studenten-Baby aufgepasst
habe, verliere ich
meinen schlechten Ruf!
Mit den Rabbit Ears ist der Laerm
unterhalb der Schmerzgrenze und ich
kann weitere Schritte
unternehmen. Was mache ich sonst, wenn ich bei
einem Problem mit
der Verwaltung nicht weiterkomme? Richtig!
Erpressung oder
Bestechung!
Da ich mit der Erpressung von Babies
wenig Erfahrung habe, suche ich
zunaechst nach der Teeflasche fuer
Notfaelle. Nur anhand des
Gummisaugers kann ich messerscharf
schliessen, dass es sich bei dem
merkwuerdig geformten
durchsichtigen Objekt mit grell-rotem Inhalt um
die Teeflasche
handeln muss. In meiner Erinnerung sahen Babyflaschen
ganz anders
aus. Egal!
Ich zeige Pia die Teeflasche und erklaere ihr langsam
und deutlich, dass
sie sofort Tee bekomme, wenn sie mit dem
infernalischen Laerm
aufhoere. Keine Wirkung. Der Laerm geht
weiter.
Vielleicht funktioniert das bei Babies
anders als bei
Verwaltungsangestellten, vielleicht muss man das
Bestechungsgut
zuerst aushaendigen, bevor man die Ware
erhaelt.
Ich halte Pia, die mittlererweile blaeulich angelaufen
ist, vorsichtig die
Flasche in Reichweite. Ein perfekt gezielter
Handkantenschlag
befoerdert das Bestechungsgut auf meinen
Schreibtisch. Dort prallt das
zum Glueck unzerbrechliche Ding an
meinem Display ab.
Leider loest sich der Gummisauger und
die grell-rote Fluessigkeit ergisst
sich in mein Keyboard. Auf dem
Display zuckt es und es erscheinen
einige Seiten Hieroglyphen,
bevor meine Workstation das Handtuch
wirft und einen
Notfall-Shutdown einleitet.
Als letzten Ausweg halte ich Pia ihr
'Dutzi' vors Gesicht. Sie greift
danach, einige gewaltige
Schluck-Schluchzer, die Sirene laeuft langsam
aus. Ich atme auf.
Ich beseitige gerade den teuflisch
klebrigen Tee von meinem
Schreibtisch, als es klopft.
"AEh...
hrrm... Leisch? Sind Sie da... aeh... drin?"
Der Chef!
Ausgerechnet jetzt!
Ich oeffne die Tuere einen Spalt und schluepfe
hinaus.
"Ah... aeh... was wollte ich noch... Ach, ja! Ich
wollte Sie... hm...
ueber den... den... Dings... den... aeh...
Stand im SCHWAFEL Projekt
fragen. Ist da noch... aehm... Geld
uebrig?"
"Ich hole schnell die Akte", sage ich und
will wieder durch den
Tuerspalt. Der Chef schaut mich verwundert
an.
"Ich... ich habe gerade Besuch", sage ich vage. der
Chef nickt
verstehend. In dem Moment, als ich die Tuere offen
habe, entscheidet
Pia, dass ihr Dutzi an die Qualitaeten einer
Messstrippe nicht herankommt
und schaltet ihre Luftschutzsirene
probeweise auf halbe Kraft. Der
Chef reisst die Augen
auf.
"Aber... aber das ist doch... das ist doch ein...
Dings... ein... aeh...
Baby?"
Da es wenig Sinn hat, es
weiter zu leugnen, oeffne ich die Tuere ganz
und rolle den
Kleinkinderwagen auf autonom lenkbaren Zwillingsreifen
etwas hin
und her, damit das Geheule auf einen ertraeglichen
Pegel
absinkt.
"Oh", sagt der Chef und bekommt den
typischen grossvaeterlichen Glanz
in den Augen. "Ich wusste
gar nicht, dass... dass Sie ein aeh... Baby
haben..."
"Das
habe ich auch nicht", beeile ich mich zu versichern.
"Aber...
aber das ist doch ein Baby."
"Ja, natuerlich", gebe
ich notgedrungen zu. Zu allem Ueberfluss tauchen
jetzt Kolleg O.
und Marianne im Flur auf.
"Nein, wie suess!" ruft
Marianne und spaeht dem Chef ueber die Schulter,
der in die Hocke
gegangen ist und etwas wie:
"... aeh... heitetei.... hrrm...
aehm... heiteiteitei... aeh..." von sich gibt.
"Ich
wusste ja gar nicht...", murmelt Kollege O. verbluefft und
schuettelt
mir aus irgendeinem Grunde krampfhaft die Hand. Wie
sollte er auch.
Ich wusste es ja bis vor ein paar
Minuten auch nicht.
"Wie aus... aeh... aus dem Gesicht...
hrrm... Gesicht geschnitten..."
kommt es vom Chef.
Ein
fuerchterlicher Verdacht steigt in mir auf.
"Wie heisst den
der Kleine?" fragt Marianne.
"Die Kleine", sage ich
erschoepft. "Sie heisst Pia."
Marianne beteuert, dass
das ein ganz suesser Name sei fuer ein Baby. Drei
Studentinnen
gesellen sich zu der Versammlung in meinem Buero.
Waehrender mehr Leute hereinstroemen,
versuche ich vergeblich zu
erlaeutern, wie ich zu dem Baby
gekommen bin. Komischerweise
scheint niemand auf meine Worte zu
achten.
"Ja, ja", sagen sie und haben nur Augen fuer
Pia.
Pia hat inzwischen den halben
Feueralarm eingestellt und schaut mit
grossen Augen in die vielen
fremden Gesichter. Die Mundwinkel
verziehen sich nach unten und
sie beginnt zu weinen, was grosse
Bestuerzung unter den Anwesenden
ausloest.
Marianne befreit sie aus dem Kleinkinderwagen auf
autonom lenkbaren
Zwillingsreifen und nimmt sie auf den Arm, was
das Weinen noch
mehr verstaerkt. Ratlos blickt Marianne sich um
und ihr Blick faellt auf
mich.
"Nehmen Sie sie", sagt
sie, " dann beruhigt sie sich sicher wieder."
"Das
bezweifle ich", sage ich bitter eingedenk der vergangenen
Stunde.
Aber der soziale Druck der Versammlung ist zu gross: ich
muss Pia auf
den Arm nehmen.
Sofort packt sie mit erstaunlicher
Kraft mein linkes Ohrlaeppchen und
versucht es abzuschrauben.
Gleichzeitig sabbert etwas Warmes in
meinen Kragen. Pia gluckst
froehlich.
Alle Anwesenden laecheln geruehrt und nicken sich
bestaetigend zu. Es ist
ein Alptraum!
Als die Studentin eine Stunde spaeter
als angekuendigt Pia abholen
kommt, habe ich mich soweit wieder
gefangen, dass ich sogar schon die
versaute Tastatur auswechseln
kann.
"War sie brav?" erkundigt sich die Mutter mehr bei
Pia als bei mir.
"Wie ein Engel", erklaere ich
sarkastisch und ueberblicke meinen
versauten Schreibtisch.
Die
junge Mutter bedankt sich enthusiastisch und steuert
den
Kleinkinderwagen auf autonom lenkbaren Zwillingsreifen zur
Tuere
hinaus.
"Moment noch", rufe ich ihr nach. "Wenn
Sie nochmal unbedingt einen
Schein brauchen, dann sagen Sie es
einfach, ok? Ich stelle Ihnen jeden,
JEDEN Schein aus, den Sie
moechten, klar?!"
Bastard Ass(i) from Hell 40
Ich sitze friedlich in meinem Buero und
versuche, den
neuesten Rechner der RKfH zu knacken. Es ist ein
frueher
Donnerstagmorgen, und ploetzlich faellt mir auf, dass
wir
schon mindestens seit den Sommerferien kein
einziges
Donnerstags-Lotto mehr veranstaltet haben.
Bother!
Dabei ist jetzt, wo die ganzen
Studenten endlich von ihren
Weltreisen zurueck sind, die beste
Zeit dafuer!
Also gehe ich zu unserem
Materialschrank neben dem Kopierer
und begutachte den ueblichen
Stapel Kopiererfolien, die dort
fuer die Mitarbeiter und Studenten
bereitliegen. Sorgfaeltig
fuege ich eine nicht kopierfaehige Folie
ins untere Drittel
des Stapels ein.
(Heutzutage gibt es kaum noch 'normale'
Folien im Handel;
praktisch alle sind kopierfaehig. Zum Glueck
habe ich mich
schon 1989, als wir das erste Mal das Vergnuegen
hatten,
Donnerstags-Lotto zu spielen, mit einem
ausreichenden
Vorrat versehen.)
Die Spielregeln zum Donnerstags-Lotto
sind ganz einfach:
man wartet einfach den ganzen Donnerstag ueber,
bis jemand
die gewisse Folie in den Kopierer steckt und die
Heizwalzen
verbruzzelt. Dann kommen alle uebrigen Mitarbeiter
und
Studenten im Gang zusammen und beobachten mit Genugtuung,
wie
Frau Bezelmann dem Ungluecklichen den Kopf abreisst.
Und jeder freut sich, dass es nicht ihn erwischt hat.
Ausser dem besagten Einen, natuerlich!
Aber bei jeden Spiel
muss es Verlierer geben...
(Man beachte immerhin, dass es beim
Donnerstags-Lotto viel
mehr Gewinner als Verlierer gibt; die
staatliche
Lotteriegesellschaft koennte noch von mir lernen!)
Waehrend ich auf die richtige 'Ziehung'
warte, beschaeftige
ich mit mit Doro, der
Hausmeisterdogge.
Anfangs hatten wir ja eine richtige
Beziehungskrise - vor
allem konnte Doro nie meine Begeisterung
fuer 'High Tech'
teilen - aber inzwischen verstehen wir uns
praechtig.
Ich stopfe mir die Taschen mit Schmackos voll und
fuehre
Doro vor meine geschlossene Buerotuere. Die
Schutzschilde
(mein bewaehrtes rotes Pappschild 'Nicht eintreten -
Versuch
laeuft!') sind im Moment nicht hochgefahren. Doro hockt
sich
auf ihren Schinken in den Flur und beobachtet
mich
aufmerksam, wie ich mich der Tuere naehere und anklopfe.
Nichts passiert. Zur Belohnung bekommt Doro ein Schmacko.
Dann fahre ich die Schutzschilde hoch
(sprich: drehe das
Schild um) und schliesse die Tuer von aussen.
Wieder naehere
ich mich meiner Buerotuere. Doro beginnt leise zu
winseln.
Als ich noch einen Meter von der Tuere entfernt bin,
geht
das Winseln in drohendes Knurren ueber. Es klingt etwa
so,
wie wenn ein Space-Shuttle startet. Als ich die Hand hebe
und
so tue, als ob ich anklopfen wollte, richtet sich Doro
zu voller
Kalbsgroesse auf und bellt einmal warnend. Die
Fensterscheiben am
Ende des Flures klirren leise nach. Zur
Belohnung bekommt Doro
zwei Schmackos.
Beruhigt lasse ich Doro auf ihrem
Posten und fahre in die
Stadt, um mir ein paar neue
StarTrek-Videos zu besorgen.
Die alten Schinken in unserem Archiv
oeden mich langsam an,
und irgendwie muss man ja die Zeit bis zum
Feierabend
'rumbringen.
Als ich nach noch nicht mal drei
Stunden zurueckkomme, sitzt
Doro noch genauso da wie vorher. In
ihren Lefzen haengen
Reste von Nylon- Strumpfhosen und Fetzen von
Jeans-Stoff.
Ich gebe Doro noch zwei Schmackos.
Gerade noch rechtzeitig komme ich zur
Siegerehrung im
Donnerstags- Lotto. Heute hat ein katholischer
Theologe das
grossen Los gezogen.
Geschieht ihm recht! Was hat
er hier an unserem Kopierer zu
suchen?
Keine vier Strassen
weiter liegt der naechste Copyshop. Der
Candidatus Gottesanbeter
laechelt schmerzlich, waehrend Frau
Bezelmann ihm schonungslos die
Leviten liest. Manchmal
frage ich mich, wie diese Burschen es
schaffen, in jeder
Situation den Maertyrer herauszukehren.
Zwei Stunden spaeter - ich schiebe
gerade das zweite Video
in den Apparat - rumpelt es stoerend vor
meiner Tuere. Bei
dem Laerm kann sich kein Mensch konzentrieren,
also schaue
ich nach, wer es wagt, meine Nachmittagsruhe zu
stoeren. Ich
erblicke zwei Blaumaenner, die einen nagelneuen
Kopierer
auspacken. Direkt vor meiner Buerotuere!
Auf meine
Erkundigung, was das Bitteschoen werden solle,
steht Frau
Bezelmann wie aus dem Nichts materialisiert
neben mir und
informiert mich, dass es sich um den
Ersatzkopierer fuer unseren
'Reparaturfall' handele. Der
Blick, den sie mir zuwirft, spricht
Baende.
"Und warum stellen Sie den
ausgerechnet vor meine Tuere
und nicht dahin, wo der andere
stand?" frage ich
ungehalten.
Ich weiss naemlich schon, wie das ist:
das dauernde Geraeusch
vom Kopierer, Gekicher und Gekreische, und
alle 3 Minuten
klopft jemand an meine Tuere, weil das Papier
verkehrt herum
drin ist oder weil man nicht weiss, wo die
Vorlage
hineinkommt.
Man belehrt mich, dass der andere
Kopierer ja noch an seinem
Platz sei und sonst keine Ort mit
Steckdose auf dem Gang
zur Verfuegung stehe.
Als ich sehe, um welche Steckdose es
sich handelt,
verzichte ich auf weitere Proteste, ziehe mich
nur
vorsichtshalber in mein Buero zurueck und verruecke
den
Buerosessel so, dass ich freien Blick auf den Gang habe.
Wenn
mich nicht alles taeuscht, handelt es sich um die
gewisse
Steckdose B46, die nach einer routinemaessigen
'Ueberpruefung'
durch die Haustechnik zur sofortigen Versetzung
einer
unserer Putzfrauen gefuehrt hat. Auf Wunsch der
Putzfrau,
uebrigens; der Staubsauger ging auch dabei drauf.
Geruechte, dass ich irgendwie in die
Sache verwickelt gewesen
sei, sind leider niemals verstummt,
obwohl jedem, der
unsere Haustechnik kennt, klar sein muesste,
dass diese auf
meine Mithilfe in jeder Hinsicht verzichten kann.
Interessiert beobachte ich, wie die
beiden Techniker den
nagelneuen Kopierer anschliessen und
einschalten. Vorerst
scheint alles zu funktionieren. Nach ein
paar
Probedurchlaeufen holt der Haupt- Techniker Frau
Bezelmann,
die auch gleich ein paar der neuen Features
ausprobiert.
Der Haupt-Techniker redet wie ein BMW-Verkaeufer:
"...und dann gibt es bei diesem
Modell auch noch die
neue Super- Power-Option. Sehen Sie, wenn Sie
nur von
einer Vorlage kopieren, verdoppelt sich
die
Geschwindigkeit. Sehen Sie her..."
Er drueckt einen Knopf und der Kopierer
reagiert
erwartungsgemaess mit Super-Power: Es gibt einen hellen
Blitz
und eine Serie trockener Explosionen, etwa wie wenn man
das
Magazin einer Kalaschnikov leerschiesst.
Blaeuliche
Stichflammen schiessen aus allen Lueftungsschlitzen
des
Kopierers und drohen Frau Bezelmanns graue
Kaschmir-Jacke
anzusengen.
Ich halte den Augenblick fuer gekommen,
in das Geschehen
einzugreifen. Mit einen Knopfdruck loese ich den
in meinen
Buerosessel integrierten Feuerloescher aus, der
zwar
eigentlich nicht fuer diesen Zweck vorgesehen ist, aber
auch
nicht schaden kann. Leider verfehle ich zuerst den
Kopierer
und verpasse dem Techniker und Frau Bezelmann eine
volle
Breitseite.
Nach einer leichten Korrektur nach links
gelingt es mir,
den fortschreitend explodierenden Kopierer
einzuschaeumen.
Das Feuerwerk erlischt; auf dem Gang sieht es aus
wie nach
einer missglueckten Notlandung mit Schaumteppich.
Frau
Bezelmann und der eine Blaumann erheben sich wie
zwei
missglueckte Schneemaenner aus der Schaummasse. Der
andere
Techniker hat sich schlauerweise beim ersten Knall
in
Sicherheit gebracht.
Seit die Hausmeister aus Versehen 50
Liter Kloreiniger in
die Befeuchter der Klimaanlage gekippt
hatten, haben wir
keinen solchen Spass mehr gehabt!
Bastard Ass(i) from Hell 41
Ich rufe die Cluster-Uebersicht aufs
Display und betrachte mit
Befriedigung die vielen kleinen bunten
Balken, die alle fleissige CPUs
in unserem Netz repraesentieren.
Dann leite ich genuesslich einen totalen
Shutdown aller Maschinen
ein, und ein bunter Balken nach dem
anderen wird schwarz.
Heute ist Umzugstag! Umzug bedeute Chaos! Ich liebe Chaos!
Nicht dass wir tatsaechlich in ein
neues Gebaeude ziehen wuerden! Oh
nein! Schliesslich hat die Uni
ja bekanntlich kein Geld, und das boese,
boese KuMi
(Kultusministerium) gibt uns erst recht keines!
Nein, es wurde beschlossen, dass wir
hausintern umziehen, damit
wenigstens ein Bruchteil der von uns
irgendwann in den Siebziger
Jahren beantragten Zusatzflaechen
endlich Realitaet annimmt. Konkret
heisst das, dass wir zwoelf
neue Raeume im Stockwerk unter uns
bekommen, aber 10 Raeume auf
unserem Stockwerk wieder abgeben
muessen. Der Reingewinn ist,
na...?
Genau: 2 (in Worten: ZWEI) ganze Raeume mehr!
(Eingeschobene Klammer auf!
Wer glaubt, dies sei triviale
Arithmetik, der irrt gewaltig! Aber holla!
Der BAfH hat es schon
mehrfach erlebt, dass in besonders hitzigen
Raumplanungssitzungen
sogar mit 'virtuellen Raeumen' gerechnet
wurde!
Ein 'virtueller
Raum' ist im Gegensatz zum 'realen Raum' ein Raum
der zwar nicht
existiert, aber zum Ausgleichen von
verschiedenen
Instituts-Raum-Bilanzen verwendet werden kann.
(Bleibt am Ende der
Rechnung ein Rest virtueller Raum uebrig, hat
man einen Fehler
gemacht!)
Auch ueber 'imaginaeren Raeume'
wurde schon zaeh verhandelt. Ein
'imaginaerer Raum' ist ganz
einfach die Wurzel aus einem negativen
Raum. (Wobei nachher
niemand mehr so genau sagen konnte, wie es
ueberhaupt zu einem
negativen Raum in der Bilanz kommen konnte. Die
Kollegen von der
theoretischen Physik behaupteten spaeter zwar, es
handelte sich
moeglicherweise um eine raeumliche Quantenfluktuation, so
aehnlich
wie ja auch Elektronen und Positronen jederzeit spontan
entstehen
und wieder verschwinden koennen. Nur: die entsprechenden
positiven
Pendants sind nirgendwo wieder aufgetaucht (boese Zungen
behaupten
noch heute, dass die Physiker sie einfach geklaut
haben!).)
Eingeschobene Klammer wieder zu!)
An einer Universitaet, wo jeder halbe
Quadratmeter Boden - vergleichbar
den Grabenkaempfen des ersten
Weltkriegs - heiss umkaempft wird, sind
zwei Raeume netto mehr ein
beachtlicher Etappensieg, der nur durch
zaehes, jahrelanges
Verhandeln mit der Uni-Verwaltung erreicht werden
kann.
Es klopft an meiner Tuere, obwohl die
Schutzschilde oben sind.
Folglich kann es nur der Chef persoenlich
sein.
"Guten... aehm... Morgen, Herr Leisch. Aeh... mein
Rechner ist...
hm... ganz ploetzlich... ja... der Bildschirm wurde
ploetzlich dunkel..."
Ich erinnere den Chef hoeflich daran,
dass wir heute umziehen und daher
das gesamte Netz
heruntergefahren wird.
"Ah... ja richtig. Aeh... wo...?"
Ich
druecke dem Chef seinen Laufplan in die Hand, den ich
vorsorglich
schon bereitgelegt hatte.
"Hier ist alles
genau festgelegt", erlaeutere ich, "Sie koennen
genau
sehen, wohin Ihre Moebel nacheinander transportiert werden
muessen."
Der Chef studiert mit hochgeschobener
Brille den Plan.
"Hmm... ja. Merkwuerdig. Ich... aehm...
dachte, wir haetten... aeh... nur
zwoelf Raeume dazubekommen
und... aehm... muessten 10 wieder
abgeben..."
Ich
bestaetige, dass dem so sei.
"Aeh... ja, aber... hm... soweit
ich das hier... aeh... sehe, muessen
insgesamt 17 Raeume 23mal
umgezogen werden. Mein Buero... aehm...
sogar dreimal...?"
"Das
liegt daran, dass wir keine Raeume zum Zwischenlagern der
Moebel
haben und ausserdem komplizierte Netzbeziehungen zwischen
den
einzelnen Maschinen bestehen", erklaere ich geduldig.
"Zum Beispiel
muss der Router B zuerst einmal von Raum 345
nach 265 und dort
wieder in Betrieb genommen werden. Dann koennen
die Raeume 332,
333 und 334 nach 214, 215 und 219 umgeraeumt
werden, weil erst
dadurch das Subclusternetz Alpha umziehen kann.
Dann muss der
Router B wieder zurueck nach..."
"Gut,
gut", unterbricht mich der Chef hastig. "Das... aeh... mag
ja alles
so sein. Aber... wenn ich das hier... aeh... richtig
verstehe, dann sind
meine Moebel zum Schluss... hm... wieder im
selben Raum?"
"Der Plan ist das Ergebnis einer
Computersimulation mit SIMLINK",
sage ich milde, um die
Diskussion zu beenden.
"Ach so!" freut sich der Chef,
und seine Stirn glaettet sich schlagartig.
"SIMLINK, was? Na,
dann... aeh... hat das ja sicher... sicher seine...
aeh...
Richtigkeit, nicht?"
Dass ich die Randbedingungen fuer
unseren automatisierten Problemloeser
SIMLINKetwas eigenwillig
gestaltet habe, muss ich ja nicht extra
erwaehnen. Nach der ersten
Loesung, die unser neuestes KI-System
ausgespuckt hatte, waeren
nur 13 Transporte noetig gewesen! Eine solche
Loesung nimmt einem
keiner ab! Viel zu einfach!
Ein Umzug hat chaotisch zu sein! Dafuer sorge ich!
Ich rufe die Haustechnik an und gebe
die letzten Anweisungen:
"Passen Sie auf: Das Backbone-Kabel,
3. Segment muss durch die
Raeume 217, 218 und bis nach 222 und von
dort durch die Decke nach
322 verlegt werden..."
"Aber
dann fuehrt das Kabel ja durch die Cafeteria...?"
Warum
muessen die Leute immer mitdenken! Sollen sie das Denken
doch mir
ueberlassen! Erwaehnte ich schon mal, dass ich in
Zukunft
Bestellungen per Netzwerk an die Cafete stellen wollte?
Na, also!
Und jetzt kommt irgendein dahergelaufener Installateur
und stellt
meine Planung in Frage!
"Nach unsrer
Computersimulation ist das der guenstigste Weg", sage
ich.
Der
Mann von der Haustechnik ist nicht so leicht zu ueberzeugen wie
der
Chef:
"Also, ich denke aber..."
"Sie
haben aber gar keine Zeit mehr zum Denken", sage ich
milde.
"Haeh?!"
"Sie sollten lieber Ihre Zeit
nutzen und noch einmal die Feuermelder
und Rauchsensoren in der
Tiefgarage ueberpruefen. Nur damit es nicht zu
ploetzlichen
FEHLFUNKTIONEN kommt..."
"Fehlfunktionen? In der
Tiefgarage? Oh..."
MEMORY KICKED IN!
"Oh! Ja, Sie haben sicher recht.
Ich sollte mich nochmal um die...
hmm... Feuermelder kuemmern...
Ja, dann... aeh... ist ja wohl alles
klar..."
Anscheinend
ist ihm gerade noch rechtzeitig wieder eingfallen, dass er
es mit
dem BAfH persoenlich zu tun hat.
Ich mache mir eine kleine Vormerkung im
elektronischen Kalender, dass
ich meine kleinen Feueruebungen in
der Tiefgarage in Zukunft etwas
haeufiger durchfuehren werde!
Kollege W. stuermt in mein Buero; auf
seinen Wangen zeichnen sich rote
Flecken ab und sein Atem geht
heftig.
"Wo ist die BS2000 hingekommen?" schreit er mit
ueberschnappender
Stimme. Ich werfe einen Blick auf meinen
Plan.
"Liegt bereits sicher verwahrt im Container PL-X1",
sage ich.
"Oh... ah! Aeh... gut. Und wo steht dieser
Container im Moment?"
"Im Rostoff-Sammelhof."
Zehn, neun, acht, sieben, sechs,...
"WAS???"
"Die uralte Kiste fiel ja schon
beim Tragen auseinander. Mein Lieber,
es gibt auch fuer Maschinen
gewisse Lebenserwartungen. Alles, was
darueber hinaus geht, ist
doch nur Maschinen-Quaelerei. Wollen Sie, dass
uns der
Maschinenschutzbund verklagt?"
"Wir waren 17 Jahre
zusammen!" Kollege W. ist den Traenen nahe.
"Aber...
aber womit soll ich denn jetzt...?"
"Sie bekommen eine wunderhuebsche
junge knackige Workstation mit
170 Megahertz", sage ich. "Ein
Baby, das Ihnen schon nach ein paar
Tagen schlaflose Naechte
bereiten wird. Reissen Sie sich zusammen,
Mann! Sie sind doch
wirklich noch nicht zu alt fuer eine neue
Beziehung!"
Kollege
W. zieht einen Schmollmund:
"Die Neue kann bestimmt kein
Fortran und PL", sagt er trotzig.
"Aber natuerlich kann
sie das. Sie kommt mit den besten Praeferenzen",
sage ich
schmeichelnd und gucke wieder auf den Plan. "Sie wartet
schon
auf Sie, im Raum 233. Vielleicht sollten Sie gleich mal hingehen
und
Ihr Jungfern-Programm starten."
Kollege W. zieht grollend ab. Ich logge
mich auf seinem neuen 'Baby'
ein und starte das Programm
FREUDIANER-7. Das wird ihm helfen,
darueber wegkommen.
Warum haben wir eigentlich keinen Seelen-Klempner am Institut?
Bastard Ass(i) from Hell 42
Das Telefon klingelt. Schon wieder! Das
ist jetzt das
dritte Mal dieses Jahr!
Ausnahmsweise gehe ich ran. Ein User,
genauer gesagt eine Userin, ist
dran. "Aehm... meine
Workstation gibt komische Toene von sich", sagt sie.
Ich
kenne die Stimme nicht. Offensichtlich ein
Frischling.
"Tatsaechlich", sage ich beeindruckt. "Was
denn fuer Toene? Singt sie
klingonische Opern?"
"Nein,
nein. Es ist eher so ein... ein tiefes Rumpeln vermischt mit
einem
unregelmaessigen Leiern..."
Meiner Meinung nach klingt das
ziemlich nach klingonischer Oper!
Ich frage nach dem Host-Namen
und sie sagt ihn mir. Ein ziemlich
frischer Frischling!
"Aha", sage ich. "Tiefes
Rumpeln, meinen Sie? Schaut mir ganz nach
einem leichten
Virenbefall aus. Lassen Sie denn regelmaessig Viren-
Checker
drueberlaufen? Zum Beispiel 'Sagrotan', 'Cebion' oder
'Domestos
III'."
"Aeh... nein. Nicht dass ich
wuesste..."
"Vorbeugen ist sehr wichtig", sage ich
ernst. "Schauen wir mal, wie es
mit demunsysten steht. Geben
Sie man den Befehl 'immun-
system' ein."
<klickediklackedi>
"Aehm... 'immun-system not found'
meldet er..."
"Not found? Steht da wirklich 'not
found'?" Ich lasse meine Stimme
dramatisch ansteigen. "Das
sieht ja ganz uebel aus. Warum haben Sie
nicht schon vorher
angerufen..."
"Ist das was Ernstes?" fluestert sie
eingeschuechtert.
"Ernstes? Hoffen wir, dass es noch nicht zu
spaet ist. Halten Sie mal den
Telefonhoerer ganz dicht ans
Gehaeuse, damit ich eine hypostatisch-
akustische Ferndiagnose
durchfuehren kann."
"Aehm... ok", nuschelt sie und
es raschelt im Hoerer. "Aeh... das Telefon
reicht nicht bis
zum Rechner..."
"Dann sollten Sie den Rechner eben zum
Telefon bringen", sage ich.
Dass die Leute auch ueber keinen
Funken logisches Denken verfuegen!
"Aber... muss ich dazu
nicht vorher ausschalten?"
"NEIN! Wissen Sie nicht, dass
man vernetzte Rechner niemals einfach
ausschalten darf?! Das ganze
homophone Accelerator-Cluster kann
desharmonisiert und
retrogradient sub-stabil werden - und dann haben
wir den
Salat!"
"Oh!..."
IMPRESSION MODE ON
"...
ok, dann trage ich die Workstation jetzt hierher", sagt
sie
eingeschuechtert.
Ich starte rasch ein paar
rechenintensive Jobs auf ihrem Host, die
staendig auf die Platte
zugreifen, in der Hoffnung, dass die Platte beim
Ruebertragen
crashed. Aber leider sind die Platten auch nicht mehr
das,was sie
frueher einmal waren: vor noch ein paar Jahren brauchte
man so ein
Winchester-Laufwerk nur schief anblicken und schon...
zupf!
"Hallo?", meldet sie sich
wieder. "Da sind so komische gelbe Kabel
hinten festgemacht.
Die reichen nicht bis zum Telefon...."
"Das ist nur das
Ethernet. Ziehen Sie sie einfach ab", sage ich. "Und
alle
anderen Kabel koennen Sie auch gleich abziehen. Aber passen Sie
auf,
dass das Stromkabel drin bleibt! Wir wollen doch nicht, dass
Ihre
Maschine abstuerzt!"
Sie macht es! Ehrlich, manchmal frage
ich mich, was Eltern ihren
Sproesslingen eigentlich 18 Jahre lang
beibringen!
"Der Schirm ist ploetzlich dunkel
geworden..."
"Das macht nichts", erlaeutere ich.
"Ausserdem erleichtert das die
hypostatisch-akustische
Ferndiagnose, wenn der Schirm nicht mehr
stoert. Kommt der Hoerer
jetzt bis ans Gehaeuse? Gut. Jetzt halten Sie die
Sprechmuschel
etwa drei Zentimeter unterhalb der Luefteroeffnung auf
der
Rueckseite fest ans Gehaeuse und dann warten Sie, bis es
piepst."
"Piepst?"
"Genau."
Sie macht es!!! Ich lege den brummenden
Hoerer beiseite und gehe
erstmal hinunter in die Cafete.
Eine Stunde spaeter - die Cafete macht
leider schon um fuenf Uhr zu -
nehme ich den Hoerer wieder zur
Hand sage laut "Piep!".
"Ok", sage ich. "Jetzt
ist alles klar!"
Die Userin jammert ueber Rueckenschmerzen
und Kraempfe im Unterarm.
"Dafuer wissen wir jetzt genau, was
Ihrer Maschine fehlt", sage ich
troestend.
"Und? Was
ist kaputt?", will sie erschoepft wissen.
"Ja, hmm",
sage ich zoegernd und klappere mit der Tastatur, "ich
weiss
nicht, wie ich es Ihnen sagen soll... Also, die genaue
Diagnose heisst:
Plattenunwucht infolge sub-akuter MMDHS. Ziemlich
selten, muss ich
sagen."
Ich warte geduldig auf die
naechste Frage.
"Und... und was ist MMDHS?"
"MMDHS
steht fuer 'Mensch-Maschine-DisHarmonie-Syndrom'.
Sagen Sie -
jetzt mal ehrlich! - haben Sie Ihre Workstation in letzter
Zeit
irgendwie... hmm... ja, mit negativen Ausdruecken
bedacht?"
"Nein, bestimmt nicht!"
"GANZ
SICHER NICHT? Auch keine herabmindernden Ausdruecke?
'Bloede
Blechschachtel', 'Sch... Kiste', 'Ziffern-Trottel',
'Verkalkte
Rechenmuehle', Lahme CPU'? Nichts von alledem?
'Transistor-Grab',
'Kybernetische Schnecke', 'Rostiges
Rechenwerk'. Das ist nichts,
worueber Sie sich schaemen muessten;
das kommt in den besten
Beziehungen vor. Besser Sie sagen es mir
gleich, dann ist die
Behandlung hinterher sehr viel
einfacher..."
Am anderen Ende der Leitung schluchzt es
leise.
"NAAA?"
"Letzte Woche habe ich sie mal -
aber nur einmal - 'Debiler
Rechenschieber' genannt", schnieft
sie reumuetig durchs Telefon.
"Tststs. 'Rechenschieber' fuer
eine 200 Megahertz Alpha, das ist
natuerlich hammerhart",
sage ich.
"Wir hatten bisher ein so gutes Verhaeltnis
miteinander", heult sie.
"Nanana", beruhige ich,
"das kriegen wir schon wieder hin. Ich loesche
einfach in
saemtlichen Dateien den Begriff Rechenschieber, ok? Jetzt
muessen
Sie die Maschine nur noch an ihren Platz zuruecktragen und die
Kabel
genau in der umgekehrten Reihenfolge wieder einstecken..."
"Aber...
die weiss ich nicht mehr..."
"Schlecht, sehr schlecht",
sage ich sorgenvoll, "dann wird sie Ihnen
wahrscheinlich
abstuerzen. Hoffentlich wird kein traumatisches Erlebnis
daraus.
Denken Sie bitte in Zukunft immer daran, beim Booten die
Hand aufs
Gehaeuse zu legen. Das MMDHS baut sich durch statische
Elektrizitaet
auf und der Hautkontakt hilft, solche Spannungen
abzuleiten."
Sie
verspricht es schniefend und legt auf.
Eigentlich sollte ich Honorare verlangen fuer meine Rechnerseelsorge...
Bastard Ass(i) from Hell 43
Der Chef hat endlich seine Zustimmung
zur Netzerweiterung in den
ersten Stock gegeben. Als offizielle
Begruendung gegenueber dem
Haushaltsausschuss hatte ich
geschrieben:
'Steigerung des synergetischen Effekts in
Wissenschaft und Lehre
durch Vernetzung raeumlich getrennter, aber
thematisch interdisziplinaer
arbeitender Gruppen'.
In Wirklichkeit kann ich jetzt endlich
meine Bestellungen per Computer
an die Cafeteria geben, die sich
auch zufaellig im ersten Stock befindet.
Schliesslich ist es in
der heutigen Sparwelle nicht mehr zu verantworten,
dass
hochdotierte Beamte (wie ich) ihre kostbare Zeit in der Schlange
vor
der Cafeteria-Kasse vergeuden.
Ich rufe also beim Leiter der
Haustechnik an und erklaere ihm die
Situation: So und so, das
Ethernetkabel muss zuerst durch die Decke,
dann durch die Raeume
der katholischen Theologen gefuehrt werden,
und dann muss noch
eine Wand durchbohrt werden.
Obwohl die Zentralwerkstatt bis 2029
ausgebucht ist, zeigt sich der
Leiter erstaunlich kooperativ.
Vielleicht ist ihm die Geschichte mit der
ueberfluteten Tiefgarage
noch in Erinnerung...
"Gar kein Problem", sagt er,
"das machen wir ganz unbuerokratisch.
Ich schicke Ihnen 'nen
Maurer 'rueber, der die Loecher bohrt."
Schon am naechsten Tag steht
tatsaechlich ein Individuum im Blaumann
und mit mauerbrechender
Feuerkraft ausgestattet vor meiner Tuere. Ich
zeige ihm die
entsprechende Stelle, und er faengt unverzueglich an, mit
seiner
Hilti den Fussboden zu bearbeiten. Die Laermentwicklung
ist
beachtlich. Ich schaue auf die Uhr und beginne zu zaehlen.
Schon nach siebzehn Sekunden ist der
erste katholische Theologe da
und beschwert sich empoert ueber den
Krach.
"Man versteht ja sein eigenes Wort nicht mehr in der
Vorlesung",
schimpft er, hochrot im Gesicht.
Ich bemerke,
dass ihm ein wenig mehr Demut vor den unerforschlichen
goettlichen
Entscheidungen besser zu Gesicht stuende. Dann empfehle
ich ihm,
doch in der naechsten halben Stunde mit den Studenten zu
meditieren;
da braeuchte er seine Stimme nicht so zu strapazieren.
Inzwischen ist die Hilti durch die
Decke, aber irgendwie riecht es
merkwuerdig aus dem Loch. Genauer
gesagt, es stinkt wie die Pest. Ich
mache den Maurer darauf
aufmerksam und er beugt sein Riechorgan
dicht ueber sein Werk. In
diesem Moment schiesst eine grau-truebe
Fontaene aus dem Bohrloch
und ihm mitten ins Gesicht; ein intensiver
Geruch nach Kloake
verbreitet sich; aus der benachbarten Damentoilette
hoeren wir
schwach die Spuelung rauschen.
"Sakradi", meint der
Maurer unbeeindruckt und trocknet sich mit dem
Taschentuch ab, "
des muass i nacha wieda zuamacha..."
Er probiert es noch einmal; diesmal
dreissig Zentimeter weiter rechts.
Aber da kommt er nicht so
leicht durch, wie vorher in die
Abwasserroehre. Er bohrt und bohrt
und setzt sich schliesslich selbst auf
die roehrende Hilti. Nach
weiteren zehn nervenaufreibenden Minuten
geht ein Aufatmen durchs
Institut: er ist durch.
Wir gehen ein Stockwerk hinunter zu den
katholischen Theologen.
Etwa ein Quadratmeter der Stahlbetondecke
liegt abgesprengt im Raum
verteilt; ein dicker Stahltraeger ragt
schraeg aus der maltraetierten Decke in
den Raum und eine traurig
flackernde Neonlampe haengt nur noch an
ihrem Anschlussdraht und
dreht sich langsam um sich selbst.
"Hoppala", meint der Meister
und trifft mit analytischer Sicherheit
sofort den kritischen Punkt
so einer Situation:
"Moana Se, da kimmt oft wer eini?"
Der
Raum, ein Zeitungs-Archiv, sieht allerdings nicht so aus, als ob
er
haeufig frequentiert wuerde.
"Guad! Des mach i moagn
wieda zu. Jetz machma no schnell de
anderen Loecha!"
Wir gehen in unseren Raum hinueber und
der Meister beklopft pruefend
die fragliche Wand.
"Does is
ja nur a Rigips..."
Er holt ein schweizer Taschenmesser
heraus und stoesst die Klinge brutal
in die jungfraeulich weisse
Wand. Schon nach wenigen Zentimetern trifft
er auf Beton. Er
probiert es noch dreimal links und viermal rechts
davon; im
siebten Loch bricht die Klinge ab. Die Wand sieht aus, wie
nach
einem Ueberraschungsangriff von Al Capones Bande.
Ich frage den Meister, ob er nicht
staendig fuer unser Institut arbeiten
moechte, aber er lehnt
dankend ab. Wahrscheinlich zuwenig Waende.
Gegen Mittag beginnt es heftig zu
schneien und schon bald ist der Platz
unter meinem Fenster von
einer dicken Schneedecke eingehuellt.
Als ich sehe, dass der
leitende Hausmeister, der Oberhausmeister und
der Hilfshausmeister
den Schneepflug aus der Garage holen, gehe ich
ins Labor, um die
Videokamera in Stellung zu bringen. Wie ueblich
streiten die drei
darum, wer als erster ihr Lieblingsspielzeug besteigen
darf.
Sodann schreitet der Oberhausmeister sorgfaeltig den ganzen Platz
ab,
und teilt ihn so in einen grossen, einen mittleren und einen
kleinen
Abschnitt; beim Schneepfluegen muss es gerecht zugehen, da
verstehen
unsere Hausmeister keinen Spass.
Der leitende Hausmeister besteigt den
kleinen Traktor mit der riesigen
Raeumschaufel und drueckt den
Starter.
Das Ding macht einen gewaltigen Satz nach vorne und
beschleunigt. Es
ist erstaunlich, was mit mit ein paar simpelen
Eingriffen an Kupplung
und Getriebe alles erreichen kann!
Der leitende Hausmeister schreit und
versucht verzweifelt, sich im
Sattel zu halten. Der Traktor bockt
und schlingert und malt grosse
Schleifen in den jungfraeulichen
Schnee. In letzter Sekunde gelingt es
dem tapferen Piloten, einem
Betonpfeiler auszuweichen. Der
Oberhausmeister und der
Hilfshausmeister rennen gestikulierend neben
dem durchgegangenen
Traktor her. Mit einem ploetzlichen Schlenker
erwischt der Traktor
beinahe den Hilfshausmeister, der sich nur mit
einen verzweifelten
Sprung in ein schneegefuelltes Blumenbeet retten
kann.
Schliesslich gelingt es dem leitenden
Hausmeister abzuspringen, und
der Traktor faehrt allein weiter.
Das Lenkrad scheint eingeschlagen zu
sein, denn er faehrt jetzter
eng im Kreis herum. Funken spruehen
bedrohlich unter der
Raeumschaufel.
Die drei Hausmeister beraten sich in sicherer
Entfernung. Der leitende
Hausmeister gibt jetzt anscheinend den
Befehl, den herrenlosen Traktor
einzufangen. Der Oberhausmeister
gibt den Befehl an den
Hilfshausmeister weiter. Nach zwei
missglueckten Versuchen gelingt es
diesem tatsaechlich im vollen
Galopp neben dem Schneepflug
herzulaufen und die Benzinzufuhr
abzustellen, waehrend seine beiden
Vorgesetzten ihn aus sicherer
Entfernung anfeuern.
Ich spule das Band zurueck und schicke
es an 'Pleiten, Pech und
Pannen'. Wieder ein erfolgreicher
wissenschaftlicher Arbeitstag!
Bastard Ass(i) from Hell 44
Missgelaunt reisse ich eine neue
Cleenex-Packung auf. Mein
Riechkolben ist schon so wund, dass er
im Dunkeln rot leuchtet. In
meinem Kopf pocht es im Morsetakt, die
Augen wassern, die Ohren
sausen und jeder neue Hustenanfall
befoerdert tonnenweise gruengrauen,
flockigen Schleim aus meinen
strapazierten Lungen.
Mit anderen Worten: Der BAfH hat Grippe!
Die Mitarbeiter umstehen mich mit
besorgter Miene.
Der Chef schaut mich an und sagt, ich solle mich
schonen.
Frau Bezelmann schaut mich an, zieht die Mundwinkel nach
unten und
fragt mit blitzenden Augenglaesern, ob ich einen
selbstgebrauten
Spezialtee von ihr annehmen wolle. Nein,
danke!
Marianne schaut mich an und erklaert kategorisch, ich
gehoere ins Bett
und nicht ins Buero. Sie zieht erst ab, als ich
mich erkundige, ob das ein
ernsthaftes Angebot sei.
Schliesslich sind alle weg, und ich
kann mich endlich in Ruhe meinen
wissenschaftlichen,
keimgeschwaengerten Experimenten widmen.
Zuerst messe ich eine Stunde lang
sorgfaeltig den Abstand zwischen
zwei Niesern mit der Stopuhr. Ich
stelle fest, dass ich im Mittel
fuenfzehn Sekunden frueher wieder
niesen muss, wenn ich mich nicht
sofort nach dem ersten Nieser,
sondern nur nach jedem fuenften
schneuze. Zwar laeuft mir der Rotz
ab dem dritten Nieser aus dem
Zinken, aber andererseits spare ich
auf diese Weise Cleenex-Tuecher -
und nicht zu knapp! Eine kurze
Hochrechnung sagt mir, dass, wenn alle
Einwohner Deutschlands so
volkswirtschaftlich handeln wuerden wie
ich, durch die
eingesparten Cleenex-Tuecher siebendreiviertel
Durchschnittsrentner
(eine von Bluems neuen Erfindungen) ein ganzes
Jahr lang
finanziert werden koennten. Ich drucke die Rechnung aus und
schicke
sie ans Bundesarbeitsministerium.
Danach fuehle ich mich wohler. Fast
will es mir scheinen, als ob ich mir
ein wenig Bewegung
verschaffen sollte. Ich gehe hinueber in den
Versuchsraum 3 und
hole eine der grossen Spiegelscheiben in mein
Buero, wo ich sie
sorgfaeltig gegen die Wand lehne. Dann male ich mit
einem
(nicht-wasserloeslichen) Folienstift konzentrische Kreis auf
den
Spiegel und nehme in drei Meter Entfernung Aufstellung.
Eine
Stunde spaeter - nach 88 Niesversuchen - treffe ich fast immer in
die
inneren drei Ringe!
Nach meiner Stopuhr stehe ich kurz vor
den dritten Nieser seit dem
letzten Schneuzen. Rasch gehe ich
hinueber ins Buero des Kollegen O.
"Hallo!" sage ich.
"Ich braeuchte .... Hah ... HAAAAAH BROSCH!!!"
Das
Timing war absolute Spitze! Winzige Troepfchen landen zielsicher
auf
O.s Bildschirm, ein paar auch auf seiner Brille. Naja, auf
die
Entfernung ist die Streuung natuerlich groesser.
"Gesundheit",
meint O. saeuerlich.
"Danke! Ich wollte nur gerade sagen,
dass... Hah... HAAH..."
O. reicht mir blitzartig ein
Tempotaschentuch, das er zufaellig auf dem
Tisch liegen hat. In
meiner Schwaeche greife ich ins Leere und das
Tuechlein faellt zu
Boden. O. bueckt sich danach...
"... HAAAAAH BROSCH!!!"
Genau
in O.s Nacken!
Kollege O. meint, ich solle doch lieber nach Hause
gehen, ich sei doch
bestimmt virulent und ich wuerde noch alle
hier anstecken. Ich starre ihn
aus traenenden Augen an wie ein
Bernhardinerhund und sage:
"Sie beinen, das goennde
ansdeggend dein?!"
Kollege O. hat mich an etwas erinnert.
Von wegen 'virulent'. Da war
doch irgendwo von einem neuen
bulgarischen Virus namens 'Sniffoo'
die Rede. Ich wuehle hustend
in meinen Dateien, bis ich fuendig werde.
Nachdem ich den Virus
sicher auf eine Diskette gepackt habe, gehe ich
hinueber ins
PC-Labor. Auf dem Weg dorthin packt mich ein erneuter
schwerer
Hustenanfall, gerade als ich an zwei Blaumaennern von der
Haustechnik
vorbeikomme, die die Neonroehren auswechseln, die ich
letztes
Wochenende mit dem UV-Laser aus dem Physikpraktikum
angebohrt
habe.
Der Hustenanfall schuettelt mich dermassen, dass ich mich
nicht mehr auf
den Beinen halten kann. Instinktiv greife ich
haltsuchend um mich und
erwische ausgerechnet die Gesaesstasche
des Blaumanns, der, auf seiner
Trittleiter balancierend, gerade
eine neue Leuchtstoffroehre einsetzen
will. Das erweist sich als
ungluecklich; ich haette lieber nach der Leiter
greifen sollen.
Aber wenn man schier blind ist vor wuergendem
Husten...
Ein
Ruck - und ich falle, trotzdem ich mich mit aller Macht
festklammere.
Eine Gruppe Studentinnen hinter mir kreischt erfreut
auf.
Der
Blaumann fuehlt die ploetzliche Kuehle um seine Lenden und
greift
instinktiv nach seinen rutschenden Blaubeinkleidern.
Dummerweise
vergisst er dabei seiner ersten Pflicht, naemlich der
Leuchstoffroehre. Mit
traumwandlerischer Sicherheit fang ich die
stuerzende Roehre mit der
linken Hand auf. Aber im letzten Moment
entglitscht mir das glatte
Ding wieder, segelt weiter und faellt
ausgerechnet auf einen Karton mit
zwoelf frischen Roehren der
abseits am Boden liegt. Es gibt ein
schwaches Geraeusch, das
entfernt an glaeserne Gloeckchen am festlich
geschmueckten
Christbaum erinnert.
Pech. Kann man wirklich sagen. Grosses Pech!
Die Haustechnik tobt. Aber ich bin viel
zu angeschlagen, dass mich so
etwas heute noch aufregen koennte.
Im PC-Labor schleppe ich mich von
Rechner zu Rechner, murmele
schniefend etwas von:
"...
Wedriebsisdemgondrolle..." und schiebe ueberall kurz die
virulente
Disk in den Schlitz. Dabei gelingt es mir, mit zehn
Niesern noch sieben
Displays zu treffen, bevor ich meine Runde
beende.
Kaum etwas ist heilsamer bei Erkaeltungen als Inhalieren. Also hole ich
Frau Bezelmanns Espresso-Maschine und
lasse den Dampfhahn
dauerzischen, waehrend ich fleissig mit Odol
versetztes Wasser
nachgiesse. Kurz darauf ist mein Buero in dichte
Dampfschwaden gehuellt
und die Displays beschlagen
sich.
Thermodynamik hat mich schon immer fasziniert.
Interessiert
beobachte ich, wie auch an den Fensterscheiben, an
den Moebelflaechen,
ja sogar auf dem glatten Linoleumboden auf dem
Flur Wasser
kondensiert.
Ein UPS-Mann in kackbrauner Uniform
eilt mit einem mittelgrossen
Paket, auf dem 'Vorsicht Glas!'
steht, an meiner Buerotuere vorbei,
gleitet aus und knallt auf den
Boden. Wieder ist das anheimelnde
Bimmeln der Weihnachtgloeckchen
zu hoeren. Diesmal allerdings nur
ganz schwach, durch die
Verpackung gedaempft. Der UPS-Mann flucht
gotteserbaermlich und
hofft, dass niemand das Klingeln gehoert hat und
dass er schon
wieder in seinem laecherlichen kackbraunen Wagen sitzt,
bevor
jemand auf die Idee kommt, das verdammte Paket zu oeffnen. So
hat
halt jeder von uns seine Probleme!
Ich rufe kurz bei Frau
Bezelmann an und weise daraufhin, dass alle
Paketlieferungen immer
SOFORT geoeffnet werden muessen.
Ploetzlich jaulen draussen auf dem Gang
die Feuersirenen los. Das ist
sogar mir neu: Die Feuermelder
reagieren nicht nur auf Rauch, sondern
auf auch Dampf! Waehrend es
noch bimmelt und ich mich fuer den
Nachhauseweg anziehe, nehme ich
mir vor, diese neue
wissenschaftliche Erkenntnis fuer die
zukuenftige Experimente in der
Tiefgarage auszunutzen.
Im
Treppenhaus begegnet mir die Feuerwehrvorhut, zwei Stufen auf
einmal
nehmend und mit allen moeglichen Spritzen, Helmen und
Aexten
bewaffnet. Ich zeige ihnen hoeflich den Weg und weise
ausdruecklich
daraufhin, dass der Boden im Flur schluepfrig sein
koennte.
Kurz darauf hoere ich es scheppern.
Warum hoert mir eigentlich keiner
zu?
Plimmelplimplomplom
NEU: DIE BAfH FRUEHJAHRSDIAET VIROL2000
Jetzt schlank und fit machen fuer das
neue Jahrtausend! Mit der neuen
Diaet Virol2000 aus dem Hause
BAfH!
Ganze 5 (in Worten: fuenf) Kilo weniger in nur einer
Woche.
Garantiert!
Und ohne jegliche Anstrengung oder
Hungergefuehle.
Die Durchfuehrung der neuen BAfH-Diaet
ist denkbar einfach: Sie fuellen
das gelieferte Virensubstrat in
den handlichen kleinen Zerstaeuber (im
Preis inbegriffen!),
zerstaeuben die klare angenehm duftende Fluessigkeit
grosszuegig
in der Luft und inhalieren.
Wir garantieren, dass Sie bereits am
naechsten Tag mit hohem
auszehrendem Fieber fuer eine Woche im
Bett liegen. Absolute
Appetitlosigkeit garantiert! Nach nur einer
Woche, wenn das Fieber
abgeklungen ist, stehen Sie auf Ihrer Waage
und werden staunen: 5
Kilo weniger garantiert, meistens noch mehr!
Vergessen Sie alle Appetitzuegler und
Hungerdiaeten! Der einzige Weg
zu einer schlankeren Figur fuehrt
ueber die neue BAfH-Diaet Virol2000!
Plomplom
Bastard Ass(i) from Hell 45
Im Workstation-Cluster ist ganz schoen
Betrieb: 24 Benutzer tun so, als
ob sie wissenschaftlich arbeiten
wuerden. Alle Netzsegmente
funktionieren und im PC-Labor klickern
die Keyboards der Studenten
um die Wette. Und alles laeuft wie
geschmiert!
Ich starte eine Handvoll Jobs mit hoher
Prioritaet, die eine
Faktorenanalyse ueber die ersten 10000
Postleitzahlen durchfuehren, und
verteile sie auf die am meisten
belasteten Workstations. Dann verhaenge
ich einen nicht
angekuendigten Wartungszyklus fuer das Subsegment mit
den meisten
Rechnern, loesche saemtliche Usermail von heute
(NACHDEM ich sie
oberflaechlich durchgeschaut habe) und vertausche
zyklisch alle
Drucker-Queues.
Nur damit sich die Mitarbeiter nicht
dran gewoehnen, dass immer alles so
glatt laeuft!
Sicherheitshalber verlege ich noch die
Hardware-Sprechstunde auf den
30.02. Dann haenge ich ein Schild an
meine Tuer: 'Bin in der Vorlesung'
und gehe hinunter zu den
katholischen Theologen. Schliesslich habe ich
mir die ganze letzte
Nacht mit 'Monkey Island' um die Ohren
geschlagen und brauche
jetzt dringend Ruhe.
Ich waehle das Proseminar von Pater
Falus und setze mich, ohne weiter
aufzufallen, unter die anderen
schlafenden Studenten in die vorletzte
Reihe. Mein Nachbar
schnurchelt leise vor sich hin. Die eintoenige,
salbungsvolle
Stimme des Paters lullt mich sanft in den Schlaf:
"... man
die Schoepfungstat Gottes nach der Analogie der immanenten
Taetigkeit
des endlichen Seienden verstehen, dann muesste man - so
scheint es
zumindest - zu einer pantheistischen Auffassung des
absoluten
Seins kommen, nach der das Absolute sich selbst entfaltend
die
Welt hervorbringt. Die Welt waere dann eine notwendige Emanation
des
goettlichen Wesens, eine Art 'natura naturata' (um die
Terminologie
Spinoza zu gebrauchen), ein Mittel also, durch das
das Absolute erst zu
sich kommt..."
Als ich eineinhalb Stunden spaeter
wieder zu mir komme, ist Pater Falus
zum Kirchenrecht
uebergegangen:
"... Zoelibat ist durch die zwei folgenden
Rechtssaetze geordnet:
Erstens: Der Kleriker darf nicht heiraten;
der Versuch macht irregulaer
und bewirkt
Exkommunikation."
Mittlererweile sind alle Theologiestudenten
um mich herum hellwach,
rutschen unbehaglich auf ihren Stuehlen
herum und grinsen so daemlich
wie pubertierende Zehntklaessler im
Aufklaerungsunterricht.
Pater Falus doziert weiter:
"Zweitens:
Der Verheiratete darf nicht geweiht werden. Dispens wird
nur
gewaehrt, wenn die Frau in ein Kloster eintritt..."
Nervoeses
Gekicher weiter vorne.
"...die Fortsetzung der Ehe ist auch
dem mit Dispens Geweihtem
verboten, jedoch kann auch von diesem
Verbot Dispens gewaehrt
werden."
Damit ist fuer den guten
Pater das peinliche Thema abgeschlossen und er
greift erleichtert
zum naechsten Manuskript. Ich hebe meinen Arm. Pater
Falus aeugt
irritiert ueber den Rand seiner Lesebrille.
"Ja? Sie haben
eine Frage?"
"Ja", sage ich, "ich bin mir
nicht ganz sicher, ob ich das richtig
verstanden habe.
Schliesslich ist das ja fuer die Zukunft nicht
ganz
unwichtig..."
Wieder unterdruecktes Gekicher.
"Ich
kann also ruhig heiraten, muss mich aber dann vor der Weihe
zum
Priester um einen Dispens des heiligen Stuhls bemuehen, den
ich nur
bekomme, wenn meine Frau in ein Kloster eintritt?"
Pater
Falus huestelt peinlich beruehrt.
"Nun. Theoretisch mag das
so..."
"Ich kann aber weiterhin mit meiner Frau
Beischlaf pflegen, wenn ich
zusaetzlich einen Dispens zur
Fortsetzung der Ehe erhalte", fahre ich
ungeruehrt fort.
Beim
Wort 'Beischlaf' ueberzieht sich Gesicht und Tonsur des Paters
mit
kirchlichem Purpur. Weiter hinten lacht jemand unterdrueckt.
"Aeh...
nun ja. Im kanonischen Recht..."
"Ich meine, wie mache
ich das denn so rein praktisch? Gehe ich am
Abend mit dem Dispens
zur Mutter Oberin und sage, dass ich die
Absicht habe, diese Nacht
meiner eigenen Frau, die ja inzwischen
Nonne geworden ist,
geschlechtlich beizuwohnen? Was sagen denn da
die anderen Nonnen
dazu?"
Unruhe im Auditorium. Die Studenten rings um mich her
beginnen,
unauffaellig von mir abzuruecken. Wehe, weiche! Der
Boese, der
unbequeme Fragen stellt, ist unter uns!
Dem armen
Pater steht der Schweiss auf der Stirne.
"Ich... ich denke,
wir sollten das... dieses Thema nach der Stunde
privat
besprechen", stottert er.
Fast tut er mir leid; also lasse
ich ihn vom Haken und sage nichts mehr.
Wenn der gute Pater wuesste, wie oft in
den Mailboxen seiner Studenten
von Sex und anderen pikanten Themen
die Rede ist. Irgendwo muessen
die armen Jungs ja ihren sexuellen
Frustrationen ein Ventil schaffen.
Und wenn man weiss, dass nach
der Weihe nix mehr los sein darf,
schlaegt man natuerlich vorher
noch ein wenig auf Vorrat ueber die
Straenge!
Auf dem Weg zurueck in mein Buero
begegnet mir ein Traum von
Maedchen und laechelt mich so
schelmisch an, dass meine Wirbel Polka
tanzen.
Gut, dass ich fuer die Konkurrenz arbeite!
Bastard Ass(i) from Hell 46
Obwohl Montag ist, bin ich heute
ausnahmsweise guter Laune. Der
Grund? Mein Auto hat wieder einmal
versucht, mich 'reinzulegen. Und
diesmal auf so raffinierte Weise,
dass es meine angeborene Vorliebe fuer
die Tuecke des Objekts
entfacht hat!
Ich schleiche also heute Morgen (so
gegen elf Uhr) schlaftrunken auf
die Strasse und suche mein Auto.
Zuerst denke ich, ein geistig
umnachteter Automarder hat mich
endlich von dieser Schrottkiste
befreit, da entdecke ich es -
keine 10 Schritte entfernt. Es ist so
dreckig, dass sich die Farbe
perfekt dem grauen Asphalt angepasst hat.
Damit das nicht wieder
vorkommt, fahre ich gemuetlich - es ist ja noch
frueh am Tage -
zur naechsten Autowaschanlage. Es ist eine von diesen
modernen
Dingern, wo man im Wagen sitzen bleibt und langsam
durchgeschleust
wird. Ich kurbele also das Fenster runter, stecke den
Chip in die
Maschine und druecke den Startknopf. Die Tore schliessen
automatisch
hinter mir und auf der Motorhaube beginnt es bereits zu
schaeumen.
Ich kurbele schnell das Fenster wieder hoch, als sich
ploetzlich -
Knackknirsch - die Kurbel festfrisst. Das Fenster ist noch
zwei
Drittel offen und die Shampoo-Duesen kommen unerbittlich auf
mich
zu. An Flucht ist nicht zu denken. Ich sitze in der Falle, und
mein
Wagen quietscht triumphierend mit dem Keilriemen.
In
Nullkommanix werde ich eingeseift. Obwohl ich fast nichts mehr
sehen
kann - das Auto-Shampoo brennt uebrigens graesslich in den Augen
-,
gelingt es mir, die Fussmatte heraufzuangeln und gegen die
Oeffnung
zu pressen. Die riesige Drehbuerste walzt ueber mich
hinweg wie ein
Tornado aus 'Twisters'. Muehelos saugt sie mir die
glitschige Fussmatte
aus den Haenden, und die Matte verschwindet
irgendwo im
Schaumchaos.
Ich erspare euch die restlichen
Waschgaenge. Allerdings bin ich mir
ziemlich sicher, dass ich in
Zukunft auf Heisswachs verzichten werde!
Endlich wird das Auto mit
einem Ruck in die Trockenzone befoerdert.
'Glanztrocknen' blinkt
es in grosser freundlicher Leuchtschrift durch
das offene Fenster.
Ein wahrer Taifun - eiskalt uebrigens - kehrt im
Wageninneren das
Unterste zuoberst. Bonbonpapiere, vertrocknete
Apfelbutzen, alte
Handschuhe, Brotkrumen, ein halbes Reparaturbuch,
eine zerfetzte
McDonalds-Tuete, ein paar Dutzend ungebrauchte
Papiertaschentuecher
und mindestens drei gebrauchte umkreisen meinen
Kopf. Der Wind
zerrt an meinem Haar und heult mir in die Ohren.
Endlich gibt mich
die Folterkammer frei und ich torkele erschoepft aus
dem Wagen.
Das B.C.f.H. (Bastard Car from Hell) hechelt im Leerlauf
und
grinst mich mit seinen Scheinwerfern haemisch an. Es schaut
so
durchtrieben unschuldig, dass ich unwillkuerlich laut lachen
muss. Zwei
knackige Maedchen in einem dunkelgruenen Mini, die
gerade zur
Zapfsaeule heranrollen, geben bei meinem Anblick
erschrocken Gas und
suchen das Weite.
Nun ja. Inzwischen steht mein Auto in
der Tiefgarage und denkt sich
neue Schandtaten aus. Und ich muss
mich mit den Technikern der
Telekom herumschlagen. Die Deutsche
Telekom ist an sich eine
wunderbare Organisation; sie hat nur
einen kleinen Fehler: es gibt viel
zuviele interne
Telefonnummern.
Ganz klar: wenn eine Firma nur 2 oder 3
Servicenummern hat, wird
man frueher oder spaeter an die richtige
weitervermittelt. Die Telekom hat
ganz offensichtlich Tausende von
Servicenummern - wohl in der
irrigen Annahme, dass damit auch die
Serviceleistung proportional
gesteigert wuerde. Natuerlich ist das
ein fataler Irrtum. Denn auch die
Angestellten der Telekom selber
kommen mit einer solchen Vielfalt von
Nummern einfach nicht mehr
zurecht.
Ich rufe Marianne und den Kollegen O.
in mein Buero und erklaere die
Sachlage: So und so. Der
ISDN-Anschluss vom Labor 3 muss in den
Rechnerraum im ersten Stock
verlegt werden.
Kollege O. tippt auf 9; Marianne entscheidet sich
nach kurzen Zoegern
fuer 6, und ich tippe auf 7.
Dann schalte
ich den Lautsprecher ein und waehle die allgemeine
Service-Nummer
der Telekom.
Zwanzig Minuten spaeter wird es spannend: man hat uns
an die sechste
Stelle vermittelt. Aber auch diese kann es nicht
begreifen, "...wieso der
Kollege Sie ausgerechnet mit mir
verbunden hat. Hier sind Sie ja ganz
falsch. Sie muessen zum
Grosskunden-Service. Warten Sie, ich verbinde
Sie mal
weiter..."
Ich grinse befriedigt, und Marianne zieht einen
Schnute.
Aber leider ist der "...Grosskunden-Service im
Prinzip richtig. Aber Sie
sind beim falschen Buchstaben gelandet.
Wir sind nur zustaendig fuer die
Buchstaben A bis einschliesslich
H. Aber ich kann Sie mit der richtigen
Nummer verbinden..."
Es
bleibt bei 8. Kollege O. und ich teilen uns Mariannes Einsatz.
Zwei Monate spaeter steht tatsaechlich
ein Techniker vor meiner Tuere.
"Jo, wo is denn jetzt der
Gabelganal?"
Der Techniker ist Franke, wie unschwer zu hoeren
ist.
"Un' des Baedschfeld? Wo ham Se denn des Baedschfeld
mondierd?"
Ich zeige ihm Kabelkanal und das Patch-Feld, und
er werkelt eine
Stunde vor sich hin. Dann kommt er, um sich den
Auftrag von mir
abzeichnen zu lassen. Ploetzlich stutzt er, den
Bleistift unentschlossen in
der Hand:
"Jo, wie schreibd ma
denn eigendlich Baedschen? Mid hadde oda
weiche B?"
Bastard Ass(i) from Hell 47
Die Tuer wird ohne Vorwarnung aufgerissen, und ich haue
reflexartig auf den Chef-Knopf.
"...
und aehm... hier... aeh... arbeitet unser Herr Leisch...
hm... ja,
aeh..."
Der Chef schiebt eine fesche junge Frau in
knackigen
Designer-Jeans und siebzehn Zentimeter
hohen
Plateau-Tretern in mein Buero und strahlt mich an.
ROTER ALARM
Wenn der Chef ploetzlich von 'unserem
Leisch' redet und so
strahlt wie eine 500-Watt-Birne, will er
normalerweise
einen laestigen Besucher an mich loswerden!
"... aeh... darf ich... hmm...
vorstellen? Das hier...
aehm... ist... ist... hmm... Frau...
hmm... Frau..."
"Treugott", ergaenzt die junge Dame
kuehl.
"... Treugott - natuerlich! Vom... aeh... 'Cosmic
Radio'. Und
das ist Herr...hm... Leisch. Er wird Sie... hmm...
also, er
kann Ihnen alles ueber das... das SCHWAFEL-Projekt
sagen...
hmm... ja. Also, wir... aeh... vielleicht spaeter
noch...
bin leider sehr, sehr... aeh... beschaeftigt..."
Der
Chef windet sich aus der Tuer und macht sie hinter sich
zu.
Eine Presse-Mieze! Erst letzte Woche
hat so ein Schmierfink
in einer grossen sueddeutschen Tageszeitung
darueber
gelaestert, dass der durchschnittliche IQ
des
Universitaetspersonals deutlich unter dem Durchschnitts-IQ
im
Pressewesen laege!
Wir taxieren uns misstrauisch, wie zwei
koreanische
Kragenkrokodile, die sich unvermutet in einer New
Yorker
Kellerbar ueber den Weg laufen.
Man muss zugeben, die
Reporterin schaut nicht schlecht aus;
sie traegt ein kleines
modernes Aufnahmegeraet ueber der
Schulter und haelt ein schwarzes
Mikrophon in der linken
Hand. Ihre kuehlen dunklen Augen versuchen
herauszufinden,
ob ich fuer ihre Story wichtig genug bin, oder ob
sie jetzt
wieder einmal nur an den Fuzzy vom Dienst
abgeschoben
wurde.
Ich biete hoeflich meinen
Besuchersessel an, und sie haelt
mir sofort das schwarze Mikro
unter die Nase.
"Was bedeutet eigentlich SCHWAFEL?" ist
ihre einleitende
Frage.
"SCHWAFEL ist die Abkuerzung fuer
'Self Constructing Hyper
Wavelet Algorithms For Extrapolating
Linguistics'",
erlaeutere ich.
"Und was bedeutet
das?"
Ich werfe ihr einen langen scharfen Blick zu. Sie wird
eine
Schattierung dunkler unter dem perfekten Makeup.
"Sie
wissen aber doch sicher, was ein 'Wavelet' ist, oder?"
sage
ich leutselig.
"Na ja, ich..."
"Genau: 'Wavelet'
ist der englische Ausdruck fuer
'Waffeleisen'.
Letztendlich
geht es also im SCHWAFEL-Projekt darum, ein
selbstorganisierendes
Waffeleisen zu simulieren, das seine
Waffelmuster auf die
linguistischen Faehigkeiten des
Benutzers extrapoliert..."
Die
Reporterin des 'Cosmic Radio' starrt mich eine Sekunde
lang
unsicher an; das Mikro schwankt unentschlossen unter
meiner Nase
hin und her. Dann fluechtet sie sich
entschlossen in eine
bewaehrte Phrase:
"Koennen Sie das fuer unsere Hoerer noch
einmal in ganz
einfachen Worten erklaeren?"
"Aber
selbstverstaendlich", sage ich milde, "also:
ein
herkoemmliches Waffeleisen produziert doch immer das
gleiche
Muster, nicht wahr?
Und wenn nun in diesem Muster ein
linguistischer Term
vorkommt, z.B. ein Spruch oder ein Gedicht,
dann ist das
doch immer derselbe Term auf jeder Waffel, verstehen
Sie?
Immer und immer wieder der derselbe. Gut. Aber wollen
wir
das? Koennen wir uns das in unserer modernen
multi-medialen
Gesellschaft noch leisten? Ein Waffeleisen, das
jahraus,
jahrein denselben Spruch auf seine Waffeln praegt? Und
was,
wenn das Eisen den Benutzer wechselt? Vielleicht steht
der
neue Benutzer nicht auf Goethe oder Byron. Und dann muss
der
arme Kerl den Rest seines Lebens mit Waffeln leben,
die
Aufschriften tragen, mit denen er nichts anfangen
kann."
"Aber..."
"Mit SCHWAFEL wird es das
nicht mehr geben. Das 'Wavelet',
also das Waffeleisen, wird sich
automatisch an das
intellektuelle und linguistische Niveau des
Benutzers
anpassen. Die Bandbreite geht von Perry Rhodan bis
James
Joice..."
Die Reporterin holt tief Luft:
"Wollen
Sie allen Ernstes sagen, dass ein Forschungsprojekt,
das mit 10
Millionen pro Jahr finanziert wird, ein
Waffeleisen
entwickelt?!"
"Mein liebe Frau
Treulos..."
"Treugott!"
"... natuerlich!
Entschuldigen Sie vielmals. Erstens handelt
es sich nicht um ein
einfaches Waffeleisen, sondern um die
Simulation eines
selbstorganisierenden Waffeleisens - was
ein grosser Unterschied
ist - und ausserdem vergessen Sie
die
Spin-Offs."
"Spin-Offs?"
"Natuerlich!
Wie beim Apollo-Programm, nicht wahr?
Microchips, Superkleber,
neue Isolationsmaterialien, die
ganze Computerrevolution - das
waren alles Spin-Offs vom
Apollo-Programm der sechziger Jahre. Sie
sehen also, es
kommt gar nicht darauf an, ob wir ein Waffeleisen
oder ein
Fussmassagegeraet entwickeln - entscheidend sind nur
die
Spin-Offs!"
"Und worin bestehen die bei
SCHWAFEL?" will sie hartnaeckig
wissen.
"Das ist so
im Einzelnen nicht vorhersehbar. Aber es wird
auf jeden Fall
fundamentale Auswirkungen auf Naehmaschinen,
Spritzgebaeckapparate
und Stickmusterautomaten geben. Sie
sehen also, dass die
Implikationen des Projekts SCHWAFEL
enorm sein
werden."
"Aber..."
"Entschuldigen Sie, Frau
Treuhand..."
"Treugott!!"
"... aeh, ja.
Koennten Sie mit diesem Dings, diesem Mikro,
nicht etwas mehr
Abstand halten? Es macht mich nervoes, wenn
etwas unter meiner
Nase herumschwingt..."
Die rasende Reporterin des 'Cosmic
Radio' schaut auf ihr
kleines Aufnahmegeraet.
"Tut mir
leid, aber die Batterien sind fast alle; ich
bekomme kaum noch
eine anstaendige Aussteuerung..."
"Batterien? Aber das
ist doch gar kein Problem! Moment
mal..."
Ich schnappe mir
ihr Geraet und springe 'rueber ins
Physik-Praktikum, wo die
Frischlinge sich mit dem
altersschwachen Zyklotron abmuehen.
Ich
lege das Geraet in den Beschleunigerspalt und sage den
Studenten,
dass sie weitermachen sollen, aber sie sollen den
Beschleuniger
mal kurz auf Warp 9 stellen. Und zwar ein
bisschen
flotty!
Waehrend das Ding von starken Magnetfeldern und
Elektronen
durchsiebt wird, suche ich nach einer neuen Batterie.
Dann
ziehe ich noch schnell den Mikrostecker ab und tauche
die
Kontakte in schnell trocknenden Isolierlack.
"So. Alles erledigt", sage
ich froehlich und gebe ihr das
Aufnahmegeraet zurueck, "jetzt
laeuft es wieder wie eine 1."
"Komisch. Es ist ja ganz
warm?" wundert sie sich.
"Wahrscheinlich, weil ich es
die ganze Zeit in der Hand
gehalten habe.
Wo waren wir
stehengeblieben?"
"Koennen Sie mir den Prototypen von
SCHWAFEL einmal
vorfuehren?"
Ich tue so, als ob ich
zoegerte.
"Nun ja. Eigentlich ist er ja erst in der
Entwicklung,
befindet sich sozusagen noch im Embryonalzustand.
Aber gut,
was soll's!"
Ich rufe einen Bildschirmschoner
auf, der eine
Mandelbrotmenge in Form von klassischen
Apfelmaennchen auf
den Schirm zeichnet.
"Sehen Sie, Frau
Treubruch, hier entwickelt sich gerade das
sogenannte
Embryo-Wavelet. Sie koennen sehen, wie es langsam
immer groesser
wird. Seine Faehigkeiten werden sozusagen von
Sekunde zu Sekunde
komplexer und passen sich unseren
linguistischen Faehigkeiten an.
Natuerlich ist das nur eine
Simulation der symbolverarbeitenden
Faehigkeiten des
Waffeleisens, nicht das Waffeleisen
selber..."
"Treugott", sagt sie nachdenklich und
starrt auf das
farbige Apfelmaennchen.
"Wie? Ach so, ja.
Verzeihung. Mein Namensgedaechtnis..."
Sie ist so fasziniert, dass sie
vergisst, auf die
Aussteuerungsanzeige ihres Recorders zu achten.
Da ruehrt
sich naemlich schon lange nichts mehr!
"Und
wie", fragt sie, "wie aeussern sich jetzt
die
linguistischen Faehigkeiten des... dieses Wavelets?"
"Passen
Sie auf!"
Ich druecke Ctrl-C und der Bildschirmschoner bricht
mit der
ueblichen Fehlermeldung ab.
"...'Error: broken
pipe'... ", liest sie verbluefft vom
Bildschirm ab.
"Aber
was soll denn das heissen?"
Ich zucke mit den Achseln.
"Nun,
ja. Wie gesagt - ein Embryo. Wir sind mit unseren
Forschungen ja
auch erst ganz am Anfang..."
Endlich zieht Frau Treudoof zufrieden
und mit einem halben
Kilometer leerem Tonband im Kasten ab, und
ich kann mich
endlich wieder der heutigen Usermail
widmen.
Manchmal frage ich mich, wie man an diesem
LEERstuhl
vernuenftig wissenschaftlich arbeiten soll, wenn man
staendig
solche Leute hereinlaesst...
Bastard Ass(i) from Hell 48
Boeoeoeh!! Boeoeoeoeh!!
Mein PAD
(Professoren-Annaeherungs-Detektor) schlaegt an. Das ist
schon das
fuenfte Mal heute! Normalerweise rennt der Chef nicht
andauernd an
meinem Buero vorbei. Es muss sich um jemand anderen
handeln.
Ich
schaue auf den Gang hinaus und sehe gerade noch den breiten
Ruecken
unseres Dekans im Geschaeftszimmer verschwinden.
Wenn die Haeuptlinge sich persoenlich
beim Chef zum Kriegsrat
versammeln, ist irgendetwas im Busche. Ich
versuche, Mikrophon und
Soundblasterkarte im Rechner des Chefs zu
aktivieren. Aber leider hat
er den Rechner wieder einmal
ausgeschaltet.
Das Geraeusch stoere ihn, sagt der Chef
immer entschuldigend, wenn ich
ihn darauf hinweise, dass sein
Rechner schon wieder nicht am Netz ist.
"Dann bekommen Sie
aber keine email", sage ich dann, "und ausserdem
wird
der Rechner nicht ge-backuped."
"Schoen... aehm...
aeh... ich wollte sagen: Schade... hmm..."
Und dabei bleibt
es dann. Im Grunde habe ich den Verdacht, dass der
Chef sowieso
keine email beantworten will und deshalb den Rechner,
sobald ich
den Raum verlassen habe, wieder ausschaltet. Fuer mich ist
das
aeusserst aergerlich, weil dadurch das Zimmer des Chefs der
einzige
Raum am LEERstuhl ist, der praktisch abhoersicher ist.
Es klopft und Frau Bezelmann streckt
ihren Kopf herein:
"Sie werden vom Chef verlangt", sagt
sie genuesslich.
ALARMSTUFE GELB!
"Nur vom Chef?" frage ich
vorsichtig.
Frau Bezelmann zieht ihre Mundwinkel nach unten. Ihre
Augenglaeser
blitzen gefaehrlich:
"Der Dekan und der halbe
Fachbereichsrat sind auch da", erklaert sie
bedeutungsvoll.
Auf dem Weg zum Geschaeftszimmer gehe
ich blitzschnell die
Ereignisse der letzten Monate durch. Der
abgeschleppte Wagen des
Kanzlers? Die ueberflutete Tiefgarage? Die
Explosion in Labor 3? Der
Schneepflug der Hausmeister? Oder hat
die RKfH etwa eine
Dienstaufsichtsbeschwerde gegen mich
angestrengt?
Kinkerlitzchen! Ich meine, immerhin
hatten wir schon seit ueber einem
Jahr keine Todesfaelle mehr an
unserem LEERstuhl...
Apropos! Vielleicht hat es ja
tatsaechlich etwas mit dem UPS-
Lieferanten zu tun, der vor zwei
Jahren in den zufaellig nicht
abgedeckten Hauptkabelschacht
gefallen ist...
Vor der Tuere zum Chefzimmer
mobilisiere ich kurz meine
Abwehrkraefte, dann klopfe ich und
oeffne die Tuere.
"Ah... ja... aehm... da ist ja...
aeh... da kommt ja endlich... hmm... der
Mann, auf den wir...
hmm... kommen Sie.. aeh... kommen Sie nur
herein...Setzen Sie
sich..."
Der Dekan, drei Professoren vom
Fachbereich und natuerlich der Chef
sitzen auf Polstermoebeln
hinter halbleeren Kaffeetassen und grinsen
mir freundlich
entgegen. Ein wahrhaft erschreckender Anblick!
Ausserdem sitzt da
noch eine nicht mehr ganz junge Dame mit strengen
Gesichtszuegen
steif auf der Sofakante und betrachtet mich mit dem
uninteressierten
Blick eines gerade gefuetterten Tigers.
"Die... aeh... Herren Kollegen
kennen Sie ja... aehm... Leisch. Und das
hier ist... aeh...
Professor Icewater aus San Francisco, die Sie gerne...
hmm....
kennenlernen moechte..."
Mrs. Icewater neigt den Kopf mit dem
grauen Haarknoten ganz leicht
in meine Richtung.
Ich
durchforste fieberhaft mein Gedaechtnis, aber ich kann mich
beim
besten Willen nicht mehr erinnern, ob der Name Icewater in
letzter Zeit
in der Mail vom Chef aufgetaucht ist.
Unser Dekan, Professor Steinbrecher,
lehnt sich in den aechzenden
Sessel zurueck und ergreift gewichtig
das Wort:
"Professor Icewater hat kuerzlich einen Lehrstuhl
der University of
California uebernommen und, nun ja, nach ihrer
eigenen Schilderung
geht es dort ziemlich drunter und drueber.
Hacker, unsichere Systeme,
ein offenes Computernetz, Viren,
Plattenabstuerze - Sie verstehen?"
Ich beteuere mit dem Brustton des guten
Gewissens, dass ich damit
absolut nichts zu tun habe. Und weil es
ausnahmweise sogar stimmt,
klingt es richtig ueberzeugend.
Die
Professoren schmunzeln.
Sind Sie schon mal fuenf schmunzelnden
Professoren gegenueber
gesessen? Ich schalte auf ALARMSTUFE ROT!
"Aber natuerlich nicht",
faehrt Professor Felsklauber von der virtuellen
Fluidthermodynamik
fort. "Professor Icewater ist hier, weil sie von
unserem
hervorragend organisierten Rechnernetz hier gehoert hat. Sie
moechte
Sie gerne - vorausgesetzt natuerlich, dass Sie einverstanden sind
-
fuer einige Zeit als Berater mit nach San Francisco nehmen. Was
halten
Sie davon?"
Ich starre in sechs erwartungsvollen
Professorengesichter.
"Volles Auslandstagegeld und freie
Dienstwohnung?"
Die Professoren schauen Mrs. Icewater an.
Diese nickt.
"Ok", sage ich.
Der Chef atmet
erleichtert auf...
Und damit endet das Buch 'Bastard
Ass(istant) from Hell' (oder 'Das
Jahr des Bastards' oder 'Bastard
Assistent' oder wie auch immer der
Verlag sich letztendlich
entscheiden wird, das Machwerk zu taufen!).
Verpassen Sie nicht
den zweiten Band 'Bastard Ass(istant) in Oversea'
- demnaechst auf
dieser Liste!